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Kultur Premiere in der Cumberlandschen Galerie
Nachrichten Kultur Premiere in der Cumberlandschen Galerie
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18:46 04.05.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Zum Totlachen: Beatrice Frey und Julia Schmalbrock.Ribbe Quelle: Ribbe
Hannover

In diesem Raum mag keiner lange bleiben: ein Warteraum für Angehörige in einem Krankenhaus - Plastiksitzgruppen, ein Tischchen mit abgelesenen Zeitschriften, an der Wand Warnhinweise gegen das Rauchen. Ein schrecklicher Ort, aber wir werden immer wieder in diese Vorhölle zurückgeschickt. Siebenmal lautet die Szenenanweisung, die von der Krankenschwester per Megafon vorgetragen wird: „ein Wartesaal in einem städtischen Krankenhaus ...“. Zu sehen ist allerdings etwas anderes: ein malerischer Erker im Cumberlandschen Treppenhaus des Schauspiels Hannover. Auf einem Kachelpodest ist eine weiße Sitzgruppe montiert, dahinter leuchtet rot der echte Abendhimmel. Schön.

Ein grellgrüner Theatervorhang und Schauspieler, die sich nach jedem Akt verbeugen, zeigen, dass es hier nicht nur um Tod und Krankheit geht, sondern um Kunst - und um die alte Geschichtenerzählanstalt Theater, in der im Grunde genommen ja auch immer nur dasselbe gespielt wird: das große Stück von Liebe und Leid, von Tod und Schuld und Hoffnung.

All das ist auch in „Delhi, ein Tanz“, dem intelligenten Kammerspiel des jungen russischen Autors Iwan Wyrypajew, zu sehen. Das Stück hat sieben Akte, aber im Grunde sind es keine Akte, sondern sieben Stücke, die wie Paralleluniversen angeordnet sind; sie durchdringen einander, haben aber wenig miteinander zu tun. Zu Beginn glaubt man, es würde immer dieselbe Geschichte erzählt werden. Die Geschichte einer Frau, deren Mutter im Krankenhaus stirbt. Die Frau ist Tänzerin, sie tanzt einen Tanz namens Delhi, mit dem sie dem Leid der Welt künstlerischen Ausdruck verleiht. Ein Mann, der ideale Zuschauer, hat sich in den Tanz verguckt und wohl auch in die Tänzerin. Das Problem: Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er wird sich von seiner Frau trennen, was diese dann in den Selbstmord treiben wird. Es gibt viele Tote: die Mutter der Tänzerin, die Frau des Zuschauers und eine Tanzkritikerin. Aber wer genau liegt eigentlich nebenan im Sterbezimmer?

Vielschichtig überlagern einander die Stoffe, Figuren und Geschichten. Der 1974 im russischen Irkutsk geborene Autor Iwan Wyrypajew schreibt selbstbewusst aus dem Geist der Postmoderne, vier seiner Stücke liegen auch auf Deutsch vor. Sein Übersetzer ist Stefan Schmidtke, ausgewiesener Kenner der russischen Theaterszene und früherer Leiter des hannoversch-braunschweigischen Festivals Theaterformen.

Wyrypajews lange Monologe erinnern ein bisschen an Thomas Bernhard, dann wieder scheint das schnörkellose Sprechen der Figuren von Bernard-Marie Koltès durch. Verblüffend ist der Erfindungsreichtum des Autors und die Geschichtenfülle, die er präsentiert. Von ihm wird sicher bald noch mehr auf deutschen Bühnen zu sehen sein.

Im Cumberlandschen Treppenhaus hat Jakob Weiss das Stück inszeniert. Seine letzte hannoversche Inszenierung war der PeterLicht-Abend „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“, auch so ein wunderliches Wortkunstwerk, in dem es viel um Befindlichkeiten geht. Weiss lässt seine Darsteller mit weiß geschminkten Gesichtern und in abenteuerlichen Kostümen (von Maria Anderski) spielen. Das passt gut zur grundsätzlichen Neigung des hannoverschen Schauspiels, bevorzugt Puppen, Fratzen und Zombies zu zeigen, stört aber auch nicht weiter. Beatrice Frey, Sebastian Kaufmane und Julia Schmalbrock, die in wechselnder Besetzung die Figuren der Liebes-, Todes-,Kunst- und Schuldgeschichten spielen, pflegen einen etwas höher gelegten Deklamationston. Sie scheuen das Pathos nicht und vermeiden ironische Distanzierung. Die schrägen Kostüme mit merkwürdigen Ausbuchtungen und die weißen Gesichter wirken nur zu Beginn künstlich und befremdlich.

Nicht bleich geschminkt tritt allein Rebecca Klingenberg auf. Sie spielt die Schwester, die auch die Szenenanweisungen spricht. Aus diesen Ansagen schafft sie wunderbare Miniaturen aus Trotz, Angst und Verhuschtheit. Sehr schön.

Wieder am 19. und 24. Mai sowie am 12. und 22. Juni. Karten: (0511) 99991111.

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