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Warum der "Freischütz" in Hannover polarisiert

Premiere an der Staatsoper Warum der "Freischütz" in Hannover polarisiert

Der "Freischütz" spaltete das Premierenpublikum an der Staatsoper Hannover. Auch wegen der darin gezeigten Videos, die erst für Besucher ab 16 Jahren freigegeben werden. "Buh"-Rufe gab es aber vor allem, weil diese Oper anders ist als das, was man sonst auf Opernbühnen zu sehen gewohnt ist.

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Teuflischer Kugelsegen: Max (Eric Laporte, links) und Samiel (Eva Verena Müller).

Quelle: thomas m. jauk

Hannover. Was soll das alles? Das werden sich nicht nur viele Zuschauer bei der Premiere von Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ an der Staatsoper Hannover gefragt haben – auch Regisseur Kay Voges hat sich diese Frage bei der Beschäftigung mit dem Stück offenbar immer wieder gestellt. Es ist ja auch eine seltsame, schwer symbolbeladene und kaum glaubwürdige Geschichte voller vom Schicksal hin- und hergeworfen Jägerburschen und Brautjungfern, die diese erste deutsche Oper der Romantik erzählt. Kein Wunder, dass einem Theatermacher dazu viele Bilder in den Kopf kommen: Was lässt sich hier nicht alles in Beziehung setzen, andeuten und vorausahnen!

Die Bilderflut, die Voges und der Videodesigner Voxi Bärenklau schließlich über das Publikum ausgeschüttet haben, hatte im Vorfeld der Premiere für Komplikationen gesorgt: Einigen Szenen seien für Kinder und Jugendliche nicht geeignet, befand die Oper und verpasste der Inszenierung kurzfristig eine Altersempfehlung ab 16 Jahren. Am Ende war das Ganze aber halb so schlimm. Dass es schon vor der Pause des Öfteren zu wütenden Zwischenrufen und später zu heftigen Buh-Stürmen bei Teilen des Publikums kam, lag nicht so sehr an einigen wenigen drastischen Bildern, sondern am Gesamtkonzept: Dieser neue „Freischütz“ ist verrückt und wagemutig, geschwätzig und zukunftsweisend und vor allem ziemlich anders als das, was man sonst auf Opernbühnen zu sehen gewohnt ist.

Entgegen der ursprünglichen Einschätzung sei die aktuelle Inszenierung des „Freischütz“ nicht für Heranwachsende unter 16 Jahren geeignet.

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„Okidoki“ ist das erste, was man an diesem außergewöhnlichen Abend zu hören bekommt, und es ist auch das letzte Wort der Inszenierung. Zudem prangt es den ganzen Abend in blinkenden Leuchtbuchstaben über der Szene (Bühne: Daniel Roskamp). „Okidoki“ ist ein wunderbar hochkulturfernes Wort, das sich in seiner schnodderigen Art gut als Motto für Voges’ Herangehensweise verstehen lässt. Man kann man sich vorstellen, wie der Regisseur, der Intendant des Schauspielhauses in Dortmund ist und in Hannover nun seine zweite Oper inszeniert, mit diesem Ausruf den Blick aus der Partitur gehoben, die Ärmel hochgekrempelt und sich an die Aufgabe gemacht hat, das Stück neu zu erfinden.

Voges ist weit davon entfernt, den „Freischütz“ so auf die Bühne zu bringen, wie der Opernführer es schildert. Es gibt keinen Wald, keinen Brautkranz, keinen Teufel. Stattdessen steht ein seltsames Zwitterwesen im Mittelpunkt, das aussieht wie eine Kreuzung aus Gollum und Knollennasenmännchen (Kostüme: Mona Ulrich und Theresa Lielich). Diese sonderbare Figur hat es sich – warum auch immer – zur Aufgabe gemacht hat, eine deutsche Nationaloper zu kreieren. Genau das war auch die Absicht von Carl Maria von Weber, als er sich 1817 daran machte, ein Stück zu komponieren, das die Vorherrschaft der italienischen Oper auf den Bühnen der zahlreichen deutschen Kleinstaaten brechen sollte. Warum Voges’ Zwitterwesen, das später als Samiel erkennbar wird, sich die ganze Mühe macht, ist weniger klar.

Die hinreißend spielende Eva Verena Müller brummelt vor den Bildern von nationalen Ikonen von den Brüdern Grimm bis Beuys pseudo-tiefsinnige Sätze vor sich hin und zerbricht sich den Kopf darüber, wie das übrige Bühnenpersonal richtig anzuordnen sei. So ist dieser „Freischütz“ kein Schauermärchen mehr, sondern eine Künstleroper.

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Die Inszenierung von Webers "Freischütz" in Hannover polarisiert. Wie modern darf Oper sein?

Dieses zumindest vage verständliche, viele Freiheiten eröffnende inhaltliche Konzept macht aber nur den kleineren Teil des Reizes dieser Inszenierung aus. Wichtiger als der Inhalt ist hier eine Form, die man zunächst als Reizüberflutung wahrnehmen kann, die sich im Laufe des Abends aber immer mehr als Reichtum erweist.

Voges hat sich weitgehend von der Guckkastenbühne verabschiedet, seine Bühne ist ein vielschichtiger Erlebnisraum, auf dem das tatsächliche Geschehen ständig von verschiedenen Videoprojektionen überlagert wird. Dazu gehören Liveübertragungen aus dem ansonsten unsichtbaren Inneren der Bühnenräume und vorgefertigte Bilder wie die einer Penisamputation, die kurz die Versagensangst von Max vor dem Probeschuss illustriert und wohl dafür gesorgt hat, dass sich die Oper entschloss, das Stück nur für Besucher ab 16 Jahren freizugeben.

Spektakel drängt Musik an den Rand

Beim „Jägerchor“ sind marschierende Pegida-Anhänger zu sehen, und vor dem volkstümlichen Lied vom Jungfernkranz erklärt der Dirigent Christian Thielemann auf der Videowand in einem verrückten Kurzinterview, warum Volksmusik Kunstmusik sei. An dieser Stelle hält Dirigentin Karen Kamensek im Orchestergraben ein Schild in die Höhe, auf dem steht, dass sie sich von dieser Szene distanziere. Normalerweise witterte man hier einen Theaterskandal. Aber in einer Inszenierung, in der alles geht, fällt so ein Detail kaum noch ins Gewicht.

Die Musik rückt bei solchem Spektakel ein wenig aus dem Zentrum der Beachtung, und doch ist sie es, die die Bilderflut trägt. Kamensek verzichtet in ihrer letzten Neuproduktion als hannoversche Generalmusikdirektorin darauf, die brutalen und scharfen Seiten der Partitur so herauszustellen, wie etwa Carlos Kleiber es in seiner berühmten Aufnahme getan hat. Sie setzt eher auf balsamische Klänge, die tatsächlich auch manchem Regieeinfall die Schärfe nehmen.

Gesungen wird dazu durchweg gut: Eric Laporte als Gast ist ein lyrisch strahlender Max, Tobias Schabel ein szenisch kalt gestellter, stimmlich aber umso präsenterer Kasper. Ania Vegry klingt als Ännchen genauso hell und licht wie Dorothea Maria Marx’ Agathe: Dass diesem Ännchen die gouvernantenhafte Tiefe fehlt, die die Partie üblicherweise kennzeichnet, hat Regisseur Voges vielleicht auf einen weiteren Einfall gebracht. Max bekommt am Ende nicht nur Agathe, sondern ihre Erzieherin gleich mit dazu.

Service

Wieder am 16. und 21. Dezember, sowie am 7., 17. und 31 Januar.

Es ist eben vieles anders an diesem Opernabend, der zweifellos nicht ohne Reibungen zustande gekommen ist. Voges aber scheint keine Furcht zu kennen. Er lässt eine Migrantin mit Kinderwagen und Kopftuch Opfer einer Freikugel werden, er schickt Weihnachtsmänner, Osterhasen und Schneewittchen mit den sieben Zwergen über die Bühne, und er lässt – für viele Opernfreunde ein Sakrileg – die Musik immer wieder unterbrechen. Wenn der erste Probeschussversuch misslingt, weil Max erst eine Ladehemmung hat und dann aus Versehen das ganze Bühnenpersonal mit einem Kugelhagel niedermäht, greift Spielleiter Samiel ein und lässt die Szene wiederholen, bis das richtige Opfer getroffen ist.

So verrückt, verwegen und sonderbar Voges’ Einfälle auch oft sein mögen: Sie sind niemals dumm. Sie sind vielmehr beredte, oft gut gelaunte Zeugen dafür, dass auch in der Oper die Freiheiten möglich sind, ohne die das Sprechtheater schon lange nicht mehr auskommt. Der Regisseur setzt auf wildes Fabulieren statt auf szenische Konzentration und öffnet so die scheinbar unabänderlich strenge Form der von der Partitur vorgegebenen Handlungsabläufe. Und mit den vielen neuen Anknüpfungspunkten entstehen auch viele neue Zugänge zu einer längst nicht mehr jedem verständlichen altehrwürdigen Kunstform. Es ist ein Weg in die Zukunft der Oper. Man muss ihn nicht immer beschreiten. Aber manchmal ist es echt okidoki.

Erste Reaktionen auf die Premiere

„Für ein Schauspiel mit Multimedia-Clipshow zum Thema ,Die schlimmsten deutsch-nationalen Klischees’ mag dieses Regiekonzept ja geeignet sein. Aber eine Operninszenierung ist das nicht.“
Agnieszka Zagozdzon, NDR Kultur

„Buh-Orkane und Beifallsstürme: Es war ein Theaterkampf in Hannover. Aber ein positiver: Hier geht Musiktheater nach vorne, hier wird etwas Neues gewagt.“
Stefan Keim, Deutschlandradio Kultur

„Anstatt (mit) einer romantischen Oper war ich mit einer pornographischen Orgie aus Blut und Sex konfrontiert (...). Lasst mich diese Bilder wieder aus dem Kopf bekommen! (...) Ich musste bis zur Pause ausharren, um diese schreckliche Inszenierung endlich verlassen zu können.“
Marina Sosseh auf der HAZ-Facebook-Seite

„Man muss ja wiederkommen, damit man weiß, worüber man spricht.“
Premierenbesucherin nach der Pause

„Das Orchester unter der Leitung von Karen Kamensek ist großartig. Die sängerische Leistung (...) war durchgängig gut. Allerdings ist die Inszenierung überfrachtet. (...) Die Altersbegrenzung ist aus meiner Sicht unverständlich und nicht gerechtfertigt.
Harald Härke, Hannovers Kulturdezernent

„Ich komme nicht nach Hannover, um hier geliebt zu werden, sondern um (...)eine Einladung zum Diskurs zu geben.“
„Freischütz“-Regisseur Kay Voges

 

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