Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 16 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Hoch auf uns!

Museumschef Reinhard Spieler zum Sprengel-Anbau Ein Hoch auf uns!

Aller Kritik am neuen Anbau zum Trotz: Warum wir uns über und auf das neue Sprengel Museum freuen können – Ein Beitrag von Museumschef Reinhard Spieler.

Voriger Artikel
„Brandgefährliches“ Kunstwerk wird vorzeitig abgebaut
Nächster Artikel
Netrebko bei Salzburger Festspielen gefeiert

Ein Plädoyer für die neue Fassade: Museumschef Reinhard Spieler.

Quelle: Körner

Hannover. Während der WM in Brasilien haben wir erlebt, wie schön es sein kann, sich gemeinsam zu freuen und stolz zu sein auf eine große Leistung. Am Maschsee in Hannover fällt das derzeit offenbar schwer. Kaum sind die Gerüsthüllen gefallen und die ersten, gleichwohl noch vom Bauzaun verdeckte Blicke auf den Erweiterungsbau des Sprengel Museums möglich, schlagen die Emotionswellen hoch. Urteile sind schnell gefällt, von „Sarg“ und „Monstrum“ ist die Rede, von „Bunker“, „Krematorium“ oder „U-Boot-Halle“.

Zur Person

Reinhard Spieler ist seit Februar 2014 Direktor des Sprengel Museums Hannover. Der 49-jährige Kunsthistoriker, der schon als Leiter des Franz-Gertsch-Museums in der Schweiz und des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums umfangreiche Neu- und Umbauarbeiten erlebt hat, greift mit einem Plädoyer in die Debatte um die Fassade des Museumsneubaus ein.

Allein: Wir wären gut beraten, nicht ganz so schnell zu urteilen, erst einmal genauer hinzusehen und den Blick auch auf das große Ganze zu richten. Wir haben gut daran getan, das Projekt WM-Titel nicht gleich nach einem Unentschieden in der Vorrunde in Grund und Boden zu reden, und wir täten gut daran, das neue Sprengel Museum nicht schon zu verurteilen, bevor es überhaupt fertiggestellt, geschweige denn in Betrieb genommen ist, sondern uns auf ein neues Aushängeschild der Stadt zu freuen und stolz darauf zu sein.

Halten wir uns noch einmal die Aufgabe vor Augen, die den Architekten gestellt wurde. Hannover besitzt seit der Sprengel-Schenkung eine einzigartige Sammlung moderner Kunst von allererster internationaler Klasse, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten um großartige, umfangreiche Konvolute erweitert wurde: Der Erwerb der Schwitters-Sammlung, die phänomenale Niki-Schenkung, der Aufbau der Fotosammlung sind große Erfolgsgeschichten für Hannover und das Sprengel Museum, für die nun ein markanter, würdiger Rahmen geschaffen werden sollte.

Die neue Fassade ist enthüllt – und die hannoverschen Bürger sind nicht gerade begeistert. Der Sprengel-Anbau hat sorgt für viel Gesprächsstoff in der Stadt und im Netz.

Zur Bildergalerie

Der Anspruch an das Gebäude muss sich an der Qualität seines Inhalts und nicht zuletzt auch an der exponierten städtebaulichen Lage am Maschseeufer messen. Es galt, ein umfangreiches und komplexes Raum- und Funktionsprogramm zu erfüllen und darüber hinaus einen baukünstlerischen Akzent zu setzen.

Wie haben sich die Züricher Architekten Marcel Meili und Markus Peter dieser Aufgabe gestellt? Zunächst einmal mit einer ausgewogenen Mischung aus Respekt und Kontinuität zum bestehenden Bau einerseits und mit einer markanten Eigenständigkeit andererseits. Der Erweiterungsbau hält sich in Dachhöhe und axialer Ausrichtung exakt an den Bestand der ersten Bauabschnitte und greift mit dem Sichtbeton das Material des ersten Bauabschnitts wieder auf. Indem der Baukörper nach vorne zum Maschsee hin versetzt und vom Sockel herabgestiegen ist, nun also auf Straßenhöhe (sogar etwas darunter) und nicht mehr auf dem Wall ansetzt, behauptet er eine Eigenständigkeit, die vor allem in der dunklen Farbgebung am prägnantesten in Erscheinung tritt.

Wer sich daran stört, dass die dunkle Farbe und das Material vermeintlich so gar nicht zum Bestehenden passen, dem sei gesagt: Auch die Architekten des Ursprungs-Sprengelbaus Trint und Quast haben im zweiten Bauabschnitt einen klaren Kontrast zu ihrem eigenen ersten Bauabschnitt formuliert und dem grauen Sichtbeton weiße Alubleche, dem fast skulpturalen Ensemble des Ursprungsbaus eine schlichte Optik mit der Anmutung einer Lagerhalle entgegengesetzt.
Der Erweiterungsbau kommt mit seinen 75 Metern Länge und 14 Metern Höhe erst einmal wuchtig und selbstbewusst daher. Ein erster Entwurf sah noch eine Glasfassade vor, die aber aus guten Gründen verworfen wurde. Warum?

"Der schwereBaukörper entpuppt sich auf den zweiten Blick als feingliedrig und subtil."

Glas steht für Transparenz und wird dort eingesetzt, wo man Durchblicke schaffen will. Für ein Museum macht Glas allerdings wenig Sinn, im Gegenteil. Für die Präsentation von Werken benötigen wir Wände. Fenster, die Tages- und Sonnenlicht hereinlassen, reduzieren nicht nur die Hängefläche, sondern sind auch ein konservatorisches Problem. Das (Natur-)Licht kommt in einem Museum idealerweise von oben und kann dort mittels Jalousien und textiler Verschattungen entsprechend dosiert werden – so auch im neuen Sprengel Museum. Eine Glasfassade, durch die man auf eine Wand blickt, ist nicht nur ästhetisch, sondern auch klimatechnisch unsinnig. Immerhin wird der Neubau energetisch angelehnt an den Passiv-Haus-Standard errichtet – technisch eine enorm ehrgeizige und anspruchsvolle Herausforderung. Ein weiteres Argument sprach gegen Glas: Die drei Loggien, die als Ruhe-Oasen und als Verbindung von innen und außen zwischen die Ausstellungsräume geschaltet sind, sollten wie Balkone in Erscheinung treten. Wie hätte sich ein verglaster „Balkon“ von einer Glasfassade abheben sollen?

Spiegelglas, wie es sich viele gewünscht hätten, ist ein Material, das vor allem für Kaufhäuser oder Unternehmensrepräsentation steht. Für ein Museum wünschen wir uns andere Vorbilder! Zudem: Wollen wir wirklich unsere Kunstschätze wegspiegeln, sie verschwinden lassen hinter der Illusion eines verdoppelten Maschsee-Ufers?

So haben sich die Architekten für Sichtbeton entschieden, der auch schon für den ersten Bauabschnitt verwendet wurde. Allerdings hat die Verarbeitung des Materials seit den siebziger Jahren große Qualitätsprünge gemacht – Meister des Sichtbetons wie Tadao Ando haben neue Maßstäbe gesetzt, die nun auch am Maschsee zum Tragen kommen. So ist die Sprengel-Fassade nun in schwarz durchgefärbten Beton gegossen, der in der Oberfläche perfekt glatt gearbeitet ist und im Licht eine anthrazit-silberne Färbung annimmt – dezent und elegant zugleich, dabei nicht steril, sondern ein Werkstein, wie gewachsenes Material in der Farbe changierend und lebendig.

Kommentar: Der Beton in den Köpfen

Die Stadt diskutiert über den Anbau des Sprengel Museums, dessen Betonfassade kaum jemandem gefällt. Hier sind einige Fehler gemacht worden – und der größte betrifft nicht den Bau selbst, meint HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt.

Die Wucht und Schwere des gewaltigen Baukörpers wird durch ein reiches, mehrschichtiges Relief aus verschieden breiten horizontalen und vertikalen Bändern rhythmisiert und aufgelockert, zudem in der Oberflächenbehandlung differenziert; drei große Loggien nehmen der Fassade zusätzlich die Schwere. Was der Bauzaun derzeit noch verdeckt: Der schwere Baukörper ruht auf einem Fensterband, das weit zurückspringt – mit dem Effekt, dass der große Baukörper förmlich zu schweben scheint. Man mag unwillkürlich an das mysteriöse schwarze Objekt aus Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ denken. Was auf den ersten Blick wuchtig und schwer erscheint, entpuppt sich auf den zweiten Blick als feingliedrig und subtil.

Und nicht nur die Gestaltung der Fassade atmet diesen Anspruch, auch ihre technische Konstruktion ist keine Lösung von der Stange, sondern Herausforderung und Innovation. Man hätte alle Teile vorproduzieren und dann einfach zusammensetzen können. Die Architekten haben sich für eine Lösung im wahrsten Sinne aus einem Guss entschieden. Die gesamte Fassade ist ein einziges, vor Ort gegossenes Bauteil – ein Aspekt, der baukünstlerisch dem Niveau der einzigartigen Inhalte auf Augenhöhe begegnet.

Wieso ist das kein Thema in den Medien? Wieso sind wir nicht stolz auf eine solch innovative und mutige Lösung, die zum Symbol für ein wirklich individuelles, mit handwerklicher und ingenieurtechnischer Meisterschaft entwickeltes Bauwerk taugt? Am gesamten Maschsee-Ufer ragt dieser Bau jedenfalls in seinem künstlerischen Anspruch weit über alles Bestehende hinaus.

"Wo ist der Mut, wo ist die Neugier, wo ist der Stolz auf Innovation, die uns weiterbringt?"

Die lokalen Medien zeichnen sich bislang dadurch aus, dass sie hauptsächlich – genüsslich skandalisierend – nicht über Kosten, sondern über Kostensteigerungen berichten. Die Leistungen, die Architekten, Handwerker und Bauherren erbringen, sind kaum eine Meldung wert, doch jede Kostensteigerung löst einen Sturm der Entrüstung aus, anstatt erst einmal zu konstatieren, was mit der absoluten Summe von 35 Millionen Euro eigentlich erreicht wird. Ein Blick nach München etwa würde manchem auf die Sprünge helfen: Dort ist gerade ein Erweiterungsbau für das Lenbachhaus entstanden, der sich mit einem Zuwachs an Ausstellungsfläche von gerade einmal 400 Quadratmetern gegenüber den 1400 Quadratmetern des Sprengel-Neubaus recht bescheiden ausnimmt. Kein geringerer als der britische Stararchitekt Sir Norman Foster hat diesen Bau geplant, und die Münchener haben ohne Mucken dafür mehr als 60 Millionen Euro bezahlt. Die Räume, die sie dafür bekommen haben, sind gerade groß genug für Klee-Aquarelle und können die Hannoveraner nur schmunzeln lassen. Dass man nicht einmal einen Wettbewerb dafür ausgelobt, sondern den Auftrag direkt erteilt hat, dass man die Öffentlichkeit dort im Vorfeld praktisch ausgeschaltet hat, das alles tat dem Münchener Pressejubel keinen Abbruch – keine Gegenstimme trübte das Hurra.

Das sollte uns hier schon zu denken geben. Auch wenn Hannover das große Gewese nicht besonders liegt: Es ist ärgerlich und destruktiv, nur zu kritisieren, anstatt erst einmal zu sehen und zu würdigen, was hier eigentlich am Entstehen ist. Wo ist der Mut, wo ist die Neugier auf Nichtgekanntes, auf Ungesehenes, wo ist der Stolz auf Innovation und Eigenheit, die uns am Ende wirklich weiterbringt und von anderen unterscheidet?

Genau darum geht es in der Kunst: Sich auf Neues einzulassen, Wege zu beschreiten, an die man zuvor noch gar nicht zu denken wagte. Wie wurden Nikis Nanas hier bekämpft! Hat die Lebensfreude ihrer Kreaturen immer noch keine Spuren hinterlassen in dieser Stadt? Wann lernen wir endlich, uns darüber zu freuen an dem, was wir haben?

Die Hannoveraner werden, da bin ich mir sicher, ihr „Maschsee-Brikett“ noch lieben lernen und mit der Zeit erkennen, welche Qualität es hat. Der treffliche Spitzname ist uns jedenfalls willkommenes Programm: Wir heizen Hannover ein und bringen es – nicht zuletzt mit diesem Bau! – auf künstlerische Betriebstemperatur.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Unterm Strich

Die Stadt diskutiert über den Anbau des Sprengel Museums, dessen Betonfassade kaum
jemandem gefällt. Hier sind einige Fehler
gemacht worden – und der größte betrifft nicht den Bau selbst, meint HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt.

mehr
Mehr aus Kultur

„Ballet Revolución“ in der Staatsoper

Kuba ganz nah – und ein Hauch von Friedrichsstadtpalast: „Ballet Revolución“ im Opernhaus.