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Kultur Reinhard Mey wird 70 Jahre alt
Nachrichten Kultur Reinhard Mey wird 70 Jahre alt
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19:15 20.12.2012
Liedermacher Reinhard Mey wird am Freitag (21.Dezember) 70 Jahre alt Quelle: dpa
Hannover

Ja, liebe Freunde, ja, ich weiß, ich werde in diesem Jahr 70“, schreibt er im Blog auf seiner Internetseite. Aber Aufhebens will er davon nicht machen: „Keine Megaparty, kein Aufriss, kein Fernsehen, kein Radio, keine Interviews.“ Und: „Dankbarkeit ist leise.“

Siebzig? Der Mey wird wirklich schon siebzig? Gut, man muss, wenn man kein Hardcore-Fan ist, ein bisschen suchen nach der letzten Langspielplatte oder CD von ihm. Aber all das, was ihn ursprünglich berühmt gemacht hat, ist sofort wieder im Kopf. Dass der Mörder immer der Gärtner ist, dass nichts einen Klempner hemmt, dass die Freiheit über den Wolken - na, was wohl sein muss? Genau. Die heiße Schlacht am kalten Buffet. Diplomatenjagd. Ankomme Freitag, den 13. Annabelle, ach, Annabelle.

Der Liedermacher-Dauerläufer, heißt es im Netz. 500 Stücke auf 60 Alben. Und er joggt ja auch wirklich.

Reinhard Mey, am 21. Dezember 1942 in Berlin geboren, wo er heute noch lebt, hatte ursprünglich Industriekaufmann (!) gelernt und anschließend sogar etwas Betriebswirtschaft (!!) studiert. Aber dann hat er sich auf das konzentriert, was er konnte: Singen, Schreiben, Gitarrenspiel.

In Frankreich war er anfangs berühmter als in Deutschland, unter dem Namen Frédérik Mey. Dann, 1964, Auftritt beim Chansonfestival auf Burg Waldeck im Hunsrück. Die Nation lernte in dieser Zeit, dass es zwischen dem Schlagergeschmachte von Salvatore Adamo oder Mireille Mathieu auf der einen und der britischen oder amerikanischen Rockmusik auf der anderen Seite noch einen anderen, deutschen Musikweg gab. Mit nicht so dümmlichen Texten und modernen, aber trotzdem eingängigen Arrangements. Mit einem Schuss Folk. Mit Witz. Bei Reinhard Mey obendrein mit einem ganz zarten Tremolo.

Jeder, der damals eine Gitarre halten konnte, konnte auch irgendeinen Mey-Song spielen. Der Typ war einfach sympathisch - dieses Jungenhafte an ihm, das er in gewisser Weise bis heute nicht verloren hat, die blitzenden, wachen Augen. Denen man ansah, dass ihm das, was er tat, Spaß machte.

Spaß?! Das wäre ja noch schöner. Die anderen deutschen Liedermacher, die auf Burg Waldeck in den Festivals von 1964 ff. starteten - Dieter Süverkrüp, Franz Josef Degenhardt, Walter Moßmann, Hannes Wader etc. -, diese Liedermacher und ihre Anhängerschaft hatten anderes im Sinn. Wenn sie Humor hatten, war er garstig, und Klempner oder andere Werktätige hätten sie nie verulkt (allenfalls selbstständige Klempnermeister). Man mochte die DKP, man prangerte das Schweinesystem an, man rief nach Widerstand, man diskutierte bis zum Delirium.

Das wagte Reinhard Mey 1972 mit seiner „Annabelle“ - nein, nicht anzuprangern. Er hat es bloß auf die Schippe genommen, dieses verbohrte linksemanzipatorische Gehabe, das Weltrevolutionsgesülze: „Du bist so herrlich intellektuell, / Du bist so wunderbar negativ, / und so erfrischend destruktiv.“ Die linksintellektuelle Kulturkritik schlug beinhart zurück. Ein „Heintje für geistig Höhergestellte“ sei dieser Mey, hieß es in einer Zeitungskritik, „einer, der seinen kleinbürgerlichen Zuhörern nach dem Mund singt“.

Da hatten sie es ihm aber gegeben. Doch er scherte sich nicht drum. Mey hatte 1968 in Paris erlebt, wie man während der Studentenunruhen bestimmte Viertel nicht betreten durfte, wenn man den Tag nicht mit einer Kopfverletzung oder Schlimmerem beschließen wollte. Er hasste Gewalt. Er war nicht unpolitisch. Auf der LP „Mein achtel Lorbeerblatt“ erzählte er in dem Stück „In Tyrannis“ von jemandem, der staatlichen Häschern in die Hände gefallen war und gefoltert wird. Es endet aber nicht mit gereckter Faust und Parolengeschrei, sondern mit dem, was wohl jeder Normalsterbliche in einer solchen Situation würde durchleben müssen: Resignation. Aufgabe. „Ich werde einfach unterschreiben.“

Mey verfasste einfach weiter seine ohrwurmverdächtigen Lieder, die sich nach 1977, nachdem seine erste Ehe geschieden war und er mit seiner zweiten Frau Kinder bekommen hatte, zunehmend dem widmeten, was jede Familie kennt: das unfassbar Schöne eines neuen Lebens („Menschenjunges“), die kleinen und großen Alltagssorgen, die Angst vor dem Verlust der Lieben.

Und als das dann eintrat, der Verlust, als Meys 1982 geborener Sohn Maximilian 2009 krank wurde und ins Wachkoma fiel, schrieb er einige sehr stille, sehr anrührende Lieder wie etwa „Drachenblut“ und veröffentlichte sie 2010 auf seiner CD „Mairegen“. „Hast dein Licht an beiden Seiten angezündet, / nun ringt es flackernd um seinen Schein, / mein fernes, mein geliebtes Kind, schlaf ein.“

Nein, Reinhard Mey hat die Musik nicht revolutioniert. Seine Melodien sind manchmal vorhersagbar, seine Texte auch. Und? Er erzählt einfach kleine Geschichten, mal etwas lustiger, mal trauriger, und immer mindestens solide instrumentiert. Er ist nicht verbiestert, er hat keine Ideologien. Er ist Pazifist und Vegetarier und Tierschützer, das schon, aber er zwingt niemandem seine Haltung auf. Er fliegt, er segelt. Er gibt regelmäßig Benefizkonzerte. Er hat zugegeben, dass er auf Tourneen immer eine Rohrzange dabei hat, um in den Hotels die Wassersparer aus den Duschen zu montieren, weil er einfach gern duscht und nicht nur betröpfelt werden will.

Er füllt nach wie vor Konzertsäle, räumt goldene Schallplatten und Preise ab, zuletzt den deutschen Musikautorenpreis 2011 in der Kategorie Liedermacher. 1999 sollte er für den „Echo“ in der Kategorie Schlager/Volksmusik nominiert werden. Das hat er abgelehnt. Was denn sonst.

Siebzig? Der Mey? Na gut. Aber eines muss man sagen: Seine Stimme klingt keinesfalls wie siebzig. Vielleicht wie vierzig. Okay, fünfundvierzig.

Bernd Strebe

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