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Poetry Slammer Tobias Kunze sieht die Szene kritisch

Wortakrobaten Poetry Slammer Tobias Kunze sieht die Szene kritisch

Er gilt als einer der besten seiner Zunft. Doch der Poetry Slammer Tobias Kunze sieht die Szene kritisch. Um sich wirklich weiterzuentwickeln, fehle den meisten Künstlern die Förderung.

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Tobias Kunze ist einer der besten Poetry Slammer.

Quelle: Nico Herzog (Archiv)

Hannover. Tobias Kunze kann nie still stehen. Auch nicht auf der Bühne. Wenn sich der Poetry Slammer für einen Auftritt vor ein Mikrofon stellt, dann hat man das Gefühl in einem Orkan der Worte zu stehen. Schnell und gekonnt haut er seinem Publikum Sätze um die Ohren - mal lustig, mal kritisch. Mit Literatur, wie man sie aus der Schule oder von „Wasserglas-Lesungen“ kennt, hat das nichts mehr zu tun. Am Ende liegt er auch schon einmal geschafft auf dem Boden, und das Publikum hält sich den Bauch vor Lachen.

Der Hannoveraner Kunze ist einer der erfolgreichsten Poetry Slammer Deutschlands. Viele Male hat er Dichterschlachten gewonnen, 2009 wurde er sogar Europameister. Fast 1000 Auftritte hat er hinter sich, an mehr als 100 Tagen im Jahr steht er auf der Bühne.

Seine Kunst hat Kunze schon nach Italien, Estland, Frankreich und in die Schweiz gebracht. In diesem Jahr wird er zum ersten Mal in Russland auftreten - mit deutschen Texten. Er steht kurz davor, vom Dichten leben zu können.

Doch jetzt hadert er mit der Szene - zehn Jahre nach dem Beginn seiner Slam-Karriere. „Poetry Slam ist ein Streichelzoo geworden. Die Form ist inzwischen komplett im Mainstream angekommen.“

Bei einem Poetry Slam hat jeder Dichter wenige Minuten Zeit, einen eigenen Text so vorzutragen, dass das Publikum von ihm überzeugt wird und ihn am Ende mit den meisten Punkten bewertet. Als diese Art der Lesung Mitte der 1980er Jahre in den USA erfunden wurde, gab es verstärkt verschiedene Textformen. Es wurde viel experimentiert.

Hohe Gewinne verändern den Poetry Slam

Auch in Deutschland war es bis vor ein paar Jahren ähnlich. Doch dann entdeckte das Fernsehen das Potenzial, Sponsoren gaben Geld, und mehr und mehr Poetry Slammer bekamen für einen Sieg auf einmal richtig hohe Beträge.

„Wenn jemand mehrere tausend Euro für den Gewinn eines Slams bekommt, dann will er nicht mehr schön schreiben, sondern erfolgreich“, sagt Kunze. Für Alex Dreppec, der schon große „Straßen-Poeten-Wettkämpfe“ organisiert hat, sieht die Sache etwas anders aus. „Ich habe nichts dagegen, wenn Slammer mit ihrer Arbeit Geld verdienen“, hatte er einmal gesagt.

Gewinnen konnte man in der jüngsten Vergangenheit vor allem, indem man das Publikum zum Lachen bringt. Für manchen Slammer lief das so gut, dass er inzwischen auch bei Stefan Raab oder im „Quatsch Comedy Club“ auftritt. Die besten haben die Szene als Durchlauferhitzer genutzt und treten nun in anderen Kontexten auf.

Auch Kunze hat inzwischen ein eigenes Kabarettprogramm. In Niedersachsen sei es aber schwierig, sich als Dichter mit einem Poetry-Slam-Hintergrund zu etablieren. „In vielen Bundesländern werden ehemalige Slammer inzwischen von Literatur- oder Kulturbüros gesponsert“, sagt Kunze. In Niedersachsen gebe es hingegen immer noch die klare Grenze zwischen sogenannter hoher Literatur und dem, was Kunze und seine Kollegen machen.

dpa

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