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„Man muss die Traurigkeit akzeptieren“

Patricia Kaas „Man muss die Traurigkeit akzeptieren“

Eine neue CD – und eine neue Konzerttour: Die französische Patricia Kaas ist wieder zurück auf der Bühne und kommt im April auch für einen Auftritt nach Hannover.

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„Die Leute denken, wenn man Erfolg hat, hat man keine Probleme“: Patricia Kaas. 

Quelle: Rudolf J. Uhrig

Hannover. Das Stück handelt von Traurigkeit. Und die ersten Töne klingen auch getragen. Aber in Takt Nummer neun setzt das Schlagzeug ein. Es streut Leichtigkeit über die Töne. Es gibt dem Lied etwas Tänzerisches. Und beim Refrain legen sich dann die Streicher ins Zeug, als wollten sie ein Hollywood-HappyEnd einleiten. Das Stück findet sich auf der neuen CD und im neuen Tourprogramm von Patricia Kaas. Es heißt „Ma Tristesse est n’importe où“, „Meine Traurigkeit ist überall“. Der Text erzählt von Schwermut. Die Musik erzählt von Lebendigkeit. Und die Stimme von Patricia Kaas zeigt, dass das eine das andere nicht ausschließt: In ihr stecken gleichermaßen Kraft und Verletzlichkeit.

„Man muss die Traurigkeit akzeptieren“, sagt die Sängerin. „Sie gehört zum Leben. Sie macht im Übrigen das Glück schöner.“

Früher war mehr Aufwand

Patricia Kaas sitzt in ihrer Garderobe in der Alten Oper in Frankfurt, graue Jeans, T-Shirt, bequemes Jackett. Und Fellpantoffeln. Völlig ungezwungen. Noch zweieinhalb Stunden bis zum Konzert. Es ist ein Mammutprogramm, das die Sängerin, im Dezember 50 geworden, gerade absolviert, Auftritte in halb Europa (und im April auch in Hannover), mit der Musik von der neuen CD. Die heißt schlicht „Patricia Kaas“.

„Die Lieder gleichen der Frau, die ich geworden bin“, sagt sie. Eine Spur nachdenklicher als früher, eine Spur selbstbewusster. Die Arrangements sind schlichter, wie beim ersten Song „Adéle“, in dem eine Erwachsene einem Mädchen erzählt, dass sein Leben als Frau nicht leicht werden wird: Akustikgitarre, Kontrabass, ein paar Tupfer Klavier und E-Gitarre. Früher gab es mehr Aufwand, alles war etwas üppiger in den Kaas-Songs.

"Die Hülle ist schön. Doch was ist innen drin?"

Die CD und die Tour - das ist eine Art Neuanfang nach einer Zäsur. Die Sängerin, die 1987 mit ihrem Album „Mademoiselle chante le Blues“ debütierte und seitdem fast 20 Millionen Platten verkauft hat, konnte nicht mehr. Ausgebrannt. „Die Leute denken, wenn man Erfolg hat, hat man keine Probleme“, sagt sie. „Aber dann kommst du nach Hause und siehst: Die Hülle ist schön. Doch was ist innen drin?“

Innen drin war: Traurigkeit. Am Garderobenspiegel in Frankfurt lehnt ein Teddybär, der ist noch von Patricia Kaas’ Mutter. Sie starb, als die Sängerin gerade erst ihre Karriere begonnen hatte. Inzwischen ist auch der Vater tot, einer ihrer Brüder lebt nicht mehr. Und neben dem Teddy steht ein kleiner Plüschhund. Diese Tournee ist die erste, bei der Patricia Kaas‘ Malteser-Hündin Tequila nicht mehr dabei ist.

Sie habe all dieser Trauer wohl zu wenig Raum gegeben, sagt die Sängerin, habe sich selbst hinter dem Applaus versteckt. Gleichzeitig sei sie mit sich zu kritisch umgegangen, fand sich zu unwissend, zu einfach gestrickt als Mädchen vom Land im arroganten Paris, als Tochter eines lothringischen Bergarbeiters und einer Deutschen.

Das Durchbeißenmüssen hat sie hart gegen sich selbst gemacht. In einem der Stücke auf der neuen CD, „La Langue que je parle“, heißt es: „Die Sprache, die ich spreche, ist eine Überlebende“.

Stärker denn je

Patricia Kaas hat sich therapeutische Hilfe gesucht. Und jetzt steht sie wieder auf der Bühne, stärker denn je. Die Leute in der Alten Oper, bei einem der ersten Konzerte in Deutschland, brauchen ein bisschen, um warm zu werden, der Tonfall der Sängerin ist ja neu, Stücke wie „La Maison en Bord de Mer“ (über Missbrauch) und „Cogne“ (über prügelnde Männer) oder „Le Jour et l’Heure“ (über den Terror) sind noch ungewohnt. Aber es dauert nicht lange, da haben Patricia Kaas und ihre fulminante Band den Saal für sich gewonnen. Kein Wunder bei der Energie - und der Verletzlichkeit, die trotz allem sichtbar bleibt.

„Für mich ist es wichtig, dass ich die Menschen am Ende lächeln sehe“, hatte sie in der Garderobe gesagt. Die Leute lächeln nicht. Sie strahlen. Sie stehen. Sie hören nicht auf zu klatschen.

  • Das Konzert: Patricia Kaas tritt am 5. April im Kuppelsaal auf. Karten gibt es im HAZ-Ticket-Shop.

Von Bert Strebe

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