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"Orfeus" eröffnet die Theaterformen

Ausflug ins Totenreich "Orfeus" eröffnet die Theaterformen

Mit Brett Baileys afrikanischem "Orfeus" sind am Donnerstag die Theaterformen eröffnet worden. Dabei wurde der Orpheus-Mythos, der von einer Reise ins Totenreich berichtet, an einem Lagerfeuer erzählt.

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Die Schlange beißt: Eurydike stirbt am Feuer, und Orfeus wird sich auf den Weg in die Unterwelt machen müssen.

Quelle: Burghardt

Hannover. Vielleicht hat es ganz anders angefangen. Vielleicht hat die alte Kunst des Theaters ihren Ursprung gar nicht im antiken Griechenland, wo in kultischen Handlungen aus Rede und Gegenrede das Dialogische des Schauspiels erwuchs. Vielleicht fing alles viel früher an. Irgendwo in der Dämmerung an einem Lagerfeuer.

Jemand erzählt eine Geschichte. Jemand setzt sich eine Maske auf. Jemand spielt ein Instrument. Jemand singt. Es ist eine Geschichte von Liebe und Tod, und jeder kann ihr folgen, und jeder hat mit ihr zu tun, weil jeder weiß, wie Liebe ist, und weil jeder weiß, dass er sterben wird. Aber wie das ist, weiß keiner.

Der Orpheus-Mythos, der hier am ­Lagerfeuer erzählt wird, berichtet von einer Reise ins Totenreich. Orpheus folgt seiner Geliebten Eurydike ins Reich des Hades. Er darf sie wieder mit zurück zu den Lebenden nehmen. Unter einer Bedingung: Falls er sich umschaut, bleibt die Geliebte bei den Toten. Die Selbstvergewisserung ist verboten, Orpheus muss vertrauen – und scheitert.

Diese alte Geschichte erzählt der südafrikanische Regisseur Brett Bailey mit seiner Gruppe Third World Bunfight jetzt bei den Theaterformen. Sein „Orfeus“, 2006 in Kapstadt uraufgeführt, hat das Festival eröffnet, das bis zum 3.  Juli einen Einblick in die Formenvielfalt des Theaters geben wird. Anja Dirks, die Intendantin, zeigte sich am Eröffnungstag in Gummistiefeln – was Schlimmes befürchten ließ. Der Spielort von Baileys „Orfeus“-Projekt wird geheim gehalten. Festes Schuhwerk, hieß es in der Ankündigung, sei sinnvoll. Aber Gummistiefel?

Später stellte sich heraus, dass es auch ohne ging. Aber nicht ohne dicke Jacke. Baileys „Orfeus“ ist Freilichttheater. Per Bus (mit zugeklebten Fenstern, es soll ja schließlich in die Unterwelt gehen) wird das Publikum zum Spielort chauffiert, etwa zwanzig Minuten dauert die Reise. Man bleibt im Stadtgebiet, fühlt sich aber wie im Niemandsland. Eine Schauspielerin führt die Zuschauer vom Bus zur ersten Spielstation: ein Lagerfeuer. Die Zuschauer sitzen im Kreis auf Strohballen. Ab und zu pustet einem der Wind Rauch ins Gesicht.

Einer der Darsteller nimmt eine Gitarre und beginnt zu spielen, einer setzt sich eine Maske auf, und die Erzählerin (Jane Rademeyer) erzählt mit klarer, schöner Stimme die Geschichte von Orpheus. Der Sänger (Bebe Lueki) singt, Eurydike (Nondumiso Zweni) tanzt, ein „ritueller Führer“ (Andile Bonde) macht bedeutungsvolle Gesten. Mit wenigen Mitteln und melodiöser Musikbegleitung erzählen die Darsteller den Anfang des Orpheus-Mythos. Es ist ein sehr einfaches, sehr emotionales Theater, das sich viel Zeit nimmt; mehr als zwei Stunden dauert die Aufführung, was bei schlechtem Wetter eine Herausforderung sein kann. Es wirkt ein bisschen fremd, ein bisschen überdeutlich, aber doch verzaubert es – irgendwie.

Ins Totenreich geht’s dann zu Fuß. Die Zuschauer folgen einem Führer (Abey Xakwe) in die Unterwelt; es geht durch die Keller verfallener Häuser, vorbei an kleinen Bühnen, auf denen etwa Mädchen hinter Stacheldraht zu sehen sind, die Turnschuhe nähen. Am Ende trifft man vor einer beeindruckenden Ruinenkulisse Hades (Graham Clarke), den Gott der Unterwelt. Der ist – natürlich – ein Weißer und betreibt seine schmutzigen Geschäfte am Laptop.

Diese Tableaux vivants sind immer plakativ. Von Ausbeutung der Dritten Welt und von der Verantwortung des Künstlers hätte man auch anders, auch genauer erzählen können. Aber vielleicht nicht so anschaulich. Eine faszinierende Theaterform präsentiert Brett Bailey allemal.

Weitere Vorstellungen am 24., 25. und 26. Juni. Karten: (0511) 99991111.

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