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Kultur „Poll“: Liebe in Zeiten des Untergangs
Nachrichten Kultur „Poll“: Liebe in Zeiten des Untergangs
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19:20 02.02.2011
Von Stefan Stosch
Knochenarbeit: Ebbo von Siering (Edgar Selge) und Oda (Paula Beer) interessieren sich besonders für Menschenschädel in ihrem Laboratorium.. Quelle: Piffl Medien

Weiße Strandkleider im Ostseewind, Picknick unterm Sonnenhut und ein Familienfoto mit Bötchen vor Meerlandschaft: So sehen baltische Idyllen Anfang des 20. Jahrhunderts aus. Aber so idyllisch wird’s nicht mehr lange bleiben. Dem Melodram „Poll“ von Regisseur Chris Kraus sind Gewalt und Untergang von Beginn an eingeschrieben. Eine Zeit geht vorüber, eine neue bricht an, der Wahnsinn des 20. Jahrhunderts kündigt sich bereits an.

Gelegentlich galoppieren Soldaten des russischen Zaren am Strand heran, salutieren vor dem Gutsherren und laden ein paar tote „Anarchisten“ im flachen Wasser ab – der adelige Gutsbesitzer Ebbo von Siering (Edgar Selge) betreibt nebenbei Rassenkunde in seinem zum Labor umgewandelten Sägewerk, schneidet Schädel auf und Gehirne heraus. Auch siamesische Zwillinge, eingelegt in Spiritus, sind ihm ein willkommenes Mitbringsel. Der Herrenmensch liebt es pompös: Am Ende der Mole, quasi ins Meer, hat er ein Haus auf Stelzen bauen lassen. Ach was, kein Haus, ein Schloss, einen Palast, der so wackelig über dem Wasser thront, dass der Verfall absehbar ist.

„Poll“ ist ein Historienfilm aus Deutschland, bei dem man sich die Augen reibt: bildmächtig, originell, trotz aller Zeitgebundenheit nicht verstaubt – und erst recht nicht von jener Schablonenhaftigkeit, wie wir das von ähnlichen Großprojekten aus dem Fernsehen gewohnt sind. Eher erinnert „Poll“ an großes Hollywood-Kino. Hang zum Bombastischen, Pompösen ist da erlaubt: Mehr als 1000 Komparsen hat der Regisseur bei den Dreharbeiten auf einem sonst menschenleeren Strand an der estnischen Ostseeküste dirigiert. Das Herrenhaus im Meer baute die Szenenbildnerin Silke Buhr, Dozentin an der Fachhochschule Hannover.

Der Film hat einen persönlichen Bezug zum Regisseur. Chris Kraus, der schon für sein Pianistinnendrama „Vier Minuten“ gefeiert wurde, hat das Leben seiner dichtenden Großtante rekonstruiert, von deren Existenz er erstmals bei seinem Germanistikstudium erfuhr. Oder besser: Der 1963 in Göttingen geborene Filmemacher hat sich das Leben seiner Großtante in seiner Phantasie ausgemalt. Oda Schäfer, Lyrikerin in Berlin, gestorben 1988. Sie war ein unabhängiger Geist und das schwarze Schaf der Familie, denn sie war nicht nationalsozialistisch geprägt wie die meisten anderen der Kraus-Sippe. Eine „Salonkommunistin“ nennt der Regisseur sie anerkennend.

Die Urlaube ihrer Kindheit verbrachte Oda in der russischen Ostseeprovinz Estland. Die Kraus-Familie hatte dort tatsächlich ein Gut namens „Poll“. Auf Schäfers Memoiren beruht der Film, dessen Umsetzung von der Idee bis zum Dreh mehr als eineinhalb Jahrzehnte dauerte.

Den Kern des Films hat der Regisseur allerdings mutig hinzuerfunden: Oda (Paula Beer) rettet einen schwerverletzten Anarchisten und versteckt ihn auf dem Dachboden des Laboratoriums. Oda ist 14 Jahre alt, der Mann, der sich Schnaps (Tambet Tuisk) nennt, um einiges älter. Das stört Oda kein bisschen. Sie ist noch beinahe ein Kind, aber schon eine große Romantikerin. Es gibt keine einzige eindeutig erotische Liebesszene in diesem Film, und doch wird eine große Liebesgeschichte erzählt. Oda und Schnaps sind vielleicht die beiden einzigen Menschen, die sich hier nicht gegenseitig benutzen – obwohl die Ausgangslage gerade bei ihnen dafür spräche. Schnaps braucht Oda, um zu überleben, sie braucht ihn als Fluchthelfer vor ihrer Familie.

Von der Strenge ihres Vaters bleibt Oda schon jetzt unberührt, wenn der mal wieder seinen Sohn züchtigt, wie wir das ähnlich aus Michael Hanekes Drama „Das weiße Band“ kennen. Oda verkörpert den Aufbruch in eine neue Ära, die mit traditionsbesessenen baltischen Adeligen nur noch wenig anzufangen weiß. Der echte Ebbo von Siering erschoss sich Ende des Ersten Weltkrieges in Berlin, als Deutschland das große Schlachten verloren hatte.

Paula Beer ist eine Entdeckung, so wie es Hannah Herzsprung in „Vier Minuten“ war. Gefunden hat der Regisseur die junge Berlinerin beim Casting auf dem Schulhof, für „Poll“ steht sie zum ersten Mal vor der Kamera. Mit traumwandlerischer Sicherheit erobert Beer sich ihre Rolle. Aber auch die anderen erhalten vor dem weiten Ostseehorizont genügend Raum, um ihre Figuren zu entfalten: Edgar Selge ist ein verschroben-dämonischer Patriarch, Jeanette Hain weltentrückt, und bei Richy Müller, dem vor unterdrückter Wut kochenden Gutsverwalter, vergisst man, dass er sonst als Stuttgarter „Tatort“-Kommissar unterwegs ist.

Mehr als zwei Kinostunden schwebt über „Poll“ eine poetisch-morbide Grundstimmung. Die Zeit des Abschieds rückt unaufhaltsam heran. Der Erste Weltkrieg wird den Palast an der Ostsee wohl bald schon hinwegfegen. Und auch die erste Liebe eines rebellischen jungen Mädchens wird dem großen Sterben nicht trotzen können.

Weiter Horizont, großes Kino: Melodram am Ostseestrand. Kinos am Raschplatz.

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