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Rainald Grebe zeigt „Die Welt von morgen“

Die Zukunft im Theater Rainald Grebe zeigt „Die Welt von morgen“

Wie werden wir morgen leben? Was wird aus dem Internet? Und gibt es eine Vergangenheit der Zukunft? Der Sänger und Regisseur Rainald Grebe präsentiert „Das Anadigiding III: Die Welt von morgen“ im Schauspiel Hannover. Es ist ein großartiger, sehr berührender Theateressay.

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Rainald Grebe in das "Anadigiding III"

Quelle: Bernd Karwasz

Hannover. Drei Jahre lang hat der Sänger, Lieder- und Projektemacher Rainald Grebe am Schauspiel Hannover an seinem Großprojekt „Das Anadigiding“ gearbeitet. Er hat Philosophen, Techniker und Künstler eingeladen und mit ihnen darüber gesprochen, wie sich unsere Welt von Analog zu Digital wandelt und was das bedeutet. Es waren interessante, charmante, kluge kleine Projekte. Diskussionen. Themenabende. Exkursionen. Es war nicht: das große Ding. Das sollte am Schluss kommen, als Höhepunkt: Das „Anadigiding“ auf der großen Bühne des Schauspielhauses.

Kann das gut gehen? Es ist doch nur ein Experiment. Ein Herumstochern im Nebel der Zukünftigen. Keine große Sache. Kein Drama. Schon gar keine Tragödie. Vor ein, zwei, drei Jahren hätte die Prognose gelautet: Das wird nichts. Aber wie das mit Prognosen so ist: Sie schöpfen nur aus dem Bestehenden. Sie schreiben nur linear fort, was ist. Wer so in die Zukunft sieht, sieht nichts als verlängerte Gegenwart. Was Rainald Grebe jetzt unter dem Titel „Das Anadigiding III: Die Welt von morgen“ im Schauspielhaus präsentierte, war ganz anders als erwartet: ein Zukunftspanorama aus dem Geist der Vergangenheit, ein witziger, kluger, sensibler Theateressay zum Thema Zeit, eine wundersame Geschichte über die Sterblichkeit. Und ein sehr berührender Theaterabend.

Dabei scheint es am Beginn, als würde es Grebe sich vielleicht zu einfach machen. Er hat für seinen Blick in die nahe Zukunft die Form der Revue gewählt. Wir befinden uns auf der „Futura“, einer Messe für Produkte mit Zukunftspotential. Das riecht nach Kabarett. Und wenn die wunderbare Johanna Bantzer zusammen mit dem großartigen Wolf List Lupinen als Pflanzen der Zukunft preist, fühlt man sich zwar gut unterhalten, fragt sich aber, was als nächstes kommen soll: irgendetwas zu selbstfahrenden Autos? Zu Cybersex? Zum Darknet?

Das kommt. Aber es kommt auch etwas anderes. Ein Putzroboter wuselt über die Bühne. Es ist ein Rollstuhl mit einem kleinen Menschen, der sich unter einem Regenponcho verbirgt und einen Besen über die Bühne schiebt. Witzig. Der kleinwüchsige Schauspieler Klaus-Dieter Werner gibt den Putzroboter. Später schwebt er als Drohne über der leeren Bühne, was auch sehr witzig ist. Mit diesen Auftritten bekommt das Projekt erste Brüche. Es geht hier nicht nur um eine glatte Zukunft. Es geht auch um Unvollkommenheiten. Um den Menschen, der aus krummem Holz geschnitzt ist. Um das Unerwartete, das passieren kann.

Ein Chor älterer Menschen tritt auf. Die Weißhaarigen singen Motetten von Gryphius (vertont vom Musikalischen Leiter Jens-Karsten Stol). Es geht ums menschliche Elend, ums Sterben und darum, wie wenig von uns bleiben wird. Das ist sehr berührend. Später erzählen die Sänger, wie sie in den sechziger, siebziger Jahren ihre Zukunft in Hannover erlebt haben. Die Jüngeren im Publikum können sich dabei ausmalen, wie vergänglich ihre eigene Zukunft ist. Selten kommt einem Theater so nah – und selten ist es dabei so sympathisch.

Regisseur Rainald Grebe öffnet nicht nur den Theaterraum in die Zukunft, er nimmt uns auch mit in die Vergangenheit und zeigt die Zukunft von gestern. Dabei wird es sehr körperlich. Neben einem hübschen Replikat der Zeitmaschine aus dem berühmten Film „Die Zeitmaschine“ nach dem Roman von H. G. Wells (Bühne und Kostüme: Jana Skroblin) bewegen sich Marcel Zuschlag und Yves Duidziak tanzend in die Vergangenheit von Gangnam-Style und Macarena über Disco bis Charleston. Wie fremd hier das Bekannte wirkt – und wie lächerlich.

Von scharfer Kritik ist allerdings nie etwas zu spüren. Das Projekt bleibt ein sanftes Tasten und Ausprobieren. „Das Anadigiding III“ ist grundsympathisch und sehr, sehr unterhaltsam. Die zwei pausenlosen Stunden fühlten sich wie eine halbe an. Am Ende: Jubel. Applaus. Und ein bisschen Traurigkeit, dass es schon zu Ende ist.

Weitere Vorstellungen am 12., 15. und 20. März, sowie am 6., 12., 22. und 28. April. Karten: (05 11) 99 99 11 11

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