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Argerich und Maisky im Funkhaus

Pro-Musica-Konzert Argerich und Maisky im Funkhaus

Gastspiel eines legendären Duos: Die 74-jährige Pianistin Martha Argerich und der 68-jährige Cellist Mischa Maisky haben das Publikum im ausverkauften Funkhaus begeistert. Ganz makellos war ihr Auftritt bei Pro Musica allerdings nicht. Doch diese beiden Musiker können sich Fehler lässig leisten.

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Maisky und Argerich beim Auftritt im Funkhaus.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Der begeisterte Applaus, das Aufspringen von den Stühlen, das kollektive Glücksgefühl: Beim jüngsten Pro-Musica-Konzert im bis auf den letzten Platz gefüllten Funkhaus gab es dafür nicht allzu viele objektive Gründe. Aber wer bleibt schon objektiv, wenn Martha Argerich und Mischa Maisky – zwei Lichtgestalten aus dem goldenen Zeitalter der klassischen Musik – sich für einen ihrer legendären Duoabende die Ehre geben?

Man schätzt sie nicht nur – man liebt sie

74 Jahre ist die argentinische Pianistin inzwischen alt, Cellist Maisky ist gerade 68 geworden. Vor rund 40 Jahren haben die beiden erstmals zusammengespielt – und seither Generationen von Musikfreunden mit ihren Konzerten und zahllosen Schallplatten- und CD-Aufnahmen begeistert. Wie sehr Argerich und Maisky ihr Publikum beeindruckt haben, konnte man im Funkhaus schon vor dem ersten Ton hören: Selten ist der Beifall, der die Musiker beim Auftritt empfängt, so erwartungsfroh und warm. Man schätzt diese beiden nicht nur; man liebt sie. Und doch war selbst solcher Applaus nur das Vorspiel zu immer größerer Begeisterung, bis sich das Publikum am Ende in seltener Einmütigkeit erhob, um den außergewöhnlichen Künstlern ungewöhnliche Ehre zuteil werden zu lassen.

Was zwischen diesen Publikumsreaktionen zu erleben war, erschien dagegen zunächst nicht so spektakulär. Ist nicht der Tonfall von Franz Schuberts „Arpeggione“-Sonate, diesem abgeklärt-keuschen melodischen Wunderwerk, eigentlich vollkommen verfehlt, wenn man die Phrasen mit scharfer Bogenattacke zerschneidet und alle Töne mit einem Vibrato versieht, das selbst Tschaikowski erröten lassen würde? Steht nicht in den Noten von Beethovens g-Moll-Sonate manchmal etwas ganz anders, als Maisky da gerade spielt? Und natürlich entstehen im Zusammenspiel dieser beiden Großen oft wunderbare, perfekt ausbalancierte Klänge. Oft aber auch nicht. Für ein Duo, das schon so lange so intensiv zusammenarbeitet, wirkt erstaunlich viel dem Zufall überlassen.

Ganz große Künstlerlebenserfahrung ist zu hören

Doch die lange Liste kleiner Patzer, Fehler und Unsauberkeiten, die andere Konzerte zuverlässig verdorben hätte, beschreibt hier nur einen Teil des Abends. Denn auch wenn etwa Maiskys Vibrato nicht zu jedem Stück passt – es ist noch immer ein sensationelles Vibrato. Man spürt in jeder Schwingung, dass sein Urheber ein leidenschaftlicher Musiker mit großem Gestaltungswillen ist. Maisky ist seinen Weg vom sowjetischen Arbeitslager auf die größten Konzertpodien der Welt gegangen. Mag sein, dass er nach akademischen Maßstäben manchmal nicht ganz stilsicher ist. Er ist aber immer authentisch. In klassischen Konzerten sind solche Stimmen rar geworden.

Und auch Argerich gelingt es noch oft genug, sich von der bequemen Rolle der Begleiterin zu emanzipieren. Nicht nur, wenn sie nach einer fulminanten Franck-Sonate mit dem letzten Ton vom Flügel aufspringt, als sei sie noch immer der temperamentvolle Feuerkopf, als der sie längst in die Klaviergeschichte eingegangen ist. Ganz am Schluss spielt sie eine Version des „Lerchengesangs“ von Johannes Brahms, die so geheimnisvoll, melancholisch und überirdisch schön erscheint, dass man Argerichs ganze große Künstlerlebenserfahrung darin zu hören glaubt. Kein Wunder, dass alle aus dem Häuschen sind.

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