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Detlev Glanerts „Caligula“ beeindruckt

Premiere in der Staatsoper Hannover Detlev Glanerts „Caligula“ beeindruckt

Dieser Caligula vibriert in seiner Monströsität, er ist zynisch, aber auch alptraumverloren. Die Musik in Detlev Glanerts Oper „Caligula“ hat ihren ganz eigenen Ton, sie ist sänger- und  publikumsfreundlich. Selten versteht man in einer zeitgenössischen Oper den Text so gut wie hier. Eine Rezension der Premiere in der Staatsoper Hannover von Rainer Wagner.

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Caligula-Premiere in der Staatsoper Hannover: Am Ende gab es für alle herzlichen Beifall, für Ralf Lukas in der Titelrolle besonders intensiv.

Quelle: Thomas M. Jauck

Hannover. Kein Pferd, nirgends. Und auch Drusilla, die vergötterte und zur Göttin erhobene Schwester, ist nicht mehr, wenn die Geschichte von Gaius Caesar Augustus Germanicus, genannt Caligula, auf der Bühne der Staatsoper ihren Lauf nimmt, der nur böse enden kann. Die beiden populärsten Klischees, die dem Bild des römischen Kaisers anhaften, fehlen in Detlev Glanerts Oper „Caligula“, doch das tat dem Erfolg dieses kunstfertigen Musiktheaters keinen Abbruch. Am Ende gab es für alle herzlichen Beifall, für Ralf Lukas in der Titelrolle besonders intensiv.

Das Pferd, das Caligula  zum Konsul machen wollte, lässt sich zwar kein Provinzrhetoriker entgehen, wenn es eine Personalentscheidung zu rügen gilt („...die dümmste Wahl, seit Caligula sein Pferd...“), aber Hans-Ulrich Treichels Opernlibretto kann darauf ebenso verzichten wie auf den Auftritt der angeblich inzestuös geliebten Schwester Drusilla. Textdichter Treichel folgt damit Albert Camus’ frühem Drama „Caligula“ als Textvorlage, dem er aber durchaus eigene Töne unterschiebt.

Mit „Caligula“ von Detlev Glanert feierte eine der bedeutendsten zeitgenössischen Opern Premiere in der Staatsoper Hannover.

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Die Oper beginnt mit einem Schrei: als Reaktion auf Drusillas Tod. Und sie endet mit einem Schrei und dem Tod des Titelhelden. Dem ersten Schrei folgt eine orchestrale Eruption. Sie klingt, als wolle Detlev Glanert der „Elektra“ von Altmeister Richard Strauss zeigen, wo das Beil hängt. Danach aber ist seine Partitur eher durchsichtig.

Glanert hat seine Oper mit einem Akkord aus 27 Tönen unterlegt. Im Umfeld der Uraufführung in Frankfurt 2006 war von 25 Tönen die Rede, aber auf den Unterschied kommt es letztlich nicht an, wenn man fast ein Drittel der Töne aus dem Umfang von sieben Oktaven nutzen kann. Seriell hört sich das nicht an, auch das Vorbild des 2. Wiener Schule, das Glanert beschwört, wird von einem archaischen Grundton überlagert. Und wenn Caligula über die Unerreichbarkeit des Mondes räsoniert, hört man, dass Glanert bei seinem Lehrer Hans Werner Henze aufgepasst hat.

Bei allem aber hat Glanerts Musik ihren ganz eigenen Ton, sie ist sänger- und  publikumsfreundlich. Selten versteht man in einer zeitgenössischen Oper den Text so gut wie hier (man hätte in diesem Falle, vor allem bei den Männerpartien, auf die generell hilfreichen Übertitel sogar verzichten können). Klarheit prägt diesen Musiktheaterabend, auch wenn er vom Wahnsinn erzählt und zwischen Grauen und Groteske schwankt.

Caligula ist tot, das Böse aber lebt

Wir erleben, wie Caligula als Machthaber seiner eigenen unerbittlichen Logik des Terrors folgt, wie er seine Spielchen spielt und wie seine Untertanen mitspielen, wie er sich im Götterwahn verfängt und im Todesrausch verliert. „Noch lebe ich“, schreit er im Sterben. Caligula ist tot, das Böse aber lebt.

Gastregisseur Frank Hilbich, der hier vor zwei Jahren eindrucksvoll Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzesnk“ inszeniert hat, macht aus diesem tödlichen Spiel keine vordergründige Parabel auf den Totalitarismus, er bietet dem Zuschauer individuellen Interpretationsspielraum. Bühnenbildner Volker Thiele hat ihm dafür einen fast klinischen Versuchsaufbau erstellt, mit drei Spielebenen, mit vertikalen Linien, die im späten Wahn des Kaisers verschwimmen. Alles ist Schwarz und Weiß, doch dazwischen regiert das Grau(en). Die Kostüme von Gabriele Rupprecht setzen das punktgenau um.

Regisseur Hilbrich greift das Spiegelmotiv auf, das den Selbstbespiegler Caligula umtreibt. Da können Spiegelscherben zu tödlichen Waffen werden. Ob Blendung, Schändung oder Mord, die Inszenierung belässt es bei eher rituellen Handlungen und verzichtet auf Brachialeffekte des Blut-und-Hoden-Regiestils. So konzentriert sich das Geschehen auf das Psychogramm eines Mannes, der überzeugt ist, dass es „keine tiefe Leidenschaft ohne eine gewisse Grausamkeit“ gibt. Der immer noch seiner Schwester nachtrauert (und anfangs eine ihr nachempfundene Puppe mit sich trägt), der nicht nach den Sternen, sondern nach dem Mond greifen will, der von der Aufrichtigkeit des jungen Patriziers Scipio berührt ist, aber seiner eigenen Frau Caesonia die Annäherung verwehrt.

Caligula vibriert in seiner Monströsität

Ralf Lukas macht das alles überaus eindrucksvoll und präsentiert die Partie mit sängerischer und rhetorischer Eindringlichkeit. Dieser Caligula vibriert in seiner Monströsität, er ist zynisch, aber auch alptraumverloren. Ihm kommt entgegen, dass Glanert sängerfreundlich komponiert hat und auf extreme Tonsprünge verzichtet, die die Avantgarde zur sportlichen Disziplin entwickelt hat. Nur den Frauenpartien Caesonia und Livia billigt Glanert hektische Ausbrüche zu: Khatuna Mikaberidze skizziert die Kaisergattin zwischen Exaltiertheit und Resignation, Carmen Fuggiss macht aus der geschändeten Livia einen scheiternden Racheengel.

Noch schillernder im Ton ist der Countertenor Owen Willetts, der als Sklave Helicon notfalls auch mörderischer Diener sein kann, aber am Auftrag scheitern muss, den Mond vom Himmel zu holen. Die Patrizier werden von Per Bach Nissen (als bassmächtiger Cherea besonders stark), Latchezar Pratchev (Mucius) und Frank Schneiders (Mereia) respektabel vertreten und haben mit Scipio noch einen jungen Idealisten in ihren Reihen: Mareike Morr nutzt den Facettenreichtum dieser Figur zu einem anrührenden Charakterbild.

Musikchefin Karen Kamensek führt mit Umsicht und durchaus vorwärtsdrängend durch diese Partitur, die auch dem Chor kurzfristig dankbare Aufgaben bietet. Das Niedersächsische Staatsorchester kann in den beiden Orchesterzwischenspielen glänzen und liefert ein solides Klangfundament (Schlagzeug! Blech!). Selbst ein stimmungsintensives Cellosolo fehlt nicht.
Das alles ergibt einen starken Musiktheaterabend. Für Skeptiker und Zögerer: Die Geschichte ist fordernd, aber die Musik nie überfordernd. Trotzdem blieben nach der Pause ein paar Sitze leer. Die Neugierigen aber waren hörbar sehr zufrieden.

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