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Sängerin Patricia Kaas im Kuppelsaal

Kraft und Gefühl Sängerin Patricia Kaas im Kuppelsaal

Mademoiselle hat den Blues: Die französische Sängerin Patrizia Kaas im Kuppelsaal in Hannover.  Nach drei Songs ist es Zeit für ein wenig Konversation mit dem Publikum. Sie sei froh, wieder hier zu sein, plaudert Patricia Kaas auf deutsch mit charmanten französischem Akzent.

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Mit Liedern von Sehnsucht und Schmerz: Patricia Kaas. 

Quelle: Rainer Droese

Hannover. Offensiv stellt sie sich an den Bühnenrand und mustert ihr Publikum, als würde sie jeden in den ersten Reihen mit durchdringendem Blick persönlich ansprechen. Sie werde zurückblicken, die alten Hits spielen, verspricht Kaas. Aber sie werde auch neue Songs singen. Die hoffentlich einigen bekannt sind. Nach 13 Jahren hat die für viele legitime Nachfolgerin der großen Chanson-Sängerin Edith Piaf wieder ein Studioalbum mit eigenen Songs aufgenommen. Es trägt nur ihren Namen. Das deutet auf Neuanfang hin. Die Tochter einer Deutschen und eines französischen Grubenarbeiters aus dem lothringischen Forbach ist im Dezember 50 geworden. In diesem Alter macht ihr Hit von vor 30 Jahren erst wirklich Sinn: „Mademoiselle chante le Blues“. Bevor sie diesen gegen Ende des zweistündigen Konzerts im halbvollen Kuppelsaal singt, nimmt sie die Zuschauer mit auf eine Reise durch ihre Karriere.

Die Sprache der Musik

Kurz nach 20 Uhr betreten fünf schwarz gekleidete Musiker die in schwarz gehaltene Bühne. Ein tiefer Ton im Herzrhythmus ertönt. Die fünf Männer mit Hipsterbärten klinken sich mit lässiger Attitüde in den Groove ein. In schwarzen Abendkleid betritt Kaas die Bühne durch ein gleißendes Lichttor. „La langue que je parle“ singt sie. Und bewegt sich dazu mit extrovertiertem Hüftschwung und fast schon übertrieben lasziv. Als wollte sie allen zeigen: Seht her, ich bin zwar 50, aber ich zähle noch lange nicht zum alten Eisen!

Liebe nach der Krise

Zumindest musikalisch ist die Kaas immer noch auf der Höhe. Ihre Stimme ist intonationssicher, dunkel, kraftvoll, zupackend aber auch von samtiger Sensibilität. Es ist die Mischung aus Zärtlichkeit, Melancholie und überbordender Lebenslust, die ihre Stimme einzigartig macht. Im Alter ist der Faktor Melancholie noch dominanter geworden - auch wenn ihre übertriebenen Gesten etwas anderes aussagen. Während die Band souverän und konzentriert die sparsamen Arrangements zwischen Pop, Chanson und Blues ohne große musikalische Überraschungen abspult, besingt Kaas das große allgegenwärtige Thema Liebe. Vor allem: die verschmähte Liebe. Wir sind dabei, wenn sie leidet. Dabei singt sie auch von einem Inzest in „La maison en bord de mer“. Mit „Le Jour et l’heure“ wendet sie sich gesellschaftlichen Problemen zu und erinnert an den 13. No­vember 2015, an das Blutbad im Pariser Club Bataclan.

Die andachtsvolle Stimmung ändert sich erst, als Kaas exzellent abgemischt ihre Hits anstimmt: Das mitreißende „Kennedy Rose“, das kraftvolle „Ceux qui n’ont rien“ und natürlich „Mademoiselle chante le Blues“, wobei alle mittanzen. Eine gewisse Erleichterung ist nun zu spüren: bei Kaas, die den Bann gebrochen hat. Und beim Publikum, das nach dem Soundtrack zur Midlife-Crisis mitfeiern darf.

Bernd Schwope 

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