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Poesie und Pose

Festival Tanztheater International Poesie und Pose

Unverhülltes Schwabbeln: Doris Uhlich mit ihrer Produktion "Mehr als genug" beim Festival Tanztheater International.

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Ananas-Friseur und nackter Damenpo bei Doris Uhlichs Produktion "Mehr als genug".

Quelle: Salzmann

Ein blanker, weiblicher Po wirbt für den Abend. Doch solche Nacktheit ist dabei erst später zu besichtigen. Zuvor steht Poesie auf dem Programm. Die österreichische Tänzerin und Choreografin Doris Uhlich rezitiert in ihrem oberösterreichisch gefärbten Französisch ein Gedicht von Charles Baudelaire – schwärmerische Zeilen über die Schönheit aus dem Gedichtzyklus „Les Fleurs du Mal“, die Blumen des Bösen.

Nachdem Uhlichs Bühnenpartnerin Virginie Roy in frei fließenden Bewegungen dazu getanzt hat, übersetzt Roy das Gedicht ebenso frei ins Deutsche. Uhlich tritt in schwarzen langen Hosen und einem eierschalenfarbenen Top auf, das vorn geschlossen ist und hinten ein Knoten zusammenhält, dazu High Heels. Roy trägt Schwarz, Jeans, T-Shirt und Sportschuhe.

Pudertanz in der Kunstwolke

Später wird sich Uhlich mit demonstrativer Gelassenheit ganz ausziehen. Und sie wird im ausverkauften Ballhof Zwei, in dem die gut einstündige Performance „Mehr als genug“ im Rahmen des Tanztheater International gastiert, den Sechzigerjahre-Ohrwurm „Can’t Take My Eyes Off of You“ trällern und Piafs Chanson „Non, je ne regrette rien“ in einer fantasievollen Gebärdensprache begleiten. Nichts ist zu bedauern. Zwischendurch telefoniert Uhlich in Echtzeit. Mit einer Kollegin in Brüssel, die zur Companie von Teresa De Keersmaeker gehört. Mit einem Thomas, der seine Glatze „cool“ findet. Mit einem Otto, der das Berühren von Füßen sinnlich spürt. Und mit Susanne, einer langjährigen Tänzerin beim Wiener Staatsopernballett, für die Schlanksein eine religiöse Seite hat.

Wir erfahren nicht, ob diese Susanne den „Pudertanz“ kennt, den Uhlich dann aufführt: Zum „Allegro non molto“ aus Vivaldis „Winter“ stäubt sie sich zuerst mit Körperpuder ein, um danach in der wohlriechenden Wolke ihre Haut von den Oberschenkeln bis zu den Oberarmen schwabbeln zu lassen. „Das Fett tanzt“, sagt Uhlich. Und das klingt allenfalls komisch. Denn an diesem Abend erleben wir einen durchaus ernst gemeinten philosophischen Exkurs über unsere schrägen Vorstellungen eines Idealkörpers. Vorgetragen von einer Frau mit perfekt sitzender Ananas-Frisur.

Heute beim Tanztheater International: „Boom Bodies“ von Doris Uhlich, 20 Uhr, in der Orangerie Herrenhausen. Restkarten gibt es noch an der Abendkasse.     

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