Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
„Rocky Horror Show“ in Hannover fordert Publikum und Reinigungskräfte

Strapsparade im Sommerloch „Rocky Horror Show“ in Hannover fordert Publikum und Reinigungskräfte

Strapsparade im Sommerloch: Die „Rocky Horror Show“ gastiert zurzeit im Opernhaus in Hannover und fordert Publikum und Reinigungskräfte gleichermaßen.

Voriger Artikel
Braunschweiger Museum entdeckt altägyptische Bestände
Nächster Artikel
Verkaufte Holbein-Madonna nur noch kurz in Frankfurt

Zeit für ein bisschen Hausmusik: Frank ‘N’ Furter, umringt von seinem bizarren Hofstaat.

Quelle: Martin Steiner

Hannover. Das mit den Strapsen muss man mögen. Und tragen können. Aber heute geht das. Heute ist das super. „Rocky Horror Show“ steht in t(r)ief­roten Buchstaben auf dem Plakat an der Opernhausfassade. Das heißt: Im Tempel der Kleiderordnung ist für die Dauer der Sommerbespielung guter Geschmack Geschmackssache. Es gelten zwar Regeln, aber andere. Wurfgeschosse und Schusswaffen sind erlaubt, ein gewisser Voyeurismus auch. „Heute darf man hingucken, oder?“, sagt einer. Klar. Heute geht das. Warum? Weil es Kult ist.

Mit dem Kult ist es so eine Sache. Meistens wird es mit dem Wort „aber“ gebraucht und dient als Entschuldigung für schlechte oder längst überholte ehemalige Unterhaltung. Ob es nun „Dinner for One“ oder die „Feuerzangenbowle“ am Jahresende sind oder vereinstreue Indentifikationsfiguren vom Fußballplatz. Bei „Rocky Horror“, wie Musical oder Film kurz genannt werden, liegt die Sache ein bisschen anders. Das Stück lockt damals wie heute Jungvolk an, das die typischen Utensilien sogar mit ins Kino schleppt. Und was die Musicalfassung gerade im Opernhaus auslöst, ist ein Spektakel. Auch für die Reinigungskräfte.

Strapsparade im Sommerloch: Die Rocky Horror Show gastiert zurzeit in der Staatsoper Hannover.

Zur Bildergalerie

Ob das Opernhaus mit dem interaktiven Musical also auf Nummer sicher setzt, kommt auf die Betrachtungsweise an. Die Besucher lassen jedenfalls von Beginn an keinen Zweifel daran, dass sie von ihren Waffen auch Gebrauch machen werden. Als das junge Paar Brad und Janet nachts durch einen Gewitterregen läuft, der auf der Bühne nur als Projektion auf der Leinwand wütet, blasen die Zuschauer zur ersten Attacke auf das rote Mobiliar und helfen mit zig Wasserpistolen nach. Da bei einer Hochzeit zuvor schon Konfetti durch den Saal flog (was das politisch unkorrekte Werfen mit dem Lebensmittel Reis abgelöst hat), freut sich die Putzkolonne erneut. Zu diesem Zeitpunkt sind noch nicht einmal fünfzehn Minuten gespielt, und man beginnt zu verstehen, warum Kinobetreiber die „Rocky Horror Picture Show“ so selten zeigen.

Doch der 1974 entstandene Film ist nach wie vor das Maß für Musicals wie dieses. Sind Brad und Janet solche Backfische wie Barry Bostwick und Susan Sarandon? Ist Frank ’N’ Furter eine solche Mischung aus Brachialtunte und Mick Jagger wie Tim Curry? Ist Riff Raff ein so knarziger Gnom wie Richard O’Brien, der Erfinder der Geschichte, der der Tourneeproduktion immer noch den Namen gibt?

Bis auf den Sprecher Klaus Nierhoff, der für die Unkundigen (es dürften nicht viele sein), den Handlungsfortgang ab und an auf Deutsch erklärt, ist alles in Englisch. Es gibt keine Übertitel, aber wozu auch? Die Handlung ist so gaga wie selbsterklärend, außerdem werden hier nicht nur die Songs, sondern auch die gesprochenen Sätze von weiten Teilen des Publikums souffliert. Die Darsteller erfüllen die Erwartungen, die eigentlich ganz überschaubar sind: Alle Schlüsselsätze sagen – und vor allem: Alle Songs singen.

In der ersten Etage der simplen, aber effektiven Bühne sitzt die Band, sie pumpt die Songs in der bekannten Reihenfolge druckvoll in den Saal, die größten Hits schon in der ersten halben Stunde. Beim „Time Warp“ klappen die ersten Sitze hoch. Mit „Sweet Transvestite“ stellt sich – der blonde – Frank ’N’ Furter (Rob Morton Fowler) vor, der Tim Curry stimmlich dreimal in die Tasche steckt. Ein Rockkonzert! Das Stück war 1973 schließlich nicht nur eine Hommage an die Horrorfilme der fünfziger und sechziger Jahre und ein Statement für sexuelle Freiheit, sondern auch eine Verbeugung vor dem Rock ’n’ Roll der alten Schule. Das alles hat heute mehr oder minder nostalgischen Wert. Aber als buntes, schrilles Loblied auf die Faszination des Andersseins steht „Rocky Horror“ auch heute noch ganz frisch und mittendrin in der Gesellschaft.

Da ist es dann auch völlig egal, dass es in der zweiten Halbzeit, wenn man es mal ungeschminkt und strapslos betrachtet, doch Längen gibt. Die Party ist eh nicht mehr zu bremsen, auch wenn auf der Bühne kräftig gestorben wird. Am Ende der furiosen Nacht im Menschenlabor, in der manche ihr Leben und fast alle ihre Unschuld verlieren, kehren die überlebenden Aliens auf ­ihren Planeten zurück und Brad und Janet in ihr ganz normales Leben – wie auch das laut jubelnde Publikum im Opernhaus, das sich ebenfalls verausgabt hat und sich ruhig ein bisschen mitfeiern darf.

Nur das Reinigungspersonal sieht betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Bis 24. Juli. Karten an den Vorverkaufsstellen und im Opernhaus.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Opernhaus
Vor der Show ist nach der Show: Die Reinigungskräfte leisten in der Oper Sisyphosarbeit.

Immer, wenn der Vorhang zur Rocky Horror Show fällt, bleibt ein Stück vom Horror zurück: Nahezu alle 1200 Plätze des Opernhauses in Hannover sind dann mit Klopapier und Konfetti überzogen, zwischen den Reihen häufen sich Spielkarten und nasses Zeitungspapier. Nicht mal das Foyer bleibt verschont – aufgeweichtes Konfetti und Klopapier kleben nun mal gut an den Schuhen.

mehr
Mehr aus Kultur
Doppelausstellung in der Galerie Falkenberg

Abstraktion? Im Gegenteil: Die verblüffend gegenständliche Doppelausstellung 
"Erscheinungsbilder“ und „Flausch“ in der Galerie Falkenberg.