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„Dieses Buch entlarvt sich sofort“

Rafael Seligmann über die Neuauflage von "Mein Kampf" „Dieses Buch entlarvt sich sofort“

Bislang war der Neudruck von "Mein Kampf" in Deutschland blockiert, doch ab 1. Januar wird die Publikation möglich. Die Neuauflage findet nun Unterstützung von ungewöhnlicher Stelle: Rafael Seligmann, dessen Eltern einst vor den Nazis geflohen sind, wünscht der Neuauflage große Verbreitung. Ein Interview mit HAZ-Redakteur Daniel Alexander Schacht. 

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Eine historische Ausgabe von Hitlers «Mein Kampf» - ab Januar darf das Werk wieder Publiziert werden. 

Quelle: Daniel Karmann

Hannover. Ihre Eltern sind einst vor den Nazis aus Deutschland geflohen, jetzt wünschen Sie der Neuauflage von „Mein Kampf“ eine große Verbreitung. Wie passt das zusammen?

Vollkommen logisch. Das deutsche Volk hat 1932 mehrheitlich die Nazipartei Adolf Hitlers gewählt, Hindenburg hat ihn am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt, und die grundlegenden Ansichten, die zu diesem Erfolg geführt haben, hat Hitler 1923 in der Festung Landsberg in aller Ruhe und Bequemlichkeit niedergeschrieben. Die Kernaussagen von „Mein Kampf“ haben die Nazis zu zwei Parolen geschmiedet: „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“ und „Juda verrecke“. Hitler hat ja ausgeführt, dass die „jüdische Rasse“ zugleich minderwertig und raffiniert sei. Hitlers Agenda - von der Ausschaltung der Juden über die Eroberung von Lebensraum im Osten bis zum ausdrücklich geforderten „Vernichtungskrieg“ gegen Frankreich - lässt sich in „Mein Kampf“ nachlesen. Meine Eltern haben das Gott sei Dank begriffen und sind über Frankreich nach Palästina geflohen. Wer „Mein Kampf“ kennt, weiß, dass Hitler der Architekt eines neuen Krieges und der Judenvernichtung ist.

In Ihrem Buch „Die Deutschen und ihr Führer“ bescheinigen Sie den Deutschen in der Nazizeit „bedingungslose Liebe und Treue zu Adolf Hitler“. Könnte eine solche Liebe durch das Buch nicht neu erwachen?

Ganz bestimmt nicht. Ich glaube, dieses Buch wird eher entlarvend wirken, weshalb ich ja für die Neuauflage eintrete. Die historisch-kritische Neuausgabe, die das Münchner Institut für Zeitgeschichte ediert, ist höchst verdienstvoll. Auch damals ist Hitler ja nicht wegen dieses Buches an die Macht gekommen, sondern weil seine ungezügelte Aggression, sein Geschrei und sein Hass von vielen Millionen Deutschen begrüßt und geteilt wurde, nicht nur von der breiten Masse, sondern auch von Intellektuellen wie Carl Schmitt oder Martin Heidegger. Das ist schmerzhaft, es tut weh, das anzuerkennen, aber es ist so.

Bislang war der Neudruck des Hitler-Buches in Deutschland blockiert, ab 1. Januar macht das Auslaufen der Urheberrechtsschutzes die Publikation möglich. Wird damit zugänglich, was bislang unerreichbar war? Und ist das eine Entwicklung zugunsten der Meinungsfreiheit oder zu einer ideologischen Verblendung?

Das Buch war immer erreichbar, in Antiquariaten, unter der Hand, über Amazon oder sonstwie übers Internet. Trotzdem sind die Deutschen heute in ihrer großen Mehrheit nicht Nazis oder Antisemiten. Das zeigt, dass dieses Buch nicht wie der Geist aus der Flasche alle Deutschen in Massenmörder, Antisemiten oder Volltrottel verwandelt hat. Also: Die Neupublikation ist ein Schritt zu mehr Meinungsfreiheit in Deutschland. Wir Deutschen haben mehrheitlich demokratische Reife bewiesen. Aktuell beweist der offene Umgang mit Flüchtlingen, dass wir nicht nur im Vergleich mit früheren Zeiten, sondern auch im Vergleich zu manchem anderen demokratischen Land heute Menschlichkeit beweisen.

Ist Hitler von der seriösen Wissenschaft unterschätzt worden - als Diktator ernst genommen, aber nicht als Autor?

Ganz eindeutig. Wenn der britische Historiker Ian Kershaw schreibt, eine politische Weltanschauung suche man in „Mein Kampf“ vergebens - dann kann das nur heißen: Er hat das Buch nicht gelesen oder nicht begriffen. Hitler hat darin seine Ideen, Grundsätze und Ziele klar und handfest dargelegt.

Nach „Mein Kampf“ sind die Juden an allem schuld, am Kapitalismus ebenso wie am Marxismus. Das klingt schizophren und simplifizierend zugleich. Aber drohen in Zeiten neuer Unübersichtlichkeit nicht schlichte Antworten, die in allem Übel der Welt einfach eine Ursache sehen, wieder salonfähig zu werden?

Ich hoffe nicht. Bei genauem Hinsehen entpuppt sich Hitlers Argumentation ja auch als recht widersprüchlich. Die „jüdische Rasse“ schildert er einerseits als zutiefst minderwertig, andererseits als höchst raffiniert. Die Weltherrschaft anzustreben wirft er den Juden vor - und verordnet dasselbe Ziel den Deutschen, auf dass die arische Rasse sich über den Globus ausbreite, so blond wie er selbst.

Öffnet die Publikation, wie Charlotte Knobloch warnt, gleichsam „die Büchse der Pandora“?

Ich schätze Frau Knobloch sehr, ich bin mit ihr auch persönlich befreundet - doch in diesem Punkt sind wir vollkommen anderer Ansicht. Aber ich verstehe das aus ihrer besonderen Betroffenheit als Holocaust-Opfer heraus. Diese Büchse war immer offen - denn das Buch war letztlich immer erhältlich.

Die von der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München geäußerte Sorge ist ja ein Motiv für die umfangreiche „kritische Edition“ des Münchener Instituts für Zeitgeschichte. Werden sich Hitler-Fans ihre Begeisterung durch 3700 Fußnoten in dieser auf 2000 Seiten angeschwollenen Ausgabe vergällen lassen?

Ich glaube nicht, dass viele das gesamte Buch mit allen Fußnoten lesen werden. Ich plädiere zusätzlich für eine kurze Ausgabe dieses Buches mit den wichtigsten Auszügen für Interessierte und Schüler, mit vielleicht nur 50 Fußnoten auf 100 Seiten.

Welche Haltung bei der Lektüre würden Sie sich wünschen - wenn das Buch schon gelesen wird?

Die Gedanken sind frei. Ein jeder mag das Buch auf seine Weise lesen und begreifen. Entscheidend ist die Einsicht, was dieser Autor will - die Welt erobern und alle, die in seinen Augen dagegenstehen, nicht nur die Juden, vernichten. Mord und Zerstörung, das ist die Quintessenz von „Mein Kampf“. Für jeden human denkenden Menschen entlarvt sich dieses Buch sofort.

Zur Person

Rafael Seligmann, der 1947 in Tel Aviv zur Welt kam und mit seinen Eltern seit 1957 in Deutschland lebt, ist Publizist und Autor von Sachbüchern und Romanen. Darin lässt er seine Figuren auf humorvolle Weise die Widersprüche und Tabus der jüdisch-deutschen Identität durchleben, in seiner politischen Publizistik setzt er sich für das Verhältnis von Juden und Nichtjuden in Deutschland sowie zwischen Deutschland und Israel ein. Seligmann ist Chefredakteur der in Deutschland und den USA erscheinenden englischsprachigen Monatszeitung „The Atlantic Times“ sowie Herausgeber der „Jewish Voice from Germany“.

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