Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Das ist „Tod für eins achtzig Geld“ im Staatsschauspiel

Rezension Das ist „Tod für eins achtzig Geld“ im Staatsschauspiel

Sollten Sie am Montag über den hannoverschen Theaterhof schlendern und eine Art Rauschen aus der oberen Etage der Cumberlandschen Galerie hören - nicht wundern: Das ist bloß das Publikum der Premiere vom Sonnabend. Es klatscht immer noch.

Voriger Artikel
Die Documenta 14 war besser als ihr Ruf
Nächster Artikel
Das ist der wahre Architekt Speer

Mit Opa als Schützling – die Akteure von „Tod für eins achtzig Geld“.

Quelle: Isabel Machado Rios

Hannover. Das Stück trägt den sperrigen Titel „Tod für eins achtzig Geld“ und den noch sperrigeren Untertitel „Verwertungsprinzipien/Überlebensstrategien“. Klingt nach soziologischem Proseminar mit Gähn-Faktor. Aber Titel und Untertitel sind nur genauso wie das Stück: überdreht. Schrill. Hochgetunt. Laut. Witzig. Und zwar so witzig, dass der Witz in die Verzweiflung kippt und wieder zurückschaukelt und erneut abstürzt und wieder hochkommt und so weiter.

Die Geschichte, ersonnen von der 1991 geborenen Theaterstückschreibstudentin Franziska vom Heede, die dafür gleich den Kleist-Förderpreis bekommen hat, spielt in einem Supermarkt. Carlo (Bardo Böhlefeld), ein Latexgesicht mit Luzifer-Kontaktlinsen, hat dort eine Party organisiert, die schiefgegangen ist, und braucht jetzt Geld. Bei ihm sind Cousin Vince (Maximilian Grünewald), langhaarig und bauchfrei, und Cousine Lolo (Klara Deutschmann), die mit ihrem grün geschminkten linken Auge und dem Hyper-Afro-Look eine Inkarnation des „Hair“-Musicals ist. Beide brauchen natürlich auch Geld.

Perfekt in Ton und Tempo

Da kommt die nächste Cousine Amanda (Sophie Krauß), eine blonde Männerfantasieprojektionsfläche mit extralangen rosa Wimpern, gerade recht. Ihr Opa (mit Maske: Regieassistent Philippe Bender) liegt im Sterben, Pflegebetten sind teuer, seine Kinder streiten, wer ihn zu sich nehmen soll oder auch darf. Um ihm das zu ersparen, hat ihn Amanda kurzerhand mitgenommen. Jetzt liegt er im Einkaufswagen. Und Carlo kommt auf die Idee, Opa zu versteigern: Wer ihn haben will, um das letzte bisschen Liebe abzubekommen, das Opa noch vergeben kann, der muss bieten. Zugleich ist da der Supermarktchef (Wolf List). Er stellt Arne (Christoph Müller) für die Warenauslieferung ein, und zwar als Pseudo-Flüchtling: Die Leute kaufen lieber, wenn sie beim Bezahlen das Gefühl haben, dass sie dadurch zu den Guten gehören. Ein schneller, exaltierter Text. Und Regisseur Nick Hartnagel hat dafür eine perfekte Umsetzung gefunden, in Ton und Tempo und Optik des Stücks: Im Raum sind Spielstätte und Zuschauerbereich nicht getrennt (keine Bühne und alle Kostüme: Tine Becker). Ein paar Podeste, ein echtes verunfalltes Auto, ein Spielzeugschaukeleinhorn, ein Bett, Live-Musik von Lukas Lonski, keine Stühle: Das Publikum bewegt sich im Stück. Es gehört dazu. Wir stecken mitten in der Katastrophe. Wir sind die Katastrophe.

Was tun wir nicht alles, um zu überleben? Lolo bietet im Internet Geschichten feil, die dem Tod den Schrecken nehmen sollen. Amanda streamt Aufnahmen von sich beim Schlafen, Videos für arme alte Säcke. Carlo erpresst Leute.

Franziska vom Heede erzählt, mit heutigen Mitteln, von etwas, das so alt wie der Kapitalismus ist: welch irren Aufwand wir treiben, damit wir es schön warm haben. Und wie kalt wir dadurch werden.

Nächste Vorstellung: 22. November, 20 Uhr. Kartenvorverkauf ab 29. September.

Von Bert Strebe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
doc6xed1f9di3a10fnvy1xj
„Wer das sieht, will doch helfen“

Fotostrecke Kultur Allgemein: „Wer das sieht, will doch helfen“