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Kultur Pianistin Martha Argerich gibt Hannover-Debüt
Nachrichten Kultur Pianistin Martha Argerich gibt Hannover-Debüt
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00:15 07.03.2016
Martha Argerich am Piano.  Quelle: dg
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Hannover

Es ist Jahrzehnte her, als der Vorsitzende der Kammermusikgemeinde zum Vorspiel einer jungen Pianistin bat. Ihr Mentor, ein angesehener Münchener Konzert-Agent, hatte sie persönlich für einen Klavierabend in Hannover empfohlen. Es sollte beurteilt werden, ob sie den Ansprüchen von Hannovers Musik-Kennern genügte. Musikprofessoren versammeln sich, Honoratioren der Stadt, interessierte Laien, Mitglieder des Vorstandes der traditionsreichen Musikgesellschaft, rund 15 Personen. Darunter auch Menschen, die sich an der Sonne des Einladenden wärmen, der den Vorsitz des Vereins nur nebenbei innehat, im übrigen aber ein bekannter Industrieller ist.

Eine langhaarige junge Dame, ein Kindweib – 16, 17 Jahre alt – setzt sich an den Flügel. Der Direktor der Musikhochschule, selber ein mittelmäßiger Komponist, eröffnet den Reigen und fragt, was die junge Dame von Bach spielen könne. Gemeißelt, stählern, unerbittlich kommt die "Chromatische Fantasie" aus dem Steinway. Jemand nennt Beethoven: Geheimnisvoller, hintergründiger kann man den Anfang der "Appassionata", wilder und auftrumpfender den darauffolgenden Ausbruch nicht spielen. Wie sieht’s mit Chopin aus? Unter einem großen, leidenschaftlich erfüllten Bogen der erste Satz der h-Moll-Sonate.

Die junge Dame, die sich die Klaviatur mit einer geschmeidiggespannten Panterhaftigkeit unterwirft, wirkt inzwischen sichtlich irritiert, unwirsch. Ist sie etwa zu einem Examen hierherbestellt worden? Man selber fragt sich längst, ob unter diesen ganzen Hochschulkoryphäen ein Einziger sei, der diesem musikalischen Urphänomen das Wasser reichen kann. Wie ein Sinnbild des Trotzes steht der volle Aschenbecher auf dem Flügel. Ab und zu, zwischen zwei Stücken, zündet sich die Spielerin eine Zigarette an. Kettenraucherin? In so jungen Jahren? Etwa eine Ausschweifende? Man sieht die Denkblasen über den anwesenden Gehirnen. Ein angesehener Klavierpädagoge mittleren Alters erkundigt sich nach Brahms. Der Beginn der "Paganini-Variationen" wird ihm förmlich um die Ohren gehauen.

Die Peinlichkeit kann kaum noch überspielt werden. Wie lang soll dies Getue noch weitergehen? Diesem selbst - gefälligen, arroganten Konservatoriums-Gehabe steht eine geniale Klavierbegabung gegenüber. Nun befindet die junge Pianistin, sie habe genügend Kostproben gegeben. Erhebt sich, steckt ihr Zigarettenpäckchen ein, lässt die Dame des Hauses wissen, dass sie einen Zug erreichen müsse. Strebt selbstbewusst dem Ausgang zu. Ihr nacheilen? Sich bei ihr entschuldigen für dieses dünkelhafte Schauspiel? Ihr sagen, dass man dergleichen Klavierspiel nur selten zuvor gehört habe? Sie fragen, von welchem Stern sie heruntergefallen sei? Eine Sache von Augenblicken. Schon ist sie verschwunden, Ratlosigkeit hinterlassend.

Provinz-Gelehrsamkeit, Besserwisserei, besorgt-belehrende Jedermann-Psychologie. Ein Satzfetzen dringt ans Ohr. Einer unter den Professoren spricht von "gefährdeter Frühreife". Der Vorstand der Kammermusikgemeinde kann sich nicht durchringen, die junge Dame zu einem Klavierabend einzuladen; man beschließt abzuwarten, ihre weitere Entwicklung zu beobachten. Ihr Name ist übrigens Martha Argerich. 

Auszug aus dem Buch von Hans Ulrich Schmid: „Aber spielen müssen Sie selber“ Olms. 152 Seiten, 19,80 Euro.

Martha Argerich Quelle: dg

 

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