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„Ach, wenn sich Liebe doch lernen ließe“

Peter Simonischek im Interview „Ach, wenn sich Liebe doch lernen ließe“

Peter Simonischek spricht im Interview über den Kinofilm „Toni Erdmann“, kreischende Fans – und sein schon jetzt berühmtes Partygebiss.

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„Der Scherzkeks allein ist nicht abendfüllend“: Peter Simonischek (rechts) mit Hadewych Minis in „Toni Erdmann“.

Quelle: NFP

Herr Simonischek, Sie wollten mal Zahntechniker werden, bevor Sie Schauspieler wurden. Nun schieben Sie sich als Kinofigur Toni Erdmann wiederholt ein falsches Gebiss in den Mund: Haben Sie das mit besonderer Hingabe getan?
Sie werden lachen: Meine Ausbildung hatte einen gewissen Einfluss. Als ich Schauspielschüler war und Zahntechniker zugleich, habe ich für meine ganze Klasse solche Party-Gebisse hergestellt - mit Goldkronen, Scherben oder was auch immer obendrauf. Später habe ich mir mit meiner ersten Frau lustige Nachmittage gemacht. Zum Beispiel sind wir verkleidet zum Schuhekaufen gegangen, und ich habe den Trottel gespielt.

Haben Sie den Trottel durchgehalten?
Aber ja. Ich wollte es meiner Frau ja möglichst schwer machen. Sie wusste, dass ich die schicken, dunkelbraunen Halbschuhe wollte, aber ich bin trotzdem zu den karierten Hausschlappen gegangen und habe mächtig genölt.

Dann waren Sie ja prädestiniert für diesen Toni Erdmann, der sich wie beim Fasching verkleidet, um Zugang zu seiner karrierebesessenen Tochter zu bekommen.
Zumindest hatte ich eine Ahnung davon, wie das ist, wenn einen der Teufel reitet.

Bei der Premiere im Mai in Cannes sorgte Ihr Film für Furore: Hatten Sie sich die Reaktionen so vorgestellt?
Klar kannte ich solche Szenen aus dem Fernsehen. Aber wenn man drinsteckt, kann man sich richtig fürchten - besonders wenn man vom Land kommt so wie ich. Gleichzeitig war das alles ein unglaublicher Genuss. Dieser Jubel nach der Vorstellung! Und man weiß: Der gehört uns.

Fühlte sich der Cannes-Jubel besser an als der im Theater?
Das war wie bei einem Popkonzert. Dieses Gekreische! Dieses Fangewese! Es gibt einen Film über Herbert Grönemeyer, in dem zu sehen ist, wie er die Masse Mensch im Griff hat - und zwar für eine gute Sache! Für eine schlechte kriegt man sie ja leicht zusammen. An diesen Film fühlte ich mich in Cannes erinnert.

Was meinen Sie mit „Fangewese“?
Ich bin ja auch Fan, allerdings Fußballfan und Fan von Skirennläufern, ich schätze das also. Aber was ich nicht verstehe, ist: Wenn ein Schauspieler seinen Beruf glücklich ausübt, kann er den Leuten viel mehr geben als eine Unterschrift und einen Händedruck. Je besser er ist, desto mehr kriegen die Zuschauer. Im besten Fall ist man diesem Schauspieler doch schon nahe. Aber man will ihn dann auch anfassen, eine Brücke schlagen. Vielleicht will man sich auch versichern, dass er aus Fleisch und Blut ist und ebenso aufs Klo geht wie alle anderen. Diese demütige Haltung des Fans ist auf Dauer bestimmt unangenehm.

Sie haben selbst drei Kinder, drei Söhne: War das hilfreich für Ihre Rolle?
Bestimmt, aber so ein Vater-Tochter-Verhältnis ist noch etwas Spezielles. Maren Ade, die Regisseurin, hat mir sehr geholfen - ihr Vater ist übrigens auch ganz kurz als Lehrer Herr Dudinger zu sehen. Wie ein Oktopus habe ich mich an Marens Vater bei den Dreharbeiten rangehängt: Wie schaut er? Wie geht er? Wie lächelt er?

Glauben Sie, dass das heutige Twitter-Publikum die nötige Geduld für knapp drei Kinostunden hat?
Man sollte diesen Film nicht auf dem Laptop gucken und dreimal zwischendurch zum Telefonieren und dann auch noch zum Kühlschrank gehen. Es braucht schon Aufmerksamkeit. Im Kino wirkt er so richtig. Ich habe ihn zusammen mit Sandra Hüller gesehen. Ihr Gesicht in Großaufnahme, also das von Ines, der Tochter, dieses Staunen über die Ungeheuerlichkeiten, die der Vater sich hat einfallen lassen, das ist das Wichtigste. Der Scherzkeks allein, also ich, der ist nicht abendfüllend.

Sandra Hüller und Sie kommen beide vom Theater: War das bedeutsam?
Ja, ich habe Sandra schon lange bewundert. Sie ist so jung und schon so lange gut. Ich vergleiche sie gerne mit einem Musiker: Es gibt alte, gestandene Geiger, Pianisten, Klarinettisten. Und dann kommt ein junger Kollege, stellt sich vorne hin und ist von der Muse nicht nur einmal, sondern drei Mal geküsst worden. So eine ist Sandra. Ich kenne keine zweite so junge Schauspielerin, bei der das Zwerchfell und das Hirn so gut zusammen funktionieren.

Ihre Regisseurin Maren Ade bezeichnet sich als Perfektionistin: Wie anstrengend waren die Dreharbeiten?
Die waren strapaziös mit sehr vielen Takes - aber das hatte ja auch Folgen für die Regisseurin: Maren musste aus all dem Material einen Film kreieren. Am Theater ist das anders: Da ist der Regisseur nach der Generalprobe abgemeldet. Während der Premiere sitzen die meisten im Café oder gehen aufgeregt hinter den Kulissen auf und ab. Der Schauspieler auf der Bühne hat dann zwar einen Auftrag, aber er ist auch autonom. Ich habe Aufführungen erlebt, in denen sich die Schauspieler während der Proben um des lieben Friedens Willen fügten und in der Premiere ihr eigenes Ding machen - nicht nur zur Überraschung des Regisseurs, sondern auch der anderen Schauspieler.

Was lässt sich von einem Vater wie Toni Erdmann lernen?
Ach, wenn sich Liebesfähigkeit doch lernen ließe! Das wäre toll. Das nämlich kann man von dieser Kunstfigur lernen: Hinter all diese Kühnheiten, die er sich mit Perücke und Zähnen erlaubt, steckt ein liebender Vater. Seine treibende Kraft ist die Liebe zur Tochter - und auch der Humor. Mit diesen beiden Überlebensstrategien kann Ihnen auf diesem Planeten nicht viel passieren. Jeder weiß das, aber man vergisst es immer wieder.

Interview: Stefan Stosch

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