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13:25 10.12.2013
Peter Urban ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Quelle: dpa
Grebenhain/Zürich

Wer den Übersetzer Peter Urban in der abgelegenen hessischen Region Vogelsberg besuchte, der sah in seinem alten Bauernhaus lange Bücherwände russischer Literatur: Puschkin, Turgenjew, Gogol, Tschechow, Bunin, Charms, Dobytschin. Ihre Werke hat Urban dem deutschen Leser zugänglich gemacht. In seinem Haus in Weidmoos ist der Schriftsteller am Montag mit 72 Jahren gestorben, wie der Diogenes-Verlag in Zürich am Dienstag mitteilte.

Urban galt als einer der bedeutendsten Übersetzer russischer, serbokroatischer und tschechischer Literatur. Seine große Liebe über Jahrzehnte war der Russe Anton Tschechow (1860-1904). „Ich halte ihn für den größten Menschendarsteller nach Shakespeare“, sagte Urban 2008 der dpa. Für die Literaturgeschichte bedeuten Tschechows gebrochene Helden mit ihren Lebenslügen, Unfähigkeiten und Zweifeln den Durchbruch zur Moderne.

Urban übersetzte ab den späten 60er Jahren erst die Dramen wie „Die Möwe“ und „Der Kirschgarten“, dann auch Briefe und Erzählungen in einer einzigartig schlanken und textgetreuen Sprache. Und weil Tschechow eine Abneigung gegen Biografien hatte, widmete er ihm eine taggenaue Lebenschronik und einen großen Bildband.

1941 in Berlin geboren, kam Urban über ein Studienjahr 1964/65 in Belgrad zum Übersetzen. Beruflich folgten Jahre als Lektor für slawische Literatur beim Suhrkamp-Verlag, Hörspielredakteur beim Rundfunk und Geschäftsführer des Verlags der Autoren in Frankfurt. Ab 1989 lebte er als freier Übersetzer und Schriftsteller in Weidmoos.

Urban, lang, hager, Kettenraucher, schrieb meist nachts. „Ich brauche Stille, um die Sätze zu hören.“ Er machte sich zu eigen, was der russische Klassiker Alexander Puschkin (1799-1837) von jedem Schreibenden verlangt: „Genauigkeit und Kürze“. Auch suchte er nach biografischen Details, literarischen und kulturellen Querverbindungen seiner Autoren. Daraus erwuchsen die umfangreichen Anmerkungen, die einordnenden Nachworte, für die Urban als Herausgeber berühmt war.

In zwei Verlagen war Urban zu Hause: In Berlin bei der Friedenauer Presse von Katharina Wagenbach-Wolff und bei Diogenes, dessen 2011 verstorbener Leiter Daniel Keel die Vorliebe für Tschechow teilte. Urbans letztes großes Werk, eine Neuübersetzung aller Erzählungen des Russen, wird leider unvollendet bleiben. Nach Angaben einer Diogenes-Sprecherin liegen zwar die späten Werke wie „Die Dame mit dem Hündchen“ komplett vor. Der Verlag habe aber noch keinen Überblick, wie weit Urban mit den frühen Erzählungen gekommen sei.

dpa

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