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Warum wird man eigentlich 96-Hooligan?

Roman von Philipp Winkler Warum wird man eigentlich 96-Hooligan?

Heiko ist Mitte 20, Hannover-96-Fan, Braunschweig-Hasser, lebt in der Nähe von Wunstorf und er ist der Protagonist im Debütroman von Philipp Winkler. Das Buch gibt einen interessanten Einblick hinter die Kulissen von Hardcore-Fans, Krawallen und dem Hass auf Braunschweig.

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Die Sprache seines Romans ist roh und zerklüftet, voller Schmutz und Scherben und Rost: August Philipp Winkler. 

Quelle: Strebe

Hannover. Leipzig, Endersstraße. Die Gaststätte heißt „Am Kanal“. Fast logisch, dass ein Amateurgemälde mit einem Wasserlauf drauf groß im Raum hängt. Und Marilyn Monroe posiert auf einem Blechschild. „Da gibt’s die besten Schnitzel“, hatte Philipp Winkler in einer SMS geschrieben, in einer zweiten: „Leider ein Raucherlokal.“ Das Mobiliar verströmt Second-Hand-Charme. An der Theke sitzt ein Typ mit nacktem Oberkörper. Hinter der Theke läuft ein CD-Spieler. Der Mann, der die Bestellung notiert, tut das mit starrem Blick auf das Holz des Tisches. Er sieht nicht aus, als würde er eine Bitte, die Musik leiser zu stellen, auch nur hören. Philipp Winkler sagt: „Ich nehm’ ein Schwarzes.“ Die Musik ist laut, die Texte sind gut zu hören.

Michael Jackson, „Thriller“: There’s Demons Closing in on Every Side.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein durchschnittlicher deutscher Schriftsteller ein solches Lokal für ein Interview aussucht, ist nicht allzu hoch. Aber Philipp Winkler ist ja auch kein durchschnittlicher deutscher Schriftsteller. Sondern eine Ausnahmeerscheinung.

Er trägt die Haare raspelkurz bis zur Schädelplatte hoch, dann lang. Bart, weißes Oregon-Trail-T-Shirt, Joggingshorts, Turnschuhe. Eigentlich sieht er ganz normal aus. Und freundlich und offen und zugewandt. Das ist irritierend.

An jenem Tag, an dem der Mann, der nicht nach links und rechts guckt, das schwarze Bier bringt, ist Philipp Winkler gerade noch 29. Er ist in Hagenburg am Steinhuder Meer aufgewachsen, ein Arbeiterkind. Studiert hat er, was Arbeiterkinder nicht oft studieren: Literarisches Schreiben, in Hildesheim. Er hat seinen ersten Roman verfasst, das Buch erscheint am 19. September. Auf dem Autorenfoto, das der Aufbau-Verlag auf die Innenseite des Schutzumschlags geklebt hat, sieht Winkler nicht freundlich und offen aus, sondern hart. Fast dämonisch. Das passt zu dem Band. Der Roman heißt „Hool“.

John Farnham, „Your’re the Voice“: We’re not Gonna Sit in Silence, We’re not Gonna Live with Fear.

„Hool“ erzählt von Heiko, Mitte 20, Hannover-96-Fan. Seine Mutter ist schon lange weg, der Vater ein Säufer, der junge Mann lebt bei einem Verrückten im Wald nahe Wunstorf. Der Roman geht damit los, dass Heiko und seine Kumpels sich mit Fans vom 1. FC Köln auf einem abgelegenen Gelände treffen, um sich gegenseitig - nun, man kann es nicht anders ausdrücken: die Fresse zu polieren. Heiko ist Hooligan.

Fußball sei nur der Ursprung, nicht der Grund für Hooliganismus, erläutert Winkler. Hooligans gehe es ums Adrenalin, um Gemeinschaft. Und vielleicht um das Überwinden von Angst: „Es gehört was dazu, andere zu verletzen.“ Soziologen haben außerdem Freude an Gewalt diagnostiziert. Philipp Winkler schiebt seine hochgerollten T-Shirt-Ärmel noch höher und zuckt mit den Schultern. Andere Leute gingen Tennis spielen, sagt er, Hooligans prügelten sich.

Winklers Protagonist Heiko will sich regelmäßig schlagen, er will es vor allem denen aus der „Drecksstadt“ Braunschweig zeigen. Ein kleiner Ausflug dorthin aber geht schief, und noch schiefer geht dann eine Auseinandersetzung nach einem Spiel, bei der Heikos Freund Kai derart zusammengeschlagen wird, dass er von all der Angstüberwindung nichts mehr wissen will. Worauf Heiko den Boden unter den Füßen zu verlieren droht. Denn die Hooligans, das ist seine Familie.

Extrabreit, „Hurra, hurra, die Schule brennt“: Es brennt so gut, bald sieht man nur noch Glut.

Eigentlich hätte er ja Japanologie studieren wollen, erzählt Philipp Winkler, kramt seinen Pielroja-Tabak hervor und dreht sich eine. Er war auch schon in Japan, das Land fasziniert ihn. Die Sprache sei aber so kompliziert.

Das Buch

Philipp Winkler: Hool

Gebunden mit Schutzumschlag, 310 Seiten

 19,95 €Erscheint am 19. September

Die erste richtige Kurzgeschichte entstand für die Bewerbung um den Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim. Geschrieben habe er zuvor nie. „Das einzige Fiktionale, das ich früher gemacht habe, waren ausgedachte Fußballstatistiken“, sagt Winkler. Das Studium war gut: „Man lernt, Kritik nicht persönlich zu nehmen.“ Ansonsten scheint es ihn nicht allzu beeindruckt zu haben. Er nahm nur einmal an den Textwerkstätten teil, er hielt sich vom örtlichen Literaturklüngel fern. Er hat nie einen Prof gefragt, ob der ihm einen Job als Hiwi oder Verlagsassistent besorgen könne. Nach dem Abschluss ist Winkler stattdessen bei Herrn Hartz vorstellig geworden.

„Hool“ hatte er noch während des Studiums angefangen, aber nicht zu Ende geschrieben. „Dann kam die Frage, ob ich jeden Morgen mit sooo ’ner Visage“ - er zeigt ein langes Gesicht - „zur Arbeit gehen und abends mit derselben Visage zurückkommen will“, sagt er. Er wollte nicht. Also schrieb er den Roman fertig. Las ein Kapitel daraus irgendwo vor, wo ihn jemand von einer Literaturagentur hörte. Der Rest ging dann ziemlich schnell. Winkler hat sogar schon zwei kleine Literaturpreise bekommen. Jetzt lebt er in Leipzig und schreibt am zweiten Roman.

Rainhard Fendrich, „Es lebe der Sport“: Wird ein Schiedsrichter verdroschen, steign’s eam ordentlich in die Goschen.

Die Sprache des Buchs besteht einerseits aus einem zurechtgenuschelten Alltagsdeutsch („das isses“, „ma‘ eben“), andererseits aus einem schroffen, rotzigen Slang, in dem die Sätze nur so strotzen vor Defäkations- und Kopulationsausdrücken. Und jeder Satz in dem Buch wirkt, als hätte Philipp Winkler bei seinen Jugenderlebnissen quasi in Echtzeit mitgeschrieben. Zunächst fasziniert daran das Direkte, das Ungeschliffene. Erst nach einer Weile merkt man: Das ist eine poetische Sprache. Sie ist roh und zerklüftet, voller Schmutz und Scherben und Rost. Aber sie versteckt sich nicht hinter Konventionen und Intellekt. Sie hat ihre eigene Schönheit. Und: Aus jedem Satz springt einem die Sehnsucht direkt entgegen.

Sinéad O’Connor, „Nothing Compares 2 U“: I Can Eat my Dinner in a Fancy Restaurant.

Macht er das heute noch, sich an den Gesichtern anderer Leute die Knöchel blutig zu schlagen? Philipp Winkler lacht ein bisschen bei der Frage. Er erzählt, dass er zwar Slang beherrscht, aber nicht durchgängig so gesprochen hat. Dass er Fußball mag, aber so oft nun auch wieder nicht im Stadion war. Dass er von den gelegentlichen Prügeleien vor der Disco weiß, wie das ist, welche aufs Maul zu kriegen und anderen welche aufs Maul zu hauen. Aber dass das sehr selten passiert ist. Und geschlagen habe er sich sonst gar nicht.

Aha.

Und die Narbe da auf der Wange? „Windpocken.“ Und das Tattoo, das unter dem T-Shirt-Ärmel hervorlugt? „Archibald.“ Winkler zieht den Ärmel noch höher. Ein Jack-Russel-Terrier. „Mein Hund. Im Dezember 2009 gestorben.“

Winkler ist nicht Heiko. Er ist kein Hooligan. Er war nie einer. Das war das Irritierende beim ersten Eindruck: Philipp Winkler wirkt nicht die Spur gewalttätig. Das Buch dagegen erscheint einem so unverfälscht, dass man zwangsläufig denkt, dass der Autor das alles selbst erlebt haben muss.

Dass es sich um Fiktion handelt, macht den neuem Roman noch besser, als er vorher schon war. Und den Autor auch.

Philipp Winkler drückt die Zigarette aus. Der Mann, der nur nach unten schaut, bringt die Schnitzel. Sie sind phänomenal.

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