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Opulente Doppelausstellung zu Ehren von Siegfried Neuenhausen

Das Gesellschaftsspiel Opulente Doppelausstellung zu Ehren von Siegfried Neuenhausen

Die große Ausstellung zu Ehren von Siegfried Neuenhausen im Sprengel Museum und im Kunstverein Hannover zeigt, dass sich dieser in seinen alten Tagen offenbar darin gefällt, aus erhobener Perspektive auf die Gesellschaft zu blicken – und ihre Glieder, ähnlich wie beim Spiel mit Zinnarmeen, in unterschiedlichen Konstellationen aufzustellen.

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So viele Leute waren noch nie im Kunstverein Hannover: Der Künstler Siegfried Neuenhausen und seine Liliputaner.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Man kennt das von alten Generälen: Im Ruhestand kramen sie die Zinnsoldaten aus Kindertagen hervor und stellen noch einmal die großen Schlachten nach. Sie lassen Infanterie und Kavallerie aufeinandertreffen, bringen auf dem Wohnzimmerteppich schweres Geschütz in Stellung und erproben strategische Winkelzüge. Zwischendurch nehmen sie einen Schluck Cognac. Bei Künstlern, noch dazu solchen, deren Identitätsbildung untrennbar mit dem Widerstand gegen Faschismus und mit pazifistischem Engagement verbunden ist, aber können derartige Planspiele überraschen.

Die große Ausstellung zu Ehren von Siegfried Neuenhausen im Sprengel Museum und im Kunstverein Hannover zeigt, dass sich dieser in seinen alten Tagen offenbar darin gefällt, aus erhobener Perspektive auf die Gesellschaft zu blicken – und ihre Glieder, ähnlich wie beim Spiel mit Zinnarmeen, in unterschiedlichen Konstellationen aufzustellen.

Der ehemalige Professor der Braunschweiger Kunsthochschule HBK ist in Hannovers und Niedersachsens Kunstszene nicht nur eine herausragende Gestalt, sondern eine Vaterfigur. Wie zuvor Timm Ulrichs ist nun auch ihm ein Ausstellungsdoppelpack gewidmet. In seinen neuen Arbeiten recycelt Neuenhausen Naturmaterial aus physiotherapeutischen Praxen. Seine Figurenarmeen – mehr als 4500 Männer und vollbusige Frauen – bestehen aus Fango. Was Wellnesspackung war, wird in Neuenhausens neuen Werken Studie über „Verhaltensweisen von Menschen in Massen“.

In den zentralen Installationen im Kunstverein stehen Figuren in langen Reihen für wer weiß was Schlange oder formieren sich zu ornamentalen Blöcken, die das Herz des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il höher schlagen lassen würden. Am anderen Ende des Raums löst sich der ornamenthafte Drill auf. Es herrscht Chaos, klumpige Fango-Golems liegen umher. Zwischen Drill und Anarchie gibt es in der Mitte einige Ansätze kollektiver Zusammenschlüsse, aber eher zaghaft und hilflos.

Siegfried Neunhausen eröffnet eine Ausstellung im Sprengel Museum und im Kunstverein Hannover. Der Künstler recycelt in seinen Werken Naturmaterialien aus physiotherapeutischen Praxen.

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Fast könnte man meinen, der nachhaltig 68er-bewegte Künstler wäre gegenüber den gesellschaftlichen Möglichkeiten inzwischen eher skeptisch eingestellt, doch er widerspricht. Schaut man sich sein Engagement im hannoverschen Problemstadtteil Hainholz an, wo Neuenhausen ein Kreativprojekt nach dem anderen realisiert, stellt man fest, dass sein Idealismus tatsächlich ungebrochen ist. „Nachdem ich mit Gefangenen und psychisch Kranken gearbeitet hatte, musste ich auch mit meinen Nachbarn etwas machen“, sagte der Künstler gestern lapidar.

Im November feiert der 1931 in Dormagen am Rhein geborene Bildhauer seinen 80. Geburtstag. Ein Künstler seines Formats hätte in seiner Wahlheimatstadt ­eigentlich schon viel früher geehrt werden müssen, sagte gestern Ulrich Krempel. Das konnte man als Selbstkritik verstehen, denn Krempel ist seit 1993 Direktor des Sprengel Museums. Im dortigen Ausstellungsteil ist nun Neuenhausens Frühwerk aus den sechziger und siebziger Jahren in Ausschnitten zu sehen. Mit den 1967 geschaffenen lebensgroßen „Bürgern von B.“, einer neunteiligen Figurengruppe als Paraphrase auf Auguste Rodins berühmte „Bürger von Calais“, wurde Neuenhausen bekannt. Viel Aufmerksamkeit erhielt er auch mit eindringlichen Arbeiten wie dem „Denkmal für João Borges de Souza“, einen in Brasilien von der Staatspolizei gefolterten und ermordeten Studenten.

Stilistisch erinnern Neuenhausens frühe Plastiken aus gefundenen Materialien an den Pop-Realismus von Edward Kienholz oder George Segal. Während diese jedoch der Konsumkultur ironische Denkmale setzten, kommen Neuenhausens Werke mit der moralischen Wucht von Käthe Kollwitz daher. Er hat aber auch Witz: Auf die deutsche Befindlichkeit zielte der Künstler 1970 mit dem „Deutschen Gruß“: Eine Hand grüßt aus einem braunen Häuflein heraus.

Zu Neuenhausens Entdeckern zählte der Großsammler Peter Ludwig. Damit, dass die Werke Kunstmarktschlager wurden, war nicht unbedingt zu rechnen gewesen. 1971 pries die Zeitschrift „Capital“ Neuenhausens Werke sogar als sichere Kapitalanalge und untermauerte das mit Indextafeln und Versteigerungskurven. Damals war der Bildhauer bereits seit sieben Jahren Professor an die Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. An der politisch motivierten Skulptur der Anfangsjahre bekam Neuenhausen allerdings bald Zweifel. 1977 meißelte er in Bremen mit Gefangenen Skulpturen. Danach ging er in psychiatrische Kliniken. Unter anderem brachte die Wochenzeitung „Die Zeit“ damals einen längeren Bericht.

Gerade diese wohl bedeutendste Werkphase findet sich in der jetzigen Schau nicht gespiegelt. Als Grund wird genannt, dazu habe es bereits in der Vergangenheit im Kunstverein Ausstellungen gegeben. So hinterlässt der Ausstellungsdoppelpack einen ambivalenten Eindruck: Den neueren Arbeiten mangelt es an Kraft, die älteren interessieren vor allem als historische Dokumente.

Gesellschaftskritische Kunst greift heute zu anderen Ausdrucksformen. Die realistische sozialkritische Bildhauerei hat sich überholt. Der Impuls hinter Neuenhausens Werk aber, seine politische Sensibilität und der Mut, Aktionen zu setzen, sind aktueller denn je. In diesem Punkt ist Neuenhausen Vorbild.

Sprengel Museum und Kunstverein Hannover, bis 9. Oktober, Katalog 10 Euro.

Johanna di Blasi

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