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00:18 11.10.2015
Von Stefan Arndt
Der hannoversche Pianist Igor Levit. Quelle: dpa
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Hannover

Es ist die Zeit der Veränderungen. Kaum je haben sich so viele Musiker mit Variationen beschäftigt wie gerade jetzt. Allein von Johann Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen“ sind in den vergangenen Wochen acht neue Aufnahmen erschienen. Und auch die Konzertprogramme der noch jungen Saison setzen allerorten auf diese Form. Der hannoversche Pianist Igor Levit hat den erstaunlichen Trend nun auf die Spitze getrieben: Freitag erscheint seine CD-Box mit gleich drei der größten Variationenzyklen der Klavierliteratur.

Die Konzentration auf eine bestimmte Form ist ungewöhnlich genug; dass aber ausgerechnet die Variation im Mittelpunkt des Interesses steht, kann unmöglich Zufall sein. Viel mehr ist sie Ausdruck eines Zeitgefühls. Bislang haben Variationen eher ein Nischendasein im Repertoire gespielt. Schließlich gilt es hier keine spektakuläre Entwicklung zu durchleben wie in einer Sonate oder Sinfonie, wo mit verschiedenen Themen dialektisch um höhere Wahrheiten gerungen wird. Variationen sind weit weniger dynamisch, ihre Entwicklung verläuft kreisförmig: Ein eingangs vorgestelltes Thema kehrt am Ende verlässlich zurück.

Was dazwischen passiert, hat den Charakter einer Selbstausleuchtung. Die unterschiedlichen Facetten einer Figur werden einzeln seziert, bevor sie sich am Ende wieder zu einem - vielleicht veränderten - Ganzen zusammenfügen. So gesehen kann es nicht verwundern, wenn ein Publikum, das sich weltweit etwa für die ausufernd detailscharfe Autobiografie des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård begeistert, nun auch an der musikalischen Form der Selbstreflexion interessiert ist.

Variationen von Bach, Beethoven und Rzewski: Igor Levit, Klavier (3 CDs, Sony Classical). In Konzerten stellt der Pianist die Werke in den kommenden Monaten an jeweils zwei Abenden auf der ganzen Welt vor, in Hannover im Oktober 2016 bei Pro Musica.

Levit befriedigt dieses Interesse gleich in doppelter Weise: Indem er mit Bachs „Goldberg-Variationen“, Beethovens „Diabelli-Variationen“ und Frederic Rzewskis „The People United Will Never Be Defeated“ zentrale Werkzyklen aus drei Jahrhunderten präsentiert, gibt er auch eine große Variationsbreite seiner eigenen Künstlerpersönlichkeit preis.

Um den 1987 in Russland geborenen Pianisten, der in Hannover zur Schule gegangenen ist und studiert hat, ist inzwischen eine Art Kulturkampf in den Feuilletons entbrannt. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeit“ hatte sich beeilt, Levit früh zu „einem der größten Pianisten des 21. Jahrhunderts“ auszurufen, während die „Süddeutsche Zeitung“ sich erst Anfang dieser Woche darüber wunderte, „mit wie wenig Auffassungsgabe und Ausdrucksmöglichkeiten“ der Pianist Furore machen konnte.

Auf den neuen Aufnahmen kontert Levit beide Extrempositionen auf lässige Weise aus. Allein die „Goldberg-Variationen“ sind ein Musterbeispiel für eine uneitle, im guten Sinne auch unspektakuläre Interpretation. Nie ist der Pianist versucht, hier mit technischem Können zu glänzen. Ruhig entwickelt er die Musik aus den linear melodischen Strukturen der einzelnen Stimmen. Damit unterscheidet er sich erheblich von einem exzentrischen bis egozentrischen Pianisten wie beispielsweise Alexandre Tharaud, der das Werk in der kommenden Woche ebenfalls veröffentlichen wird.

Levit ist hier auch weit von Glenn Gould entfernt, dessen Aufnahme den meisten Musikern als Vorbild dient. Er nähert sich Bach nicht nur von der Gegenwart, sondern auch von der Vergangenheit her. Man kann hören, dass er mit seinem Lehrer Lajos Rovatkay auch die Polyfonie eines Josquin Desprez studiert hat. Und schließlich läuft er nicht Gefahr, angesichts von Bachs Größe in Ehrfurcht zu erstarren. Levit hat viel Sinn auch für außermusikalische Zwischentöne: Mit Blick auf das Lied „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“, das der Komponist vor der abschließenden Rückkehr des Themas zitiert, sagt Levit: „Bach ironisiert die Form, der er soeben das größte Denkmal gesetzt hat.“

Mit Beethovens „Diabelli-Variationen“ kehrt der Pianist zu seinen Wurzeln zurück: Mit diesem Stück im Zentrum des Programms hat er die beste Klavierabschlussprüfung absolviert, die es an der hannoverschen Musikhochschule je gegeben hat. Noch immer überzeugt Levit sofort mit einem zupackenden, gleißend hellen und direkten Beethoven-Sound, der sich völlig von seinem bronzenen Klang bei Bach unterscheidet. Er zeigt alle Kühnheit des späten Beethovens und bleibt doch immer eher sinnlich als schroff. Wer noch keinen Zugang zu diesem Gipfelwerk gefunden hat, sollte es mit dieser Aufnahme versuchen.

Geradezu eingängig erscheinen dagegen die pianistisch haarsträubend schwierigen Variationen des 1938 geborenen amerikanischen Komponisten Rzewski: Ein Lied der chilenischen Arbeiterbewegung erscheint hier in unterschiedlichster Gestalt. Es wird getanzt und marschiert, und manchmal pfeift der Geist der Revolution aus dem letzten Loch. Rzewski bedient sich bei allen möglichen Stilen, die Ausbrüche des Free Jazz und sentimentale Filmmusik sind ihm so wenig fremd wie Musik von Mussorgski oder Berio. Dieser wilde, unbedingt hörenswerte Zyklus, den Levit schon bei den Kunstfestspielen vorgestellt hatte, macht die CD-Box endgültig zu einem Ereignis unserer Zeit.

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