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Die Tage der Abrechnung

Ryan Gattis’ Thriller „In den Straßen die Wut“ Die Tage der Abrechnung

Panoramablick auf den Ausnahmezustand: Ryan Gattis berichtet in seinem Thriller „In den Straßen die Wut“ über die Ausschreitungen in Los Angeles im Jahr 1992, nachdem die Polizisten freigesprochen wurden, die einen Afroamerikaner misshandelt hatten. Am Montag ist Gattis zu Gast beim Literarischen Salon.

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Der US-Amerikaner Rodney King, der von vier weißen Polizisten anlässlich einer Verkehrskontrolle am 3. März 1991 schwer misshandelt worden war, ruft am 1. Mai 1992 in Los Angeles zu einem Ende der Gewalt auf.

Quelle: dpa

Sechs Tage dauerten die Unruhen. Mehr als 11 000 Feuer brachen aus. Die Sachschäden betrugen mehr als eine Milliarde Dollar. 60 Menschen, so die offizielle Statistik, verloren durch die Ausschreitungen ihr Leben, die wirkliche Zahl der Todesopfer bei den Unruhen 1992 in Los Angeles dürfte aber weitaus größer gewesen sein.

Am 29. April 1992 wurden die Polizisten freigesprochen, die den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd wegen einer Geschwindigkeitsübertretung schwer misshandelt hatten. Kurz nach dem Freispruch brachen in Los Angeles die Unruhen aus. Brände wurden gelegt, Geschäfte wurden geplündert. Und der Zustand fehlender staatlicher Ordnung wurde auch genutzt, um alte Rechnungen zu begleichen. Bandenkriege flammten auf. Es wurde abgerechnet. Davon erzählt Ryan Gattis in seinem Buch „In den Straßen die Wut“.

Der Roman beginnt mit einem Namen: Ernesto Vera, mit einem Datum: Mittwoch, 29. April, 1992, und mit einer Uhrzeit: 20.14 Uhr. Es ist der erste Tag der Unruhen. Ernesto Vera erzählt aus der Ich-Perspektive: Wie er seine Arbeit im Restaurant beendet, wie ihm sein Boss sagt, dass er in den nächsten Tagen wohl nicht zur Arbeit kommen müsse, wie er sich auf den Heimweg macht. Wie ihn drei Leute angreifen: „Ich höre sie von hinten herankommen, das Blut pocht mir in den Ohren, und ich weiß, sie haben mich so gut wie erwischt, Mann. Eine kalte Sekunde habe ich noch, um Luft zu schnappen, dann schlagen sie zu, hauen mir die Füße weg und hämmern mir im Fallen irgendwas Hartes gegen den Kiefer. Danach wird alles schwarz, für ich weiß nicht wie lange.“

Ernesto erwacht wieder. Er bekommt mit, wie die drei auf ihn einprügeln, wie sie ihn an die Anhängerkupplung des Pick-ups ketten und ihn über den Asphalt schleifen. Am Ende stechen sie mit Messern auf das blutige Bündel ein. Dass eine Mordszene aus der Perspektive des Getöteten erzählt wird, ist ungewöhnlich. Aber es funktioniert. Der Autor hört einfach mitten im Satz des Inneren Monologs auf.

Dem Mord an Ernesto ist ein anderer Mord vorausgegangen. Und ihm werden viele andere folgen. Ryan Gattis beschreibt Kriege von Latino-Banden in Los Angeles. Ehre ist den jungen Tätern extrem wichtig. Und Respekt. Und Reichtum. Und Drogen. Rechnungen müssen beglichen, Mord muss mit mehr Morden gesühnt werden. Der Ausnahmezustand in Los Angeles, das Fehlen der staatlichen Ordnung, erlaubt es den Gangs der Stadt, ihre Kriege relativ offen zu führen.
Ryan Gattis hat einen packenden Thriller geschrieben. Er schockiert mit blutigen Szenen, vermittelt aber stets das Gefühl, dass er eine mögliche Wirklichkeit beschreibt. Diese Anmutung von Authentizität erlangt er mit einem Kunstgriff. Alle Szenen sind von unterschiedlichen Personen aus der Ich-Perspektive geschrieben. Die Underdogs der Gangs kommen zu Wort, die Sadisten, die Strategen, die Chefs, die ihre Macht erhalten und ausbauen wollen. Und der Leser erhält so eine Art Panoramablick auf den Ausnahmezustand. Gleichzeitig  gibt es die Innensicht in die Köpfe und in die Szene. Das ist ziemlich großartig.

Gattis hat für seinen Roman tief in der Szene der Latino-Gangs von Los Angeles recherchiert. Seine Art zu schreiben, eine erfundene Geschichte in eine gründlich recherchierte echte Situation einzubinden, nennt er selbst „sourced fiction“. Die Technik funktioniert.

Auch sprachlich kommt der Autor seinen Figuren nah. Vieles klingt (auch in der Übersetzung von Ingo Herzke) lässig bis gehetzt nach Getto-Slang. Aber nicht zu sehr. Und weil man weiß, dass auch Tote reden können, bleibt bei jedem Monolog die Spannung, ob derjenige, der gerade spricht, auch das letzte Wort haben wird.

Ryan Gattis: „In den Straßen die Wut“. Rowohlt. 526 Seiten, 16,99 Euro.

Am Montag, 21. März, ist Ryan Gattis um 20 Uhr im Literarischen Salon (Conti-Hochhaus, Königsworther Platz 1, 14. Etage) zu Gast.

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