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Pure Liebe, purer Schmerz

Hannover Pure Liebe, purer Schmerz

Jean-Philippe Rameaus „Castor und Pollux“ kommt ohne jedes Dekor aus. Dafür spielt der Fußball in der hannoverschen Staatsoper eine ungeplante Nebenrolle.

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Gebrochene Gestalten: Die Halbbrüder Castor (Sung Keon Park, vorn) und Pollux (Christopher Tonkin) Foto: Landsberg

Hannover. Ein ohrenbetäubendes Donnergrollen, von überall her. Blitze durchzucken das gesamte Opernhaus, auch den Publikumsraum. Es muss etwas Großes passieren jetzt. Und in der Tat: Jupiter, strahlender göttlicher Herrscher, verkündet das Schicksal von Castor und Pollux. Es ist die wohl spektakulärste Szene in der letzten Premiere dieser Spielzeit: Zum 250. Todestages des französischen Barockkomponisten Jean-Philippe Rameau bringt die hannoversche Staatsoper „Castor und Pollux“ heraus, die Geschichte der beiden von zwei verschiedenen Vätern gezeugten Zwillingshalbbrüder.

Als es sich ausgedonnert hat, erleuchtet nur ein Spot die Bühne. Man sieht das aus dem Orchestergraben hochgefahrene Staatsorchester musizieren. Jupiter (Frank Schneiders) tänzelt zwischen den Musikern hindurch, dirigiert sogar mit. Der Fokus liegt an dieser Stelle ganz auf Rameaus so sinnlicher wie karger Musik.

Regisseur Alexander Charim hat damit ein sprechendes Bild für eine Inszenierung gefunden, die sich streng und puristisch gibt - und die radikal mit den historischen Aufführungskonventionen einer Tragédie lyrique vom Format von „Castor und Pollux“ bricht. Zu Zeiten Rameaus am französischen Hof war sie ein Fest der Sinne, eine bildungssatte Theaterform, die Sprache, Klang und Tanz miteinander kombinierte. Alexander Charim und Gastdirigent und Alte-Musik-Spezialist Howard Arman dagegen arbeiten ohne einen Choreografen, ohne jedes Ballett. Rameaus Tanzmusiken nutzen sie als Freiräume für ein Seelendrama, in dem es um Geschwisterbeziehungen, und um tragisch scheiternde Lieben geht.

Hass, Liebe, Eifersucht: Das ist der Stoff, aus dem Rameau ein verwickeltes und beziehungstechnisch letztlich unauflösbares Drama schafft. Zwei Männer, zwei Brüder auch noch, Castor und Pollux, lieben dieselbe Frau: Télaïre. Zwei Schwestern, eben jene Télaïre und ihre Schwester Phébé (bemerkenswert intensiv: Rebecca Davis), lieben denselben Mann: Castor (Sung-Keun Park). Der wiederum wurde im Krieg getötet. Die verzweifelte Télaïre erfleht von dem unsterblichen Pollux (Christopher Tonkin) jetzt das eigentlich Unmögliche: Er soll seiner Liebe zu ihr entsagen und sich ganz auf seine Bruderliebe besinnen: Pollux soll den sterblichen Bruder Castor mit Hilfe seines Göttervaters Jupiter aus der Unterwelt zurückholen. Als große Verliererin in dem Spiel bleibt die von niemandem geliebte und darum von Hass verzehrte Phébé zurück.

Alexander Charim begegnet dieser emotional hoch aufgeladenen Geschichte mit extremer Kühle, in dem er Ivan Bazak ein karges, ja puristisches Bühnenbild schaffen lässt. Lediglich von drei Wänden ist die Bühne umgeben, Wänden, die mal weiß, steinern und undurchlässig wirken, dann wieder - allein durch eine andere farbliche Nuancierung oder durch Wasser, das von oben langsam herabrinnt - andere atmosphärische Facetten ermöglichen. Charim lässt die Protagonisten mit all ihren Gefühlen aufeinanderprallen. Auf ihnen, ihren Beziehungen zueinander, liegt der Fokus - und auf der Musik, die ihre Spannung nicht aus der strikten Trennung von Arie und Rezitativ gewinnt, sondern diese im Gegenteil häufig auflöst und die Empfindungen der Protagonisten bis in die feinsten kompositorischen Strukturen hinein nachzeichnet. Das Staatsorchester, dessen Streicher mit eigens angeschafften Barockbögen ausgestattet worden sind, agiert anfangs noch sehr vorsichtig, manches klingt mehr spröde als federnd artikuliert. Je weiter das Stück fortschreitet, desto mehr wartet das Orchester mit Elastizität, pointierter Rhythmik und subtilen Klangfarben auf.

Gleich zu Beginn der Inszenierung (Charim und Arman lassen in einer stark gekürzten Version von 1737 die Ouvertüre komplett weg) entstehen starke Effekte. Weil man optisch von keinerlei Dekor abgelenkt wird, wirkt die Trauermusik über den Tod Castors, der Chor der Spartaner mit dem „Que tout gemisse“ in der berühmten Begräbnisszene umso inniger. Das erste Rezitativ zwischen Télaïre und Phébé, in dem sie den Verlust ihres Geliebten Castor betrauert, gipfelt in Télaïres Klangarie, von Ina Yoshikawa wunderschön feinsinnig und berührend artikuliert. „Tristes apprêts“. Eindrucksvoll ist es auch, wie Castor in seiner ersten großen Szene zu Beginn des 4. Aktes zunächst gar nicht singt, sondern sich verzweifelt am Boden wälzt, aufsteht und so oft wie vergeblich gegen eine der Wände rennt. Einsam sind die Figuren hier, voll von Schmerz, das ist über weite Strecken überzeugend gesungen und konsequent und wirkungsvoll gemacht.

Auf die Dauer hat diese Reduktion, dieser Verzicht auf alles Spielerische, aber auch etwas Anstrengendes, obwohl es zur puristischen Ausrichtung passt. Ebenso überraschend wie aufgesetzt wirkt beispielsweise die letzte Szene, die im Original so versöhnliche „Fête de l’univers“, die hier so ironisch gebrochen ist. Castor und Pollux schmücken nicht wieder vereint und strahlend zur Freude aller als Dioskuren den Himmel: Sie werden als gebrochene Gestalten an Seilen die Bühne hochgezogen, während Jupiter sich zu den Klängen der Planetenarie (Planet: Stella Motina) über die beiden lustig macht.

Schade war, dass die Fußball-WM und gleichzeitige Aufführungen im Schauspiel und bei den Kunstfestspielen für einige leere Plätze sorgten. Dass sich die wahren Dramen diesmal nicht (nur) in der Oper abspielten, merkte man in der Pause. Viele Besucher hatten wegen des Elfmeterschießens im Spiel Brasilien gegen Chile das Handy an. Dennoch: Am Ende gab es großen Applaus.

Weiter am 1., 5., 15. und 22. Juli. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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