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Phönix aus der Flasche

Benjamin von Stuckrad-Barre im Apollo Phönix aus der Flasche

Benjamin von Stuckrad-Barre ist zurück aus dem Drogenrausch – und mit dem Bestseller „Panikherz“ zu Gast im Apollo. Viel Pop ist nicht mehr übrig bei der Show des einstigen Pop-Literaten. Passen würde das jetzt aber auch nicht mehr, nicht mit diesem erschütternden Buch über Aufstieg und Fall, Rausch und Entzug.

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"Das ist ganz schön gut geschrieben": Benjamin von Stuckrad-Barre im Apollo über sein Comeback-Roman "Panikherz".

Quelle: Sielski

Hannover. Den Anfang macht die Orgel. Kräftig, dramatisch, einschüchternd. Das Intro fasst „Panikherz“, ja das Leben Stuckrad-Barres, einfach mal im Remix zusammen: Die Kirchenorgel verschmilzt mit Lindenbergs HonkyTonky-Show, geht über zu Kurt Cobains zerstörerischem Grunge, dann die Wiederauferstehung mit den Pet Shop Boys. Die Musik war für Benjamin von Stuckrad-Barre immer da: Egal, wie viele Drogen, wie wenig noch vom Leben übrig war, wie tief der Autor auch gefallen war. Und dieses Intro führt ihn am Donnerstagabend nun auf die Bühne des ausverkauften Apollo in Linden.

Seine Bewegungen sind hektisch, die Verbeugung ein bisschen zu tief, die Hände zappelig: Benjamin von Stuckrad-Barre soll auf Drogen ruhiger sein als nüchtern. Sogar sein Sohn, dreieinhalb Jahre alt, wolle manchmal Ruhe vor ihm, erzählt der 41-Jährige. Das Zappelphilippsein macht ihn aus, es gab eine Zeit, da hat es ihn kaputt gemacht.  Davon erzählt sein Roman „Panikherz“, aus dem er in Hannover liest.

Benjamin von Stuckrad-Barre liest aus seinem aktuellen Buch "Panikherz" im Apollo in Linden.

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Mit dabei ist vor allem auf vielen Seiten: Udo Lindenberg, sein Idol, Freund und der zweite Held dieser Autobiografie. Stuckrad-Barre liest gleich die erste Episode des Buches, wie beide in Los Angeles ankommen und der Mann mit Hut den amerikanischen Grenzbeamten mit Udo-Charme becirct („Hi, yeah, here we are, happy to be here again, how are you doing man, good looking“). Stuckrad-Barre kann diesen „improvisierten Laber-Jazz“ perfekt imitieren. Es ist der heitere Teil des Abends.

"Da ist etwas dazwischengekommen - das Leben"

Der Schriftsteller ist in diesem Frühjahr 2016 wieder zurück – seine Leser und Fans von damals, als er der große Literatur-Popstar war, sind inzwischen erwachsen und haben auch ein bisschen mehr Leben auf dem Konto. Der 41-Jährige knüpft hier an, als sei er nur mal kurz Zigarettenholen gewesen: „Da ist etwas dazwischengekommen – das Leben“, sagt er. Das Apollo ist ausverkauft, klar. Die Autobiografie „Panikherz“ hatte sich gleich nach Veröffentlichung nach oben an die Bestsellerlisten katapultiert. Die Inszenierung der Wiederauferstehung des einstigen Popliteraten hätte denn auch größer nicht sein können: Vorabdrucke, jubelnde Feuilletonisten, Udo Lindenberg als Anheizer bei der Comeback-Lesung, Interviews für alle, jeden Abend eine Lesung. Ganz schön viel Tamtam für einen Autoren, dessen große Zeit länger her ist.

Doch „Panikherz“ ist ein gutes Buch, es vereint all das, was Stuckrad-Barre am besten kann: Genau beobachten, präzise formulieren, rasant denken, abschweifen, assoziieren. Doch sein Opfer ist diesmal er selbst. Sein Buch handelt vom Rausch nach Ruhm, von Aufstieg und Fall, von Drogen und Entzug, Licht und Dunkel, von Idolen, Ikonen und dem, was bleibt, wenn nichts mehr da ist: Familie und Musik. Jetzt, zurück auf der Bühne, ist es für alle Seiten zunächst ein bisschen unangenehm: Da hat jemand alles gebeichtet, hat den Leser im wahrsten Sinne mit in die Kloschüssel genommen und bekommt dafür auch noch Applaus. „Ihr denkt sicher, dass das Klatschen vielleicht bei der Therapie stört?“, fragt Stuckrad-Barre. Es sei schon in Ordnung. Das Lechzen nach Anerkennung ist da noch immer. „Das ist ganz schön gut geschrieben“. Ironie, hatte er gesagt, sei heute das „Zusatzelement“ der Lesung – doch nicht immer ist die Ironie auch ironisch gemeint.

Viel Pop ist indes nicht mehr übrig beim Pop-Literaten. Mit „Soloalbum“, seinem fulminanten Debüt, bei der „Remix“-Tour, da gab es Lichtshow, Musikeinspielungen, große Hallen. Passen würde das jetzt nicht mehr, nicht mit diesem erschütternden Buch, nicht mit 41 Jahren. Auf dem Lesepult: Wasser, ein Aschenbecher. Rauchen wird er aber erst bei der Zugabe: der Gesellschaftsohrfeige verpackt in der spitzen Analyse, wie sein Abi-Treffen nach 20 Jahren wohl ablaufen würde.

Der "Biografieshowdown" in Hamburger Hotelzimmern

An diesem Abend in Hannover liest er alle wichtigen Eckpunkte seiner Biografie einmal an – samt Regionalisierungen: Die Schulzeit in Göttingen, das erste Lindenberg-Konzert in der Stadionsporthalle in Hannover, einen der vielen Entzugsversuche in der Klinik, wie er immer wieder mal kurz wieder nüchtern war wie „Phönix aus der Flasche“ (Lindenberg), wie der Udo ihn in Los Angeles wieder aufpäppelte („Bisschen Licht, andere Gedanken, Stuckiman?“), Drogentrips in Zürich, der „Biografieshowdown“ in Hamburger Hotelzimmern. Die Kritik an der Öko-Kindheit im Pfarrhaus lässt er hier heute weg – vielleicht auch, weil die Eltern im Publikum sitzen. Sein Vater war bis vor einigen Jahren Pastor in Kirchrode.

In diesen Wochen ist für Benjamin von Stuckrad-Barre alles wieder ein bisschen so wie damals, in seiner größten Erfolgszeit. Damals hatten ihn Ruhm, Narzissmus und die Ansprüche an sich selbst, falsch abbiegen lassen. Die Lesereise hat er sich vollgestopft, jeden Tag in eine andere Stadt. Muss das so? Dieser Mann scheint kein Maß zu finden: Ganz viel Licht – oder gar keins. Hoffentlich geht das gut.

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