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Eine Tüte namens Wolters

Proben für "Frühstück bei Tiffany's" Eine Tüte namens Wolters

In der Humorwerkstatt: Florian Battermann probt in einem Braunschweiger Industriegebiet „Frühschicht bei Tiffany“ für das Neue Theater. Sein Ziel: „Unser Publikum will lachen“.

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Die Schauspieler Michaela Schaffrath (als Debbie) und Florian Battermann (als Chris) probenin 2011 auf der Bühne in der Komödie am Altstadtmarkt in Braunschweig für das Stück "Zauberhafte Zeiten".

Quelle: dpa

Die Regieassistentin macht „Bumm“. Ganz leise macht sie das, sehr, sehr zurückhaltend. Eigentlich ist es das Gegenteil von Donner. Aber es reicht; das „Bumm“ ist groß genug. Der Schauspieler blickt furchtsam nach oben in den Himmel, der hier, im Keller des Großhandels für Bürobedarf am Stadtrand von Braunschweig, ganz nah ist und aus nachlässig mit weißer Farbe bemaltem Beton besteht. Dann muss das Gewitter stärker werden, und Joana, die zaghafte Regieassistentin, flötet „Bumm“, „Bumm“, „Bumm“, „Bumm“ in den Raum und der Schauspieler beginnt vor Angst zu beben und legt sich schutzsuchend die Hände über den Kopf.

Das ist komisch. Das ist sogar sehr komisch. Aber das ist eher nicht die Art von Komik, die hier gefragt ist. Florian Battermann probt in einem Braunschweiger Industriegebiet „Frühschicht bei Tiffany“, ein Stück von Kerry Renard.
Es ist reines, glattes Boulevardtheater. Zwei haben sich scheiden lassen, dann stellt sich heraus, dass die beiden zwei Apartments im selben Haus bezogen haben. Es gibt noch einen weiteren Mieter, der hat ein Auge auf die schöne neue Mitbewohnerin geworfen, die als Verkäuferin beim Juwelier Tiffany arbeitet. „Frühschicht bei Tiffany“ ist eine leichte, romantische Komödie, der Humor ist eher trocken als spröde und keinesfalls absurd oder gar grotesk. Am
4. September hat das Stück am Neuen Theater in Hannover Premiere. Es ist die deutschsprachige Erstaufführung. Und dafür wird jetzt geprobt. In einem Gewerbekeller in Braunschweig.

Ort hat Doppelfunktion

Dass in Braunschweig geprobt wird, hat etwas mit der Doppelfunktion von Florian Battermann zu tun; der Regisseur ist nicht nur künstlerischer Leiter des Neuen Theaters in Hannover, er ist auch Geschäftsführer der Komödie am Altstadtmarkt in Braunschweig, auch das ein Boulevardtheater. Da lassen sich manche Synergieeffekte nutzen: gemeinsames Lager, gemeinsamer Probenraum. So etwas ist nicht unwichtig, wenn ein Theater keine Subventionen erhält, sondern sich nur aus dem finanziert, was an der Kasse eingespielt wird.

„Unser Publikum will lachen“, sagt Battermann, „wenn mich begeisterte Zuschauer nach einer Aufführung ansprechen, dann höre ich oft den Satz ,Wir haben ja so gelacht’. Darum geht es: ums Lachen.“ Jetzt, bei der Probe, geht es darum, die Komödie möglichst komisch zu machen. Marion König, Wolfram Pfäffle und Armin Sengenberger stehen auf der Bühne, junge Schauspieler, Profis. Es sollen auch Fotos fürs Plakat gemacht werden. Ein Träger unter der Decke wirft einen unschönen Schatten. Minutenlang verharren die Schauspieler lächelnd. Sie können das.

„Probier’s mal anders“

Theaterleiter Florian Battermann, der einige Boulevardstücke selbst geschrieben hat und gelegentlich auch als Schauspieler auf der Bühne steht, führt Regie. Er sitzt drei Meter vor der Bühne, in einem Sessel, der wohl in einigen Stücken schon mal auf der Bühne stand. Der Probenraum ist auch Lager für alles, was im Neuen Theater und in der Komödie am Altstadtmarkt gespielt wurde. In einem Regal stehen Kartons. „Jo Jo Reste“ und „Landeier“ steht da drauf. Eine Tüte ist mit „Wolters“ beschriftet worden. Vor dem Regisseur steht ein Couchtisch, auf dem ein paar Pommes frites und Chicken Nuggets erkalten. Gerade war Pause. Der McDonald’s nebenan ist hier die Theaterkantine.

„Entschuldige bitte, aber das wirkt jetzt ein bisschen notgeil.“ Regisseur Battermann hat den Schauspieler Wolfram Pfäffle unterbrochen, der die neue Nachbarin zum Frühstück auf seinen Balkon geladen hat. „Probier’s mal anders“, sagt der Regisseur, „versuch’ mal, überwältigt zu sein. Wie ein kleiner Junge vor dem Weihnachtsbaum“. Wolfram Pfäffle spielt Überwältigung, er guckt seine Kollegin Marion König verzückt an. Der Regisseur ist zufrieden. Weiter im Text.
Das Team probt das dritte von sieben Bildern. Das Stück hat eine Besonderheit: die Bühnenkonstruktion. Anders als sonst im Boulevardtheater gibt es hier keinen Salon mit drei Türen und einem Fenster, sondern drei Balkone. Naja: eher drei Balkönchen. Sie passen gerade mal so in den Probenkeller. Auch hier gibt es Türen, und wenn man sie zu heftig zuschlägt, springen sie wieder auf. „Du musst die Tür ganz geführt zuschlagen“, rät der Regisseur der Darstellerin. Dass die Tür geschlossen bleibt, ist wichtig, denn der Mann auf dem Balkon soll ausgesperrt werden.

Der Witz steht im Vordergrund

Die Mechanik der Komödie muss funktionieren. Requisiten müssen da sein, wo sie gebraucht werden, und wenn eine Pointe kommt, soll sie ihre Wirkung auch entfalten dürfen. Dann müssen Nebenhandlungen zurückgefahren werden. Der Witz steht im Vordergrund. Immer wieder versucht Battermann, den Text komischer werden zu lassen. Fällt ihm eine kleine Extrapointe ein, muss die Regieassistentin sie in den Text aufnehmen und die Schauspieler müssen sie lernen.
Der Keller ist eine Humorwerkstatt. Und die Schauspieler sind gute Handwerker. Manche Dinge sind im Boulevardtheater komplizierter. Textlernen zum Beispiel. „Das ist im Boulevardtheater manchmal recht knifflig“, sagt Armin Sengenberger, „die Sprache ist aus dem wirklichen Leben gegriffen, die Pointen müssen aber ganz präzise kommen.“

Das gilt auch für den Klingelton, wenn die schöne Nachbarin vor der Tür steht. Bei der Probe kommt der nicht aus den Lautsprechern, sondern von der Regieassistentin. Genau im richtigen Moment sagt sie „Dingdong“.
Und die Tür geht auf.

„Frühschicht bei Tiffany“ von Kerry Renard hat am 4. September im Neuen Theater Premiere. Karten: (0511) 36 30 01.

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