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Rainer Frank spielt die Titelrolle in „Staatsfeind Kohlhaas“

Schauspiel Hannover Rainer Frank spielt die Titelrolle in „Staatsfeind Kohlhaas“

„Staatsfeind Kohlhaas“: Rainer Frank spielt die Titelrolle im Eröffnungsstück der neuen Spielzeit am Schauspiel Hannover – einen Pferdehändler, der zum Terroristen wird.

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„Die Eroberung einer Figur geht vom Kopf aus“: Rainer Frank im Schauspielhaus Hannover.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Der Staatsfeind hat viele kleine Lachfältchen. Wenn er lächelt, legt er den Kopf nach hinten und macht kleine Augen. Er lächelt gern. Und oft wird aus seinem Lächeln ein Lachen. Wenn so einer einen Verbrecher spielen soll, einen Terroristen, der für sein Gerechtigkeitsempfinden über Leichen geht, dann fragt er zuerst nach dem Humor, den dieser Mensch wohl haben könnte.

Der Schauspieler Rainer Frank wird Michael Kohlhaas spielen. Am 15. September soll im hannoverschen Schauspielhaus Premiere sein. Es ist eine wichtige Produktion: großes Haus, Saisoneröffnung, deutsche Erstaufführung, der Intendant inszeniert selbst. Und Rainer Frank spielt die Hauptrolle: den Pferdehändler, der zum Terroristen wird.

Kohlhaas als Rolle war bei Kleist nie vorgesehen. Der hatte 1808 eine Novelle mit dem Titel „Michael Kohlhaas“ geschrieben. Seine Bühnengestalten waren andere: Amazonen, Prinzen, Richter, Götter, träumende Kaiserkinder – keine Pferdehändler

Auf die Bühne hat die Sache viel später der ungarische Dramatiker István Tasnádi gebracht – und zwar mit einem originellen Kunstgriff. Er lässt die Geschichte des Rosshändlers Kohlhaas, der vom Junker Wenzel von Tronka gedemütigt wurde und bitter Rache nimmt, aus der Perspektive der beiden Pferde erzählen, die der Junker als Pfand von Kohlhaas erhalten und durch den Einsatz bei der Feldarbeit zugrunde gerichtet hat.

„Ich finde das Stück toll“, sagt Rainer Frank. Kurz vor dem Ende der vergangenen Spielzeit haben die Proben begonnen, in der kommenden Woche ist für die Schauspieler die Sommerpause zu Ende, dann sollen die Proben wieder aufgenommen werden. Mit einer gewissen Vorsicht hat das Ensemble begonnen, sich der Geschichte vom Pferdehändler zu nähern, der beim Versuch scheitert, die Sache juristisch klären zu lassen und dann einen blutigen Feldzug gegen den Junker beginnt.

Als Berserker will Rainer Frank seinen Kohlhaas nicht anlegen, ihn interessiert mehr diese „millimeterweise Radikalisierung“ des frühen Wutbürgers. Der Schauspieler, der sein Handwerk an der (Ost-)berliner Schauspielschule Ernst Busch erlernt hat, ist keiner, der sich irgendwie in seine Rolle „einfühlt“; er erarbeitet sie sich eher durch Nachdenken. „Beim Spielen geht’s ums Einlassen“, sagt er, aber: „Die Eroberung einer Figur geht vom Kopf aus.“ Und dann zitiert er noch seinen vor vier Jahren verstorbenen Kollegen Ulrich Mühe. Der hat einmal den schönen Satz gesagt: „Schauspielerei ist Denken und Energie!“

Beides ist nötig, um auf der Bühne zu bestehen, aber auch, um sich an Figuren heranzutasten. Beim Kohlhaas fragt Frank nicht nur nach dem Humor, sondern auch, wie weit er Klischees bedienen kann, die mit der Figur verbunden sind. Kann man das Stück auch als Volkstheater angehen? Das werden die weiteren Proben zeigen. Proben, meint Rainer Frank, müssten nicht immer zielführend sein. „Man kapiert am meisten“, sagt er, „wenn man Irrwege gehen kann.“ Dann überlegt er einen Moment und sagt: „Scheitern ist vielleicht genauso interessant wie Erfolg.“

Über mangelnden Erfolg kann sich Rainer Frank nicht beklagen. Mit einigen Kollegen kam er zu Beginn der Intendanz von Lars-Ole Walburg 2009 vom Schauspiel Frankfurt nach Hannover. Davor war er am Bayerischen Staatsschauspiel München sowie an Theatern in Magdeburg, Dresden, Leipzig und Jena engagiert.

Das unstete Leben begann für ihn nicht erst mit der Schauspielerei. Auch davor blieb er kaum einmal länger als drei Jahre an einem Ort. Rainer Frank, der 1965 in Berlin geboren wurde, hat seine Kindheit in Chile und Syrien verbracht, sein Vater war bei einem Außenhandelsbetrieb der DDR beschäftigt. Die Familie kam viel in der Welt herum. Und so war der Fall der Mauer für Frank zwar ein besonderes Ereignis, aber doch eines, das er anders erlebte als die meisten seiner Altersgenossen. 1989 war er an der Schauspielschule. Die Schüler hatten Schillers „Räuber“ eingeübt – und sollten ohnehin auf Westtournee gehen, als die Mauer fiel.

In Hannover hat Rainer Frank in vielen großen Produktionen mitgespielt, und er hatte meist große Rollen. Vielleicht erkennt ihn nicht jeder Zuschauer gleich an seinem Gesicht – an seiner Stimme aber erkennt man ihn sofort. Er hat eine eigenartige Stimme: tief, durchdringend, sonor und kraftvoll. Und immer, wenn er spricht, schwingt da noch etwas anderes mit, eine Art Nebenklang. Damit gelingt es ihm, manche Figur sehr diabolisch zu gestalten. Als Teufel stand er in Hannover auch schon einmal auf der Bühne: vor zwei Jahren in „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“. Da hat er auch sein teuflisches Lachen vorgeführt, das sich einmal fast zu einem geisterhaften Gesang steigerte.

So etwas bleibt in Erinnerung. Wie auch seine Leistung in „Bauern, Bonzen Bomben“ nach Fallada. Hier spielt er einen fiesen Journalisten. Frank gibt ihm federnden Schwung und gedrückte Lebensfreude. Eine merkwürdig traurig-fröhliche Figur.

Einem Schauspieler, der das zusammenbringt, dürfte es wohl keine Schwierigkeiten bereiten, beim Kohlhaas Akkuratesse, Zorn und Humor zu verbinden. Und den Empörungston, der einen Wutbürger wie Kohlhaas auszeichnen sollte, den beherrscht Rainer Frank sowieso perfekt.

Deutsche Erstaufführung von „Staatsfeind Kohlhaas“ ist am 15. September im Schauspielhaus. Karten gibt es unter 0511-99991111.

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