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Kultur Schlamm und Slapstick – muss das im Theater sein?
Nachrichten Kultur Schlamm und Slapstick – muss das im Theater sein?
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00:15 05.09.2016
Günther Harder und Klara Deutschmann als Gabriel Dan und Stasia in "Hotel Savoy" Quelle: Karl-Bernd Karwasz
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Hannover

Es ist nicht ganz einfach, für dieses Stück den richtigen Dreh zu finden. Denn „Hotel Savoy“ geschrieben von Joseph Roth im Jahr 1924, angesiedelt im Jahr 1919, ist vieles: Kriegsheimkehrerroman, Liebesgeschichte, Essay, Aufruf, Gemälde einer hysterischen bis hoffnungslosen Zeit, Groteske, Politdrama, Tanz auf dem Vulkan, Stationendrama, schrille Revue. Kann man das alles auf die Bühne bringen? Soll man das alles auf die Bühne bringen? Und wie soll man das auf die Bühne bringen? Schwierig.

Aber dass es schwierig ist, das kann man ja auch zeigen. Und so hat Regisseur Sascha Hawemann seiner Inszenierung der großen Geschichte vom Kriegsheimkehrer Gabriel Dan ein kleines, stummes Vorspiel vorgeschaltet. Der Schauspieler Henning Hartmann in der Rolle des unheimlichen, allgegenwärtigen Liftboys Ignatz versucht die große Drehbühne in Bewegung zu setzen. Er stemmt sich gegen das Bühnenbild, drückt und schiebt, was sein schmächtiger Körper hergibt. Und es passiert: nichts. Dann versucht er es noch einmal mit aller Kraft und ja, die Bühne dreht sich – allerdings in die falsche Richtung. So ist das mit diesem Stoff, sagt diese Szene: Er hat seinen eigenen Willen, man muss sich ihm fügen. Der Roman gibt vor, was er auf der Bühne sein will: eine schrille Revue.

Nun gibt es viele Gründe, die dagegen sprächen: Schrille Revue ist immer die einfachste Lösung. Es hat – gerade auch am Schauspiel Hannover – schon viel zu viele schrille Revuen gegeben. Slapstick ist so billig! Möglicherweise verspürt das Publikum hier längst einen Überdruss an Pappnasen und Zirkusmusik!
Aber es hilft nichts. Der Roman - so sagt es der stille Kampf mit der Drehbühne - will das so. Also orgelt man das Stück in dieser Art durch. Die Drehbühne rotiert und rotiert und rotiert (und rattert dabei erheblich), es wird getanzt, gesungen und gebrüllt, Luftballons fliegen, Schlamm wird verspritzt, weiße Gesichter, rote Nasen, alles da.
Doch: Warum eigentlich nicht? Diese beliebten Theatermittel eignen sich durchaus, anzuzeigen, dass hier etwas heiß- und im Kreis läuft. Selbst der Theaternebel - ansonsten ein Mittel, das Regisseure gern nutzen, um ihre Einfallslosigkeit zu verbergen - passt hier gut: Am Dampf der Waschküche schließlich stirbt der traurige Clown in der siebten Etage, und später zieht der Pulverdampf der Revolution durchs Stück.
Drei Stunden Spielzeit freilich sind eine ziemlich lange Zeit, um zu demonstrieren, dass der Einsatz überkommener (und, ja, auch: zu einfacher) Theatermittel für diese Geschichte doch seinen Sinn hat. Gegen Ende – und noch eine Drehung der Bühne und noch eine – zieht sich das Drama mächtig und manch einer mag sich fragen, wie es sich eigentlich bei einem Heimkehrerdrama mit dem eigenen Heimkehren verhält.
Doch solche Fragen kristallisieren kaum je zum echten Aufbruchswunsch. Nach der Pause sind bei der Spielzeiteröffnung nur ganz wenig Plätze leer. Und wer bleibt, wird auch belohnt: durch großartige Schauspieler. Günther Harder spielt den Kriegsheimkehrer Gabriel Dan druckvoll, er rückt ihn in die Nähe des Wahnsinns – als hätte nicht viel gefehlt und auch er wäre einer der Zitternden und Schweigsamen geworden – zwingt ihn aber in das Korsett der Vernunft. Stark: sein kaltes Feuer. Henning Hartmann ist ein irrwitzig komischer Liftboy Ignatz, und auch als Abel Glanz gelingt ihm eine wunderbar komische Szene, in der ihm die Worte im Munde explodieren.
Rainer Frank spielt den Clown Santschin und den Amerikaner Bloomfield, auf den sich alle Hoffnungen der Hotelgäste richten, mit erheblicher Coolness. Ihm hört man einfach immer gerne zu.
Klara Deutschmann spielt Stasia, die Tänzerin, in die sich Gabriel Dan verliebt, mit Mädchencharme und Grazie. Carolin Haupt ist in vielen kleineren Rollen zu sehen, sie singt ganz wunderbar zur Musik der fünfköpfigen Band, die das Spiel munter teils mit Balkanpop, teils mit jubilierenden Klarinettenklängen der Klezmermusik begleitet.

Vor zwei Jahren wurde ein anderer, stärkerer Roman von Joseph Roth am Schauspiel Hannover aufgeführt: „Hiob“ in der Regie von Christopher Rüping. Der inszenierte die Geschichte eines Aufbruchs intelligent und mutig als Geschichte eines Ausbruchs aus einem (Bühnen-)bild. Er zeigte, dass das Theater dem Autoren Joseph Roth starke Ideen entgegensetzen kann. Er hatte gewissermaßen den Dreh raus.

Von Ronald Meyer-Arlt

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