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Orakel und Debakel

Peinliche Prognosen Orakel und Debakel

Die Beatles? Das wird nichts. Das Auto? Hat keine Zukunft. Immer wieder schicken sich vermeintliche Experten an, die Zukunft vorher zu sagen. Ein Buch versammelt peinliche Prognosen.

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Wurde nicht viel zugetraut: Die erfolgreichste Band der Welt, die Beatles.

Quelle: dpa

Hannover. Es hat ja etwas Beruhigendes, dass die Zukunft – trotz iPad, Twitter und Horst Opaschowski – noch immer ein Mysterium ist. Während die Gegenwart immer gegenwärtiger wird, während wir immer öfter und schneller in Echtzeit erfahren, was jetzt gerade in dieser Sekunde in Oslo, Tunis oder Kairo passiert, bleibt die Zukunft ein dunkles Rätsel. Und keine iPhone-App, kein Google-Projekt, keine Hippie-Weissagerin und kein Superrechner werden je vorhersagen können, was sie bringt. Que sera, sera.

Tatsächlich? Ist das so? Könnte es nicht sein, dass in drei oder vier Jahrzehnten ein milde tadelnder Zeitungsartikel erscheint, in dem es heißt: „Damals, 2011, dachten die Menschen tatsächlich noch, man werde die Zukunft niemals vorhersagen können. In einem Zeitungsartikel vom 27. Juli heißt es ...“

Seien wir also vorsichtig mit definitiven Aussagen. „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, hat Mark Twain mal gesagt (oder Karl Valentin oder Winston Churchill, die Fachwelt ist sich da nicht einig). Das freilich hinderte „Experten“, resolute Monarchen und besserwissende Zeitungsschreiber im Laufe der Jahrhunderte nicht daran, sich mit apodiktischem Selbstbewusstsein auf dünnes Eis zu wagen. Die Folge: absurde Orakelei und – aus heutiger Sicht – aberwitzige Fehleinschätzungen. Der Autor Jürgen Brater hat Hunderte von historischen Irrtümern zusammengetragen, vom Jahr 1179 (Erzbischof Johannes von Toledo: „In sieben Jahren wird die Welt mit verheerenden Erdbeben und Stürmen untergehen“) bis 2009 (BBC-Chefmeteorologe Ewen McCallum: „Wir werden einen warmen Barbecue-Sommer bekommen“). Stilles Motto seines feinen Buches: Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

Wer zur falschen Zeit am falschen Ort das Falsche sagt, kann sich welthistorisch zum Deppen machen: Wie Dick Rowe etwa, bedauernswerter Chefanalyst der Plattenfirma Decca, der am 1. Januar 1962 den Jackpot seines Lebens in seinem Büro sitzen hatte – und versagte. „Uns gefällt ihr Sound nicht“, sagte Rowe, „und Gitarrenmusik ist ohnehin nicht gefragt.“ Dann gingen die Beatles halt zu Parlophone.

Zu allen Zeiten lagen „Fachleute“ falsch. 1806 urteilte die russische Akademie der Wissenschaften: „Erdöl ist eine nutzlose Absonderung der Erde, die stinkt und in keiner Weise verwendet werden kann.“ 1874 verstieg sich der deutsche Physiker Philipp von Jolly zu der Behauptung: „In der Physik ist im Wesentlichen schon alles erforscht.“ Das erinnert an den Chef des US-Patentamtes, Charles Duell, der 1899 voreilig kundtat: „Alles, was erfunden werden kann, wurde bereits erfunden.“ Das US-Patentamt blieb trotzdem geöffnet und verzeichnete auch im 20. Jahrhundert noch Bahnbrechendes wie den regensicheren Hut mit Tannenzapfenschuppen und die Fliegenklatsche mit variabler Schlagkraft und Glockensignal.

Manche Fehlprognosen offenbaren putzige Denkfehler (Gottlieb Daimler 1901: „Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten – allein schon aus Mangel an Chauffeuren“), manche verraten ökonomisches Wunschdenken (Kinofilmproduzent Darryl F. Zanuck 1946: „Der Fernseher wird sich nicht durchsetzen. Die Menschen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren“). Und viele Prognosen zeigen, wie sehr Menschen jeweils in ihrer Zeit verhaftet sind (William Preece, britischer Postchef: „Die Amerikaner brauchen vielleicht das Telefon, wir aber nicht, wir haben eine Menge Eilboten.“)

Oft sind es Firmenbosse, die sich mit Borniertheit und dickfelligem Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit einmalige Gelegenheiten durch die Lappen gehen lassen. „Nein danke, dieses Auto ist eine Fehlkonstruktion“, sagte Henry Ford II., Präsident der Ford Motor Company, zu dem Angebot, für kleines Geld das kurz nach dem Krieg in Not geratene Volkswagenwerk mit seinem „VW Käfer“ zu übernehmen. Schon 1955 lief dann der millionste „Käfer“ vom Band, insgesamt waren es bis 2003 mehr als 21,5 Millionen. „Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt“, prophezeite IBM-Chef Thomas J. Watson 1943. „Wer braucht eigentlich diese Silberscheibe?“, fragte der spätere Philips-Chef Jan Timmer 1982. Die „Silberscheibe“ war die CD. Kann passieren.

Nicht minder peinlich die Auguren der Kultur: „Shakespeares Stern wird über kurz oder lang verlöschen“, meinte Lord Byron 1814. „Tiergeschichten lassen sich in den USA unmöglich verkaufen“, befand 1943 der US-Verleger Alfred A. Knopf. Die fragliche „Tiergeschichte“ war George Orwells späterer Welterfolg „Farm der Tiere“. „Im Juni wird er verschwunden sein“, schrieb 1955 das US-Magazin „Variety“ über das Phänomen Rock ‘n‘ Roll. Und der russische „Odessa Kurier“ watschte Leo Tolstois Romanepos „Anna Karenina“ 1877 mit den Worten ab: „sentimentaler Quatsch“.

Und die Neuzeit? Junge Klassiker der Fehleinschätzung lieferten Bill Gates („OS/2 wird das Betriebssystem der neunziger Jahre“, 1989), Franz Beckenbauer im Wendejahr 1990 im deutsch-deutschen Fußballtaumel („Diese Mannschaft wird auf Jahre hinaus nicht zu schlagen sein“) und Apple-Boss Steve Jobs – dessen Visionen heute mit quasireligiöser Inbrunst verehrt werden – mit seinem berühmten Satz über das Laptop: „Für den Durchschnittsnutzer sind diese Geräte unnütz“ (1985). „Mission accomplished“, tönte die Militärmacht USA am 1. Mai 2003 in Anwesenheit von US-Präsident George W. Bush. Zynismus oder Blindheit? Auf jeden Fall ein Debakel. Seit Bushs Auftritt starben im Irak bis zum Frühjahr 2011 2450 US-Soldaten – mehr als im eigentlichen „Krieg“ zuvor (2300).

Zwar hat die Listenbücher-Manie der letzten Jahre ihren Zenit überschritten (spätestens seit dem Werk „Die besten Klosprüche zur deutschen Vereinigung“). Braters nur ganz leicht schadenfrohe Sammlung aber verrät nebenbei viel über die Hybris, mit der Menschen den Fortgang der Dinge betrachten, aber auch über die Ängste, die jede Veränderung auslöst. Menschen sind Gewohnheitstiere, und nicht wenige sähen die Zukunft lieber als eine Art „gestreckte Gegenwart“, wie Max Goldt mal gesagt hat. „Das Pferd wird es immer geben“, murrte Kaiser Wilhelm II. 1906, „das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“

Neues verunsichert. Jedes Baby lebt vor, wie beruhigend Erfahrung ist. Dabei ist „Gegenwart“ eigentlich ohnehin ein Abstraktum, ein unendlich winziger Moment in den Zeitläuften. Davor und danach dehnen sich Vergangenheit und Zukunft, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Zukunft weniger Neues bringen wird als die Vergangenheit brachte. Zeiten von Fortschrittsskepsis und Phasen regen Erfindens wechseln sich dabei ab. Derzeit erleben wir mit iPad, Twitter, Guttenplag & Co. wieder eine Periode voller Technikblütenträume. Da tut eine demütigende Erinnerung an die großen Orakel-Debakel ganz gut. Halten wir uns an Winston Churchill: „Der sicherste Zeitpunkt für eine Prognose ist kurz nach dem Ereignis.“

Jürgen Brater: „Keine Ahnung, aber davon viel: Die peinlichsten Prognosen der Welt“, Ullstein, 304 Seiten, 8,99 Euro, ISBN 3548373860

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