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Der Herr der Fliegen

Pierre Huyghes Ausstellung "Orphan Patterns" Der Herr der Fliegen

Er pulverisiert Museen, lässt Fliegen fliegen und fragt nach der Ewigkeit: Die Ausstellung "Orphan Patterns" von Schwitters-Preisträger Pierre Huyghe im Sprengel-Museum wirkt auf manchen Besucher vielleicht provokant – dabei ist das gar nicht die Absicht des Künstlers.

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Licht-Spiele: In der Fliegeninstallation von Pierre Huyghe spielen zwei Darsteller mit einem Bernsteinwürfel.

Quelle: Heusel

Hannover. Selten werden Besucher von Kunst so berührt. Sie wedeln mit den Armen, halten sich die Hände vor die Augen, schleichen vorsichtig durch den Saal, peinlich darauf bedacht, mit ihren Schritten keinen Schaden anzurichten. Denn der Raum ist voller Lebewesen. 10.000 fette Schmeißfliegen schwirren durchs Sprengel-Museum. Sie sind die Kunst. Und sie kommen einem sehr, sehr nahe. Kunst zeigt Wirkung. Das ist ja schon mal was.

Die Fliegen im Museum sind nicht als Provokation gedacht. Anders als Santiago Sierra, der die hannoversche Kestnergesellschaft im Jahr 2005 tonnenweise mit Schlamm flutete, geht es Pierre Huyghe nicht um den radikalen künstlerischen Akt, der das Publikum verstören soll. Vielleicht fühlen sich Besucher des Sprengel-Museums provoziert, aber Pierre Huyghe will etwas anderes. Er nimmt das Tier, um etwas über Bewegungsmuster, über Verhaltensweisen und über Zeit und Ewigkeit zu erzählen.

Das Tier als künstlerisches Material – auch diese Entscheidung macht den französischen Kunststar zu einem würdigen Träger des aktuellen (mit 25.000 Euro dotierten) Kurt-Schwitters-Preises. Mit dem Preis ehrt die niedersächsische Sparkassenstiftung zusammen mit dem Sprengel-Museum Künstler, die in der Tradition von Schwitters stehen und in Technik und Material das Neue suchen. Und diese Anforderungen erfüllt Pierre Huyghe ganz hervorragend.

Mit seiner Ausstellung „Orphan Patterns“ bespielt er die zehn Räume des neuen Anbaus des Sprengel-Museums. Im ersten Raum tritt der Besucher auf feines Pulver, das am Boden ausgestreut ist. Der Staub besteht aus geschreddertem Museum. Pierre Huyghe nimmt von jedem Museum, in dem er ausstellt, Gebäudeproben mit. In Hannover liegt nun Staub aus dem Centre Pompidou in Paris, dem Museum Ludwig in Köln und dem Los Angeles County Museum of Art am Boden (auch das Sprengel-Museum könnte demnächst in Pulverform in anderen Museen ausgestreut sein).

Der Staub haftet an den Schuhsohlen, die Besucher tragen ihn in die anliegenden Räume, die mit dunkelblauem Teppichboden ausgelegt sind. Weil der Museumsstaub verbraucht wird, haben die Ausstellungsmacher für Ersatz gesorgt: in den Büros stehen 20 Eimer mit pulverisiertem Museum. Eine merkwürdige Vorstellung.

Wenn die Fußabdrücke verblassen, wird das Brummen stärker. Man nähert sich dem Fliegenraum. Die vielen Schmeißfliegen (Calliphora vomitoria) setzen eine Geschichte fort, die der Künstler mit einem Stück Bernstein beginnt.

Im Bernstein sind zwei Insekten während des Geschlechtsaktes gefangen. Huyghe hat den Bernstein zu einem Würfel schleifen lassen. Zwei Darsteller spielen mit ihm ein Spiel. Beide tragen Masken, die das gesamte Gesicht verdecken und gelegentlich hell leuchten. Der Rhythmus, in dem sie blinken, soll dem Blinkfeuer ähneln, mit dem paarungsbereite Glühwürmchen Partner anlocken. Sex und Tod, Liebe und Spiel, Zeit und Ewigkeit sind im Sprengel-Werk von Pierre Huyghe wundersam ineinander verwoben. Die Schau ist ein Kunststück: Sie ist gleichermaßen poetisch, berührend und fremd. Und sie lebt. Für Fliegennachwuchs ist gesorgt: made in Hannover.

Bis 24. April. Am 1. Februar wird der alte Teil des Sprengel-Museums für die Renovierung geschlossen. Dann wird Pierre Huyghes „Orphan Patterns“ die einzige Ausstellung im Sprengel-Museum sein.

Der Schwitters-Preis

Alle zwei Jahre werden mit dem Kurt-Schwitters-Preis Gegenwartskünstler ausgezeichnet, deren Werke Bezüge zu Kurt Schwitters aufweisen und deren Schaffen von herausragender Bedeutung ist. Die Stadt Hannover hat den Preis 1982 erstmals gestiftet.

Die international bekannten Künstler, die bisher ausgezeichnet wurden, setzten auf ungewöhnliche Materialien und verbinden unterschiedliche Gattungen: So verwandelte Elaine Sturtevant (Preisträgerin 2013) das Sprengel-Museum mit ihrer Installation „The House of Horrors“ 2013 in eine Geisterbahn.

Erster Preisträger war 1982 Robert Filliou (Frankreich). Ihm folgten Sigmar Polke (1984, Deutschland), Tomas Smit (1986, Deutschland) und Nam June Paik (1988, Südkorea). Ab 1990 wurde der Preis ausgesetzt, bis die Niedersächsische Sparkassenstiftung ihn 1995 reaktivierte. Seither wurden Raymond Hains (1996, Frankreich), Thomas Schütte (1999, Deutschland), Gary Hill (2000, USA), James Coleman (2002, Irland), Joep van Lieshout (2004, Niederlande), Rodney Graham (2006, Kanada), Tacita Dean (2009, Großbritannien) und Thomas Hirschhorn (2011, Schweiz) ausgezeichnet.

 lis

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