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Kultur Reisetagebuch von August Kestner wieder aufgetaucht
Nachrichten Kultur Reisetagebuch von August Kestner wieder aufgetaucht
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08:12 23.11.2011
Von Simon Benne
Einblicke ins Leben eines großen Hannoveraners: Anne Viola Siebert vom Museum August Kestner, Christina Kastern-Benatzky und Cornelia Regin vom Stadtarchiv (von links). Quelle: Martin Steiner
Hannover

Der Reisende war entzückt: „Es ist viel Sinn für schöne Form in diesem Bilde“, schwärmte August Kestner, nachdem er die Madonna des mittelalterlichen Malers Cimabue in der Kirche Santa Maria Novella zu Florenz bestaunt hatte. Bei seiner Reise durch die Toskana besichtigte der hannoversche Kunstfreund im Oktober 1817 diverse Kirchen und Museen. In einem Tagebuch hielt er mit Bleistift seine Eindrücke fest, daneben skizzierte er Inschriften und Architekturdetails, Madonnenfiguren, Kamele und einen antik anmutenden Sarkophag, den er auf dem Campo Santo in Pisa gesehen hatte.

Jetzt, nach fast 200 Jahren, ist sein Reisetagebuch im Kunsthandel wieder aufgetaucht. Ein ungenannter Sammler hatte es für die Winterauktion im Auktionshaus Kastern eingeliefert. Dieses sorgte dafür, dass die Stadt das 16,5 Zentimeter große Kleinod erwerben konnte – „deutlich unter dem Schätzpreis von 6000 Euro“, wie es hieß. „Wir wollten, dass dieses Tagebuch nicht in einer Privatsammlung verschwindet, sondern für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt“, sagt Mitinhaberin Christina Kastern-Benatzky. Gesponsert wurde der Kauf vom Freundeskreis Stadtarchiv sowie dem Förderkreis Antike und Gegenwart des Museums August Kestner.

Tatsächlich gewährt das Büchlein Einblicke in das Leben einer besonders illustren Persönlichkeit der Stadtgeschichte. August Kestner, Geheimer Kanzleisekretär im hannoverschen Staatsdienst, hatte ein ausgesprochenes Faible für Italien. Als Hannover sich 1817 anschickte, als erster protestantischer Staat des Deutschen Bundes Konkordatsverhandlungen mit dem Papst aufzunehmen, setzte er alles daran, in die Delegation zu kommen, die nach Rom reiste. Dort blieb er bis zu seinem Tod 1853 und trug als Gesandter beim Heiligen Stuhl jene Kunstschätze zusammen, die den Grundstock des heutigen Museums August Kestner bildeten.

„Künstler und Archäologen aus ganz Europa pilgerten damals nach Rom“, sagt Cornelia Regin, Leiterin des Stadtarchivs. „Die Metropole war eine kosmopolitische Stadt – und Kestner war mittendrin.“ Das Stadtarchiv verwahrt bereits 72 Reisetagebücher aus seiner Feder. Der jetzt erworbene Band schließt eine Lücke, von der die Experten bislang nicht einmal wussten, dass es sie gab: „Kestners Toscana-Reise von 1817 war gänzlich unbekannt“, sagt Regin.

Begleitet wurde der kunstsinnige Kestner auf der Tour von seinem Intimus Otto Magnus von Stackelberg, einem Schöngeist aus baltischem Adel. „Palazzo Pitti, Uffizien, Michelangelos David – das Tagebuch sprudelt geradezu über vor Beobachtungen und Ideen“, sagt Kestner-Expertin Anne Viola Siebert vom Museum August Kestner. Im Detail ausgewertet ist die Kladde noch nicht. Siebert schwebt vor, langfristig alle Kestner-Tagebücher wissenschaftlich zu erforschen.

Im Telegrammstil hielt der Reisende fest, was ihn bewegte. Offenbar suchte er gezielt nach mittelalterlicher Kunst, die damals den „Nazarenern“ als Vorbild diente. „Kestner verteidigte diese Künstlerbewegung vehement gegenüber Goethe, der die Antike bevorzugte“, sagt Regin. August Kestners Mutter, Charlotte Buff, war einst Goethes Jugendliebe gewesen und hatte als Vorbild für die Lotte in dessen „Werther“ gedient. So gesehen kann man das Tagebuch fast als Dokument eines Familienzwistes lesen. Und als ein Stück hannoversche Geschichte, das in der Toskana spielt.

Das Auktionshaus Kastern versteigert am 3. Dezember rund 1500 Gemälde und Teppiche, Möbel und Schmuckstücke sowie Porzellan und Silber. Die Vorbesichtigung ist in der Hildesheimer Straße 7 möglich. Infos unter (0 511) 85 10 85.

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