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Nachtkritik

Pierre Corneilles „Triumph der Illusionen“ am Schauspiel Hannover

Von Ronald Meyer-Arlt

Seifenblasen. Wie schön. Ein paar nur. Wie schön. Zu Beginn steigen sie über diesem riesigen Halbrund aus Holz und Aluminium empor. Seifenblasen und mit ihnen etwas Rauch.
Szene aus „Triumph der Illusionen“

Szene aus „Triumph der Illusionen“

© Ronald Meyer-Arlt

Hier wird’s gleich um Träume gehen. Um Sehnsüchte und Kinderspiele. Um Theater. Wie schön. Es ist die letzte große Premiere in der Intendanz von Wilfried Schulz. Im Sommer geht er nach Dresden, ganz zum Schluss wird es einen großen Abschiedsabend mit allen Schauspielern des sich dann auflösenden Ensembles geben. Pierre Corneilles „Triumph der Illusionen“ ist gewissermaßen ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk.

Wilfried Schulz hatte sich das Stück gewünscht, und er hatte sich auch gewünscht, dass eine junge Regisseurin ihre Version der Geschichte zeigt. Julia Hölscher, 1979 geboren, inszenierte das Stück aus dem Jahr 1935. Ihre letzte große Arbeit am Schauspiel Hannover war ein Stück von Tankred Dorst: „Ich bin nur vorübergehend hier“. Was ja vom Titel her auch ein schönes Abschiedsstück gewesen wäre. Und vielleicht sogar das bessere.

In „Triumph der Illusionen“ feiert sich das Theater ein bisschen selbst. Es zeigt, dass es Tote wieder lebendig machen, Schuld sühnen und Augen öffnen kann. Und es zeigt, dass es seine Zuschauer dazu bringen kann, am Ende einiges aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Das Stück spielt in einer Höhle. Hier wohnt der Zauberer Alcandre, der von Pridamant aufgesucht wird. Pridamant ist verzweifelt: sein Sohn Clindor ist im Streit von ihm geflohen und unauffindbar, der Zauberer soll ihm sagen, wie es ihm geht. Der lädt den Gast in die Höhle und wirft seine Bildermaschine an. Szenen aus dem Leben des Sohnes sind zu sehen. Er dient einem Aufschneider, gerät in Eifersüchtelein, kommt ins Gefängnis und wieder frei und wird am Ende gar getötet. Alles ist ein Spiel im Spiel und Zauberer Alcandre ist der große Spielmacher.

Man muss das nicht ganz ernst nehmen, aber man muss es auch nicht großartig problematisieren oder ironisieren.

Der erste Zugriff der Regisseurin ist sehr klug: Sie lässt Theater Theater sein und spielt fast ohne Bühnenbild. Trotzdem gibt es einen Bühnenbildner, und der hatte sogar viel zu tun: Alex Harb. Das Halbrund, das wie ein Höhleneingang am Anfang auf der Bühne steht, wird später entfaltet und wandelt sich trickreich zur Drehbühne. Die rotiert unablässig, Scheinwerfer, die sich mitdrehen, schaffen interessante Schattenspiele und gemahnen an Platons Höhlengleichnis. Die Schauspieler kommen mit dem leeren Raum meist sehr gut zurecht. Christian Friedel spielt Matamore, den Aufschneider und Feigling, dem Clindor dient, jäh hochfahrend und immer wieder eiligst abtauchend: ein großer Komödiant. Holger Bülow ist ein Clindor, wie er sein muss: sehr cool und sehr männlich. Matthias Neukirch als Alcandre ist der große Spielemacher, ein kleiner Theatergott, jemand, der alle Tricks des Gewerbes kennt. Im Trenchcoat neben ihm: Wolf List als Vater – gar nicht mal grau. Martina Struppek spielt die Dienerin Lyse mit burschikoser Erotik und Witz. Im Zentrum des Begehrens steht Isabelle – und so wie Mila Dargies sie darstellt, fragt man sich: Warum? Und: Muss eigentlich immer dieser Kleinmädchennölton sein?

Andererseits sind wir in einer Komödie und da geht das natürlich. Und wir sind in einem Theater-spielt-Theater-Stück – die Schauspielerin spielt eine Schauspielerin, die eine Rolle spielt. Da gibt es natürlich einen einigermaßen umfangreichen Interpretationsspielraum. Den schöpft die Regisseurin am Ende übrigens gnadenlos aus. Der Zauberer macht einen Zeitsprung von ein paar Jahren und erzählt dann, wie es Clindor in der Ehe mit Isabelle ergeht: nicht gut. Und nun traut Julia Hölscher dem Stück nicht mehr – und zaubert Kaninchen aus dem Zylinder. Riesige. Alle Darsteller stecken nun in Hasen-, Maus- oder Hundekostümen und spielen das Stück zu Ende. Warum? Weil Theater das kann? Das darf? Das muss? Man spürt einen gewissen Originalitätszwang - und die Angst oder das Unvermögen, sich einer alten Geschichte ganz zu stellen.

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