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Cumberlandsche Galerie: "Zeit der Kannibalen" Rette sich, wer kann

Zeit der Kannibalen ist ein bitterböses Kammerspiel, das lustvoll den Untergang des Kapitalismus beschwört. Regisseur Paul Schwesig verwandelt dafür die Cumberlandsche Galerie in eine Berglandschaft.

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Unterwegs im Unternehmen: "Zeit der Kannibalen" in der Cumberlandschen Galerie.

Quelle: Isabel Machado Rios

Hannover. Sie sind auf dem Gipfel des Erfolges angekommen. Zweimal im Jahr treffen sich die erfolgreichsten Geschäftsmänner Deutschlands unter Leitung des Extremsportlers Reinhold Messner am Fuße der höchsten Berge und kraxeln gemeinsam an die Spitze. Die wohl elitärste Klassenfahrt der Welt fand sich erstmals vor mehr als 20 Jahren zusammen. Damals eroberte man gemeinsam den 3000er Similaun inmitten der Ötztaler Alpen. „Similauner“ nennt sich das Netzwerk seither. Es besteht aus circa 20 exklusiven Mitgliedern, darunter (Ex-)Führungskräfte von McKinsey, Adidas, „Focus“ und ProSieben.

Auf dieser Wanderung geben sie alle die Führung ab. Vielleicht liegt hier der Reiz des Abenteuers: sich in die Hände der Natur zu begeben, Anweisungen des Leiters Messner zu folgen, ausschließlich auszuführen und nicht anzuweisen. Wer genau Mitglied wird in diesem Club und warum, das bleibt so undurchsichtig wie die Führungspolitik einiger Wirtschaftsbosse. Nur ein Kriterium scheint fix und ist nach außen gedrungen: Männlich muss man sein, um hier mitmachen zu dürfen. Parallelen zwischen Bergsteigen und der Arbeit in der Wirtschaft liegen auf der Hand: Es gilt, als Einzelkämpfer kurz- und langfristige Ziele vor Augen zu haben, zu bearbeiten und von oben herabzuschauen auf das, was man selbst erreicht hat. Von der Spitze des Berges liegt einem die Welt zu Füßen.

Zugegeben, nicht mal annähernd reicht die Höhe der Cumberlandschen Galerie an die 3000 Meter des Similauns heran. Nichtsdestotrotz wird auch hier für die Produktion „Zeit der Kannibalen“ auf das Bild des Berges gesetzt. Im ersten Stock des Gebäudes klettern Anzug tragende Schauspieler herum, jeder Treppenabsatz bedeutet einen Schritt näher an die Spitze, wo verheißungsvoll das von Bühnenbildner Andreas Alexander Straßer errichtete Gipfelkreuz thront. Die Schauspieler Silvester von Hösslin, Dennis Pörtner und Isabel Tetzner haben zur Vorbereitung für diese Produktion gemeinsam mit dem Regieteam eine Kletterhalle besucht. Das ist nicht nur gut fürs Team-Bonding, sondern macht auch Spaß, außerdem erfährt das Ensemble hier am eigenen Leibe die Anstrengungen eines Aufstiegs.

Vielleicht helfen ihnen die dabei gewonnenen Erfahrungen beim Formen ihrer Stück-Figuren: Frank Öllers und Kai Niederländer stehen kurz vor ihrem beruflichen Durchbruch. Als Unternehmensberater haben sie fast alles erreicht, was sie erreichen konnten, nun fehlt nur noch eins, um ganz an die Spitze zu kommen. Beide Teammitglieder wollen Partner ihrer Consultingfirma werden, die nur „die company“ heißt. Mit Arroganz und Penetranz fliegen sie von Schwellenland zu Drittweltland und von Hotel zu Hotel. Umgeben von Armut, Gewalt, Umweltzerstörung und Terroranschlägen residieren sie mit Haifischlächeln und einem schier unerschöpflichen Fundus an Zynismus; es ist keine schöne Arbeit, aber irgendjemand muss sie ja machen. Ohne Rücksicht auf Verluste jonglieren sie mit Millionenbeträgen, wer auf dem Weg zur Spitze liegen bleibt, hat Pech gehabt. Statt der erhofften Beförderung steht jedoch eines Tages ihre neue Kollegin vor ihnen. Bianca März ist jung, souverän und mindestens genauso ehrgeizig wie ihre beiden Kollegen. Aber was passiert, wenn eine dritte Person zu einer eingespielten Seilschaft stößt? Muss zwangsläufig nicht jemand herunterfallen? Und wenn einer fällt, fallen dann nicht alle? Mit messerscharfen Dialogen und einer kräftigen Portion Zynismus erzählt Drehbuchautor Stefan Weigl „Zeit der Kannibalen“. Das Buch wurde 2014 von Johannes Naber verfilmt und gewann den Deutschen Filmpreis sowie den Preis der deutschen Filmkritik. Es ist ein bitterböses Kammerspiel, das lustvoll den Untergang des Kapitalismus beschwört – und mit ihm den der uns bekannten Welt. Die Zeit der Kannibalen hat begonnen. Rette sich, wer kann. Sarah Lorenz

Zeit der Kannibalen

von Johannes Naber nach dem Drehbuch von Stefan Weigl

Preview: 19. April, 20 Uhr

Premiere: 22. April, 20 Uhr,

Cumberlandsche Galerie

anschl. Premierenfeier

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