Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Rocky Horror Show“ in Hannover fordert Publikum und Reinigungskräfte
Nachrichten Kultur „Rocky Horror Show“ in Hannover fordert Publikum und Reinigungskräfte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:02 13.07.2011
Zeit für ein bisschen Hausmusik: Frank ‘N’ Furter, umringt von seinem bizarren Hofstaat. Quelle: Martin Steiner
Anzeige
Hannover

Das mit den Strapsen muss man mögen. Und tragen können. Aber heute geht das. Heute ist das super. „Rocky Horror Show“ steht in t(r)ief­roten Buchstaben auf dem Plakat an der Opernhausfassade. Das heißt: Im Tempel der Kleiderordnung ist für die Dauer der Sommerbespielung guter Geschmack Geschmackssache. Es gelten zwar Regeln, aber andere. Wurfgeschosse und Schusswaffen sind erlaubt, ein gewisser Voyeurismus auch. „Heute darf man hingucken, oder?“, sagt einer. Klar. Heute geht das. Warum? Weil es Kult ist.

Mit dem Kult ist es so eine Sache. Meistens wird es mit dem Wort „aber“ gebraucht und dient als Entschuldigung für schlechte oder längst überholte ehemalige Unterhaltung. Ob es nun „Dinner for One“ oder die „Feuerzangenbowle“ am Jahresende sind oder vereinstreue Indentifikationsfiguren vom Fußballplatz. Bei „Rocky Horror“, wie Musical oder Film kurz genannt werden, liegt die Sache ein bisschen anders. Das Stück lockt damals wie heute Jungvolk an, das die typischen Utensilien sogar mit ins Kino schleppt. Und was die Musicalfassung gerade im Opernhaus auslöst, ist ein Spektakel. Auch für die Reinigungskräfte.

Ob das Opernhaus mit dem interaktiven Musical also auf Nummer sicher setzt, kommt auf die Betrachtungsweise an. Die Besucher lassen jedenfalls von Beginn an keinen Zweifel daran, dass sie von ihren Waffen auch Gebrauch machen werden. Als das junge Paar Brad und Janet nachts durch einen Gewitterregen läuft, der auf der Bühne nur als Projektion auf der Leinwand wütet, blasen die Zuschauer zur ersten Attacke auf das rote Mobiliar und helfen mit zig Wasserpistolen nach. Da bei einer Hochzeit zuvor schon Konfetti durch den Saal flog (was das politisch unkorrekte Werfen mit dem Lebensmittel Reis abgelöst hat), freut sich die Putzkolonne erneut. Zu diesem Zeitpunkt sind noch nicht einmal fünfzehn Minuten gespielt, und man beginnt zu verstehen, warum Kinobetreiber die „Rocky Horror Picture Show“ so selten zeigen.

Doch der 1974 entstandene Film ist nach wie vor das Maß für Musicals wie dieses. Sind Brad und Janet solche Backfische wie Barry Bostwick und Susan Sarandon? Ist Frank ’N’ Furter eine solche Mischung aus Brachialtunte und Mick Jagger wie Tim Curry? Ist Riff Raff ein so knarziger Gnom wie Richard O’Brien, der Erfinder der Geschichte, der der Tourneeproduktion immer noch den Namen gibt?

Bis auf den Sprecher Klaus Nierhoff, der für die Unkundigen (es dürften nicht viele sein), den Handlungsfortgang ab und an auf Deutsch erklärt, ist alles in Englisch. Es gibt keine Übertitel, aber wozu auch? Die Handlung ist so gaga wie selbsterklärend, außerdem werden hier nicht nur die Songs, sondern auch die gesprochenen Sätze von weiten Teilen des Publikums souffliert. Die Darsteller erfüllen die Erwartungen, die eigentlich ganz überschaubar sind: Alle Schlüsselsätze sagen – und vor allem: Alle Songs singen.

In der ersten Etage der simplen, aber effektiven Bühne sitzt die Band, sie pumpt die Songs in der bekannten Reihenfolge druckvoll in den Saal, die größten Hits schon in der ersten halben Stunde. Beim „Time Warp“ klappen die ersten Sitze hoch. Mit „Sweet Transvestite“ stellt sich – der blonde – Frank ’N’ Furter (Rob Morton Fowler) vor, der Tim Curry stimmlich dreimal in die Tasche steckt. Ein Rockkonzert! Das Stück war 1973 schließlich nicht nur eine Hommage an die Horrorfilme der fünfziger und sechziger Jahre und ein Statement für sexuelle Freiheit, sondern auch eine Verbeugung vor dem Rock ’n’ Roll der alten Schule. Das alles hat heute mehr oder minder nostalgischen Wert. Aber als buntes, schrilles Loblied auf die Faszination des Andersseins steht „Rocky Horror“ auch heute noch ganz frisch und mittendrin in der Gesellschaft.

Da ist es dann auch völlig egal, dass es in der zweiten Halbzeit, wenn man es mal ungeschminkt und strapslos betrachtet, doch Längen gibt. Die Party ist eh nicht mehr zu bremsen, auch wenn auf der Bühne kräftig gestorben wird. Am Ende der furiosen Nacht im Menschenlabor, in der manche ihr Leben und fast alle ihre Unschuld verlieren, kehren die überlebenden Aliens auf ­ihren Planeten zurück und Brad und Janet in ihr ganz normales Leben – wie auch das laut jubelnde Publikum im Opernhaus, das sich ebenfalls verausgabt hat und sich ruhig ein bisschen mitfeiern darf.

Nur das Reinigungspersonal sieht betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Bis 24. Juli. Karten an den Vorverkaufsstellen und im Opernhaus.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Jahrhunderte haben sie im Magazin des Herzog Anton Ulrich-Museums in Braunschweig geschlummert. Nun wurden 460 altägyptische Kunstwerke neu bewertet. 2012 sollen sie ausgestellt werden. Highlight ist die weltweit einzige Statue von Pharao Philippos.

13.07.2011

Der Filmemacher und Autor Oliver Storz ist tot. Bis ins hohe Alter war er aktiv, schrieb Bücher und Essays, drehte Filme - immer wieder ging es um die Nazizeit und die Schlussphase des Krieges.

13.07.2011
Kultur Chinesischer Regimekritiker - Ai Weiwei nimmt Gastprofessur in Berlin an

Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat eine Gastprofessor an der Universität der Künste in Berlin angenommen. Wann der Regimekritiker, der erst vor Kurzem aus zweieinhalbmonatiger Haft entlassen worden war, nach Berlin kommt, ist allerdings noch unklar.

13.07.2011
Anzeige