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Kultur „King of Beasts“: Safari an den Rand des Wahnsinns
Nachrichten Kultur „King of Beasts“: Safari an den Rand des Wahnsinns
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08:23 13.09.2018
Warum trägt ein stolzer Trophäenjäger Klopapier um den Kopf? Die Antwort gibt die Dokumentation "King of Beasts". Quelle: King of Beasts/Filmfest Oldenburg
Oldenburg/Los Angeles

Einmalige Gelegenheiten sind sehr selten. Heizdecken, günstige Matratzen und dubiose Finanzgeschäfte per Werbe-Mails werden häufig als solche bezeichnet, doch dahinter verbirgt sich meist das Gegenteil. Beim diesjährigen Oldenburger Filmfest, das seit Mittwoch läuft, bietet sich den Zuschauern aber wahrhaftig eine einmalige Gelegenheit.

Die Dokumentation „King of Beasts“ feiert auf dem Independent-Festival am 16. September ihre Weltpremiere und wird danach erst einmal hierzulande nicht in den Kinos zu sehen sein. Der Film hat noch keinen deutschen Verleih. Das ist eigentlich eine Schande, denn die US-Produktion ist ein Meisterwerk – und könnte in diesem Jahr ohne Zweifel eine Oscar-Nominierung einheimsen. Insbesondere dann, wenn sich Netflix die Rechte an der Ausnahme-Doku sichert. Im Gespräch mit den Machern ist der Streamingdienst schon.

„King of Beasts“ widmet sich einem höchst kontroversen Thema: der organisierten Jagd nach Wildtiertrophäen im afrikanischen Busch. Allein in der Zeit von 2005 bis 2014 wurden rund 32.500 ausgestopfte Löwen, Elefanten, Nashörner, Büffel und Leoparden als Jagdtrophäen in die USA eingeführt. 2015 sorgte der Fall des von einem US-amerikanischen Zahnarzt getöteten Löwen „Cecil“ weltweit für Empörung. Der Hobbyjäger hatte das seltene Tier gezielt aus einem geschützten Reservat gelockt, um es legal schießen zu dürfen.

„Der Mensch ist das ultimative Raubtier“

In „King of Beasts“ begleiten die Filmemacher Tomer Almagor und Nadav Harel den professionellen Trophäenjäger Aaron Neilson auf einer 25-tägigen Löwenjagd in Tansania. „Es gibt viele Leute, die mich für ein Arschloch halten“, sagt Neilson. Dabei sieht sich der muskelbepackte US-Amerikaner eigentlich als Tierschützer und fühlt sich missverstanden. Die Jagd nach Löwen sei doch völlig in Ordnung. „Der Mensch ist das ultimative Raubtier“, rechtfertigt er seine Leidenschaft. „Der Mensch beherrscht die Welt.“ Man müsse einfach einmal auf einer Safari dabei sein, um die Wahrheit über ihn und seinen Beruf zu erfahren.

Sieht sich als Krone der Schöpfung: Trophäenjäger Aaron Neilson. Quelle: King of Beasts/Filmfest Oldenburg

Doch wie sieht diese Wahrheit aus? Das kann jeder für sich selbst entscheiden, denn die Bewertung des Gezeigten überlassen Almagor und Harel völlig den Zuschauern. In „King of Beasts“ gibt es keinen erklärenden oder bewertenden Kommentar. Dafür aber umso mehr eindringliche Bilder und bizarre Situationen. Es ist ein schonungsloser, stellenweise surrealer Blick hinter die Kulissen einer Safari.

Wenn zum Beispiel Neilson sich in Surfer-Pose auf einem von ihm getöteten Nilpferd ablichten lässt und danach seine Helfer das Tier mit Äxten zerteilen, dann ist das nur ein Beispiel für das abstruse Treiben der Großwildjäger. „Ich habe Afrika immer geliebt“, gesteht Regisseur Tomer Almagor. „Aber dieser Trip fühlte sich an, als ob wir mitten in das dunkle Herz des Kontinents reisen würden.“ Die Dreharbeiten seien wie ein langsamer Abstieg in den blanken Wahnsinn gewesen.

Keine Spur von „König der Löwen“

„King of Beasts“ ist ein 86 Minuten langer schmerzhafter Realitätsscheck. Denn Neilsons Safari macht deutlich, dass der Kolonialismus längst nicht der Vergangenheit angehört, sondern sich nur neue Formen gesucht hat. Die weißen Männer leben im Busch wie Könige, lassen sich von vorne bis hinten bedienen und erklären zum Dank, warum es den Afrikanern so schlecht geht – und warum das Geld der Trophäenjäger wichtige Entwicklungshilfe ist.

Die Regisseure Almagor und Harel dokumentieren ein Afrika ohne jegliche Romantik. Keine Spur von Disneys „König der Löwen“ oder Howard Hawkes „Hatari!“. Stattdessen zeigt „King of Beasts“ den gnadenlosen Ausverkauf der Natur. Jedes Tier hat hier seinen Preis – und Neilson hat das nötige Geld. Abgerechnet wird am Schluss.

25. Internationales Filmfest Oldenburg

Gegründet: 1994

Termin: 13. bis 16. September 2018

Budget: 400.000 Euro.

Programm: 55 Filme aus 24 Ländern. Darunter 12 Weltpremieren. Der Schwerpunkt des Programms liegt auf der Independent-Filmszene. Das Festival gilt international als „deutsches Sundance“ und zählt laut Fachpresse zu den „25 coolsten Filmfestivals weltweit“.

Weitere Infos im Netz unter filmfest-oldenburg.de

Von Denis Krick/RND

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