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Rolling Stones sind seit 50 Jahren auf der Bühne

Berühmteste Band der Welt Rolling Stones sind seit 50 Jahren auf der Bühne

Zwischen Bravo und gar nicht Bravo: Einst zerlegten die Fans der Rolling Stones die Berliner Waldbühne – jetzt wird die Band 50 Jahre alt.

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„Wie die Axt im Walde“: Das Berliner Stones-Konzert am 15. September 1965 begann spät – und endete mit Randale.

Quelle: dpa

Berlin. Als wir an der Waldbühne ankommen, werden schon die ersten ohnmächtigen Mädels rausgetragen. Die denken, sie hätten Mick Jagger gesehen. Überall sind Polizisten, einige zu Pferde. Und Hunde.“ Michael Mellenthin, in Berlin aufgewachsen und heute Inhaber des Kroepcke-Musikverlages in Hannover, war dabei. Er war einer der Besucher des legendären Rolling-Stones-Konzerts am 15. September 1965 auf der Berliner Waldbühne.

Die Band feiert in diesem Jahr ihr 50. Bühnenjubiläum: Ihr erstes Konzert geben Mick Jagger und Keith Richards damals noch mit Brian Jones, Dick Taylor, Ian Stewart und Tony Chapman am 12. Juli 1962 im Londoner Marquee Club. Für die Fans hierzulande begann die Stones-Manie erst drei Jahre später: Die erste Deutschland-Tournee sollte zu einem der größten Skandale der Rockgeschichte führen und die „Beatgeneration“ zum Feindbild des Establishments machen. Die Teeniezeitschrift „Bravo“ feiert Jagger und Co. im Vorfeld als Gegenentwurf zu den Beatles und als die „härtesten Jungs der Welt“. Dass dieses Attribut auch für deren Anhänger galt, sollte sich nach dem Berliner Konzert zeigen. Ein Reporter des Rundfunksenders Rias beschreibt die Fans so: „Lange Haare, schlampige Kleidung und dicke, verschmutzte Pullover“.

Der heute 67-jährige Mellenthin erinnert sich: „Es ist das erste Open-Air für uns junge Leute. Und wir, die wir mit unserer Band The Crew Stones-Songs covern, können es nicht erwarten, unsere Idole leibhaftig zu sehen.“ Doch die Stones kommen ziemlich spät, die rund 22.000 Zuschauer werden unruhig. „Nach acht Takten entern Jugendliche die Bühne und besetzen sie. Die Stones flüchten in den alten Militärbunker, der ihnen als Umkleidekabine dient. Es dauert beinahe eine Stunde, bis die Menge die Bühne wieder freigibt.“

Als Mick Jagger sich die Jacke locker über die Schulter hängt und sich dem Bühnenrand nähert, wird er von den Fans heruntergerissen. Den Sänger können die Ordner zurückziehen, seine Jacke aber wird zerfetzt, weil jeder ein Stück der Reliquie haben will. Mellenthin: „Den Jagger hätten sie vor Freude auch noch zerrissen.“ Die Stones spielen „The Last Time“ und „Satisfaction“, Mellenthin und seine Bandkollegen singen jede Zeile mit. „Und dann ist plötzlich Feierabend, nach nur 25 Minuten. Keine Zugabe. Die haben einfach das Licht ausgemacht und uns im Dunkeln sitzen lassen. Wir waren perplex, fühlten uns betrogen.“

Was dann kommt, beschreibt Olaf Leitner von der Vorband „Team Beats“ später mit den Worten: „Eine verschworene Gemeinschaft stellt fest, wie verwundbar Sitzbretter sind, und beginnt, diese systematisch und mit Lust zu zerknacken. Es klingt, als ob ein Wald in Flammen stünde und sich das Feuer knisternd vorwärtsschiebt. Dachziegel unbekannter Herkunft krachen auf den Boden, Flaschen schwirren durch die Nacht, Laternen werden verbogen. Die Polizei, die sich anfangs zurückgehalten hatte, wird verprügelt und mit Absperrgittern beworfen.“ Bilanz: 85 Festnahmen, 87 Verletzte und ein Sachschaden von rund 300.000 Euro.

Weil die frustrierten Rockfans danach auch einige S-Bahnen demolieren, die der DDR gehörten, hebt das „Neue Deutschland“ zu einer pauschalen Abrechnung mit der Beatgeneration an: „Ihr Anblick bringt das Blut vieler Bürger in Wallung: verwahrlost, lange, zottlige, dreckige Mähnen, zerlumpte Twist-Hosen. Sie stinken zehn Meter gegen den Wind. Sie benehmen sich wie die Axt im Walde.“

Auch die westdeutsche Presse zeigt sich hilflos, in der „FAZ“ beschreibt Feuilletonchef Karl Korn das Stones-Phänomen: „Wie ist es möglich, dass fünf lächerlich unmännlich gekleidete und behaarte Wesen Tausende junger Menschen zu frenetischem Hüftwippen und Kopfnicken bringen?“ Und der „Tagesspiegel“ rätselt: „Was in einem Jugendlichen vorgeht, daß er ... unter Einwirkung eines monotonen Lärm-Rhythmus völlig von Sinnen gerät, darüber gibt es noch keine schlüssigen Erkenntnisse der Kulturkritik.“

Für Mellenthin, der 1980 sein Hobby zum Beruf machte und jahrelang im hannoverschen Tonstudio Staccato mitmischte, markiert das Waldbühnen-Konzert der Stones den Auftakt für den offen ausgetragenen Generationenkonflikt: „Das war keine Randale wie im Fußballstadion, es war das Bedürfnis, sich vom strengen Elternhaus abzusetzen und Dampf abzulassen.“ In der Folge hätten viele Bekannte von ihm den Job geschmissen und sich der „Gammler“-Bewegung angeschlossen, die sich vor der Berliner Gedächtniskirche traf. „Das Stones-Konzert war Ausdruck einer gesellschaftlichen Veränderung, die eben auch zu Extremen führen kann.“

Die Waldbühne ist danach für Jahre unbespielbar, erst 1978 öffnet sie wieder. Zwar erinnert in Berlin keine Gedenkplakette oder Ähnliches an das aus öffentlicher Sicht eher unrühmliche Ereignis. Aber der Liedermacher Rainald Grebe suchte neulich diesen Ort auch wegen dieser Rocknacht aus.

Mellenthin war 1982 noch einmal bei einem Stones-Konzert, in der heutigen AWD-Arena in Hannover. „War mir alles eine Spur zu groß, man sah die Musiker auf der Bühne nicht einmal. Aber wenigstens konnte ich das Konzert in Ruhe genießen.“

Nina May

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