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Gottlos, nicht unchristlich

Raoul Schrott im Literaturhaus Gottlos, nicht unchristlich

Raoul Schrott beeindruckt das Publikum des Literaturhauses in Hannover mit seiner „Kunst, an nichts zu glauben“.

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Für eine „Geisteshaltung, die auf die Idee Gottes ausdrücklich verzichtet“: Raoul Schrott im Literaturhaus. Foto: Philipp von Ditfurth

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Unser Denken ist von Sprache und Bildern, unser Körper von Rhythmik bestimmt - und aus Sprache, Bildern und Rhythmik besteht das Gedicht. So antwortet Raoul Schrott auf die Frage, warum er Lyrik weiter für wichtig hält. Noch Fragen? Bei Schrott auf jeden Fall, und zwar ganz viele. Denn dieser Dichter, Erzähler und Übersetzer hält stets mehr Fragen als Antworten bereit. Und das besonders, wenn es um Gott und die Welt, ums große Ganze geht.

Jetzt hat er ein Buch publiziert, dessen Titel „Die Kunst an nichts zu glauben“ (Hanser, 167 Seiten, 17,90 Euro) für fromme Ohren nach Ketzerei klingt und Essayismus vermuten lässt. Und das doch nicht Prosa, sondern Lyrik enthält. „Ich bin gottlos“, gesteht der Autor vor seiner Lesung im Literaturhaus, und fügt lächelnd hinzu: „Aber nicht unchristlich.“

Wie das? Nun, Schrott wurde 1964 im Tiroler Städtchen Landeck geboren, in urkatholischer Provinz, er ist mit der christlichen Tradition ganz selbstverständlich vertraut. Doch er ist zugleich ganz weltläufig. Als Autor greift er räumlich und zeitlich weit aus, als Übersetzer nimmt er sich jahrtausendealte Stoffe wie das Gilgamesch-Epos oder Homers Ilias von Neuem vor, als Forscher geht er mit seiner These, dass Homer in assyrischen Diensten gestanden habe, auf Konfrontationskurs zu den Lehrmeinungen etablierter Altertumswissenschaftler.

In seinem neuem Buch greift Schrott nur bis zum Jahr 1574 zurück, in dem Geoffroy Vallée seine Schrift „Von der Kunst, an nichts zu glauben“ publizierte - wofür der 40-Jährige prompt als Ketzer auf den Scheiterhaufen kam. Schrott greift aber nicht nur den Titel auf. Er stellt den Zitaten aus der Ketzerliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts in seinem Buch jeweils im Wechsel eigene Gedichte gegenüber und illustriert darin die oft thesenartig-schroffen Sentenzen mit seinen bilderreichen Wortgemälden.

Diese Lyrik basiert auf einer von Schrott ausdrücklich favorisierten „Geisteshaltung, die auf die Idee Gottes ausdrücklich verzichtet“. Sie ist dabei sehr sinnlich konkret, doch alles andere als sinnenfroh. Denn wie Vallée oder dem gleichfalls zitierten Religionskritiker Matthias Knutzen (1646-1674) ist auch Raoul Schrott jedes aufklärerische Fortschrittspathos fremd. Schrotts Buch handelt von Selbst- und Erkenntniszweifel, von Sprachversagen und Vergänglichkeit. „Worte bedeuten nichts“, wird da aus dem 17. Jahrhundert zitiert. Eine „Illusion“ sei es, dass das Verstreichen von Zeit „auf eine Zukunft gerichtet“ sei. Bewegten Stillstand illustriert Schrott dazu mit seinem Gedicht vom Busfahrer, der stets unterwegs ist und doch nirgends ankommt. Dem körperlichen Verfall stellt Schrott die Verzweiflung der Ärztin zur Seite, die ihn nicht aufzuhalten vermag. „Jesus lehrte eine Doktrin, die wider die Natur war“, zitiert er eine alte Ketzerschrift und schildert dazu den Pfarrer, der im Beichtstuhl „im fiebrig Leeren“ sitzt und von den Sünden nur los-, „nicht aber freizusprechen vermag“. Alles bleibt hier fragwürdig, nirgends gibt es Antworten.

Ist diesen Atheisten mit dem Gottesglauben gleich jede Hoffnung abhanden gekommen? Einige Gedicht- und Zitatpaare zeugen von einer Art trotzigem Existenzialismus. „Existenz bedeutet nicht bloß da zu sein, sondern hervorzutreten, sich von den Ursachen zu befreien“, ist so ein Satz, den Schrott aus Knutzens unveröffentlichtem „Manual der transitorischen Existenz“ zitiert, welches er in der Bibliotheca Classense von Ravenna entdeckt hat. Schrott gesellt Knutzens Postulat eine eigene Vision der Selbstbestimmung bei: „Ein paar Schritte neben dem Weg reichen manchmal schon für ein anderes Ich.“

Auf den ersten Blick enthält dieses Buch nur locker umbrochene lyrische Prosa, doch wer sich in die Texte hineinliest, wer dem bedächtigen Vortrag Schrotts folgt, entdeckt einen eigenen Rhythmus, eine dichte, von Endreimen durchsetzte Sprache. Dass das Publikum im (fast) vollen Literaturhaus dieser Lesung über gut 90 Minuten gespannt folgt, spricht für die Kraft dieser Lyrik. „Tauchen die Reime immer auf“, fragt Moderatorin Gabriele Jaskulla nach Schrotts Lesung, „wenn es um Liebe geht?“ Schon während dieser Worte können die Gäste des Literaturhauses am kopfschüttelnden Lächeln des Dichters erkennen, was dieser von einer Poesie hält, die Liebe auf Triebe reimt. Und mit Kopfschütteln reagiert er auch auf die Frage, ob er denn jemals gläubig gewesen sei. „Wenn irgendwo Gott wohnt, dann vor 13,8 Milliarden Jahren vor dem Urknall.“

Wie das damals wohl war und wie der Weg von dort zur Gegenwart geführt hat, ist übrigens Gegenstand seines nächsten Buches. Es ist noch nicht ganz fertig und wird wohl ein wenig dicker werden. Nur der Titel dieses Werkes über das Universum und den ganzen Rest steht schon fest: „Mutter Erde Epos“. So weit hat selbst Raoul Schrott bislang noch nicht ausgegriffen.

Am Mittwoch, 16. Januar 2016, um 20 Uhr liest Ilija Trojanow in der Reihe Literatour Nord im Literaturhaus aus seinem Buch „Macht und Widerstand“.

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