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Kultur Rund 5000 Fans feiern Reinhard Mey
Nachrichten Kultur Rund 5000 Fans feiern Reinhard Mey
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00:16 03.10.2017
Von Simon Benne
Reinhard Mey bei einem früheren Konzert in Hannover - bei seiner aktuellen Tournee sind keine Fotografen zu den Konzerten zugelassen. Quelle: Rosin (Archivbild)
Hannover

Seine Haare sind grau, doch mit der federnden Leichtigkeit eines ewigen Jungen springt er auf die Bühne, verneigt sich dreimal - und dann singt er davon, dass er ein Spielmann sein will, ein Lautenschläger und Traumverkäufer. "Was soll ich sagen - da bin ich wieder", sagt er.

Es ist ein großes Familientreffen. Die Swiss Life Hall empfängt Reinhard Mey wie einen lieben Verwandten, der nach viel zu langer Zeit endlich mal wieder vorbeischaut. Tatsächlich haben viele ihr Leben mit ihm geteilt; er hat ihnen Worte zur Spießerverspottung an die Hand gegeben, sie haben mit ihm billigen Rotwein getrunken, er hat den Soundtrack geliefert zur Geburt ihrer Kinder und später zum eigenen Älterwerden. Mey ist der große Seelenberührer einer ganzen Generation.

Jahrzehnte lang ist er im familiären Theater am Aegi aufgetreten; jetzt ist die frühere Stadionsporthalle mit 5000 Besuchern ausverkauft. Wenn er so weiter macht, wird er zu seinem 90. Geburtstag das Stadion füllen. Und das ganz ohne Showeffekte. Action gibt es auf der Bühne nur, wenn er seine Gitarre mal ganz besonders energisch zupft oder nachstimmt. Ansonsten steht er da, allein in seinem dunklen Outfit, und ist ganz er selbst. Niemand, der irgendwem noch etwas beweisen müsste. Ein souveräner Mann.

Viele Songs an diesem Abend stammen von seiner aktuellen CD "Mr. Lee". Meys Lust am Erzählen ist diesmal grundiert mit Melancholie. Im traurigen "So viele Sommer" sinniert der 74-Jährige darüber nach, wie viele Jahre das Leben noch bereithalten mag. Abschied und Tod sind allgegenwärtig auf diesem Album, das mehr als 50 Jahre nach seinem Debüt "Ich wollte wie Orpheus singen" entstanden ist. Es geht um Reue ("Dr. Brand"), um bittere Erinnerungen ("Hörst du, wie die Gläser klingen") und, selbstironisch gebrochen, um "Heimweh nach Berlin".

Auch Meys neue Stücke sind vertonte Lyrik. Er malt mit Worten, deutet den  Alltag, er ist der Poet der kleinen Dinge. Geschichten wie Mey könnten Millionen Deutsche erzählen, wenn sie so erzählen könnten wie Mey.

Dazuwischen gibt es jene Plaudereien, die ein Mey-Konzert erst zu einem richtigen Mey-Konzert machen. Witzig und altersweise redet er über das Mistwetter draußen, über Goethe, über seine eigene Kindheit. Launig fordert er mehr Geld für Pflegekräfte ("In meinem Alter spricht daraus der pure Egoismus"). Politisch wird er, als er von der biblischen Apokalypse nahtlos auf die Weltlage kommt: "Zwei geistesgestörte Clowns jonglieren mit Atomraketen", sagt er - da wirkt sein mehr als 20 Jahre altes "Sei wachsam", beklemmend aktuell.

Wenn er singt, ist seine Stimme in hohen Lagen mittlerweile etwas verhangen, und in den tieferen raunt sie heiser und warm. Etwas ledern klingt sie dann, aber das ist egal. Mey war nie ein großer Stimmakrobat, und außerdem wird hier an diesem Abend ein Kulturdenkmal besichtigt. Heinrich Heine ist tot, Robert Gernhardt auch, und wann hat man schon mal Gelegenheit, einem großen deutschen Dichter bei der Arbeit zuzusehen?

Weil er sich nicht mehr von seinem Frühwerk emanzipieren muss, hat Mey auch keine Scheu vor den eigenen Klassikern. "Zeugnistag", "Drei Jahre und ein Tag". Ganz unpathetisch stimmt er irgendwann „Wind nordost, Startbahn null drei ...“ an. Ein Stück aus dem Kanon des deutschen Nachkriegsliedguts. „Über den Wolken“ ist für ihn das, was für die Stones „Satisfaction“ ist. Mey hat das Wort „Luftaufsichtsbaracke“ aus den Niederungen der Pilotenfachsprache ins Schatzkästlein der Poesie umgebettet, und in der Swiss Life Hall summen 5000 jede Zeile mit.

Als Zugabe kommt, zum Heulen schön, "Viertel vor sieben", ein Lied über die Sehnsucht, nach Hause zu kommen. Und zum Abschied gibt's, na klar, eine letzte Zigarette und ein letztes Glas im Stehen.

Mit Standing Ovations verabschieden ihn die Fans. Mit dem guten Gefühl, dass man schlechtere Musik hören kann als sie selbst. Und in der Hoffnung, dass der liebe Verwandte hoffentlich noch ganz oft vorbei schaut. Muss ja nicht im Stadion sein.

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