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Hände hoch!

Oomph! im Capitol Hände hoch!

Mit frühen Auftritten in den USA waren die Rocker von Oomph! Wegbereiter der Neuen Deutschen Härte und Vorbild für Rammstein. Mit ihrem Album "XXV" zum 25-jährigen Jubiläum der Band kamen sie auch nach Hannover. Das Konzert im Capitol wirkte dabei wie eine Kreuzfahrt mit Dauer-Animation.

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Animateur: Oomph-Sänger Dero.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Im Grunde ist das hier einfach Schlager-Rock. Trotz mächtigem Boxendruck, Düsternis und kantigen Rudolf-Schenker-Gedächtnis-Gitarren, trotz Kajal und weit aufgerissener Augen. „Jede Reise hat ein Ende, deine Augen sprechen Bände“ – das sind Textzeilen aus dem Jubiläumsalbum „XXV“ von Oomph!, die damit jetzt im Capitol aufgetreten sind. Es sind Zeilen, die sich nach mehr als 25 Bandjahren vielleicht nicht vermeiden lassen. Aber das Gehabe, das hat etwas von einer Carmen-Nebel-Sendung: Sänger Dero hält schon zum ersten Song des Abends das Mikrofon ins Publikum und animiert zum Klatschen. Er macht das bei fast jedem Song, als habe er Angst, ohne die Animation blieben die Fans stumm. Das Publikum findet das nicht merkwürdig, sondern macht mit. Die Leute brüllen und klatschen – und Dero schüttelt ungläubig den Kopf. Kinder, ihr macht mich fertig. So geht das den ganzen Abend.

Dero, Flux und Crap gründeten Oomph! Ende der Achtziger Jahre in Wolfsburg. Später zogen sie nach Braunschweig weiter. Mit dem Hit „Augen auf“ aus dem Jahr 2004 schafften sie es endgültig auch in die großen Radiosender. „Habt ihr Bock auf was Älteres?“, ruft Sänger Dero in den Saal des Capitols. „Und ich meine nicht uns“, kalauert er noch hinterher. Es folgt „Das weiße Licht“, ein Lied aus den Neunzigern. Dero animiert: „Hey, hey, hey! Lauter!“ Klatschen, Mikrofon, Kopfschütteln.

Mit Songs von ihrem Jubliäums-Album "XXV" hat die Rock-Band Oomph! ihr 25-jähriges Bestehen im hannoverschen Capitol gefeiert.

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In den Texten der Band sollte es immer um das echte Leben gehen. Dero schrieb einen ganzen Haufen Lieder gegen blinde Gottesgläubigkeit, aber auch über Kindesmissbrauch, die „Superstar“-Gesellschaft, Doppelmoral. Immer mal wieder gab es dabei auch kleine Skandale, ein erigierter Penis auf einem Werbeplakat, so was – Rammstein-Provokationen.

Mit frühen Auftritten in den USA sind die Niedersachsen nicht nur Wegbereiter einer Neuen Deutschen Härte, sondern auch Vorbild für Rammstein. Die Nähe von Oomph! und Rammstein hört man in Stücken wie „Mein Schatz“. Dero lässt die Stimme wie Rammsteins Till Lindemann ins Martialische kippen, der Mund ist offen, die breite Brust dem Publikum entgegengestreckt, dazu harte Gitarrenriffs. Wo aber bei Rammstein Feuer ist, kommt bei Oomph! nur Kunstnebel aus der Anlage am Bühnenrand.

Ein paar Lieder weiter. Sänger Dero will nun, dass die Zuschauer vor der Bühne eine Wall of Death bilden. Ein Graben in der Mitte, eine Teilung des Publikums, das dann beim musikalischen Alter-Falter-Jetzt-Geht’s-Los-Signal der Band aufeinander zurennen soll. Die Lücke öffnet sich, Musik, die Lücke schließt sich, Verletzte gibt es keine. Es ist eher gute Werbung für ein funktionierendes Reißverschlussverfahren.

Er sei ja kurzsichtig, sagt Sänger Dero, mit dem Hören geht es aber auch so. „Ihr habt schöne Singstimmen!“ Das gefällt den Singstimmen. „Und ihr seht auch noch gut aus!“, ruft der Kurzsichtige mit den Kajalaugen. Jubel, trotz der Logikschwäche.

Danach noch Stagediving, na sicher. Dero dirigiert die Hände der Menschen aus den ersten Reihen nach Oben und hüpft dann mit der Vorderseite voran auf diese Tragfläche. Es dauert acht Sekunden. Dero kommt etwa eine Körperlänge weit und dreht dann ab, zum Sicherheitsmann, der ihm wieder auf die Bühne hilft. Der Sänger der Band Wanda hatte es kürzlich an selber Stelle einmal durch den Saal und mit einer kleinen Schnapsflasche im Mund zurück auf die Bühne geschafft. Dero nickt ausgiebig, lacht. In seinem zackigen Backenbart glänzt der Schweiß. „War es für euch auch so gut wie für mich?“ Jubel, nicht nur bei den Menschen, die eine Hand an den Sänger legen durften.

Es ist ein Konzert wie eine Kreuzfahrt mit Dauer-Animation. Bitte grölen Sie jetzt, bitte recken Sie nun die Pommesgabel in die Luft. Dero macht den Abend zum All-Inclusive-Ereignis, von dem man im Büro mal so richtig was erzählen kann. Schweißnass, und doch steril. Ein Konzert wie Malen nach Zahlen.

Von Gerd Schild

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