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Kultur Der Nebel der Welt
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20:04 02.11.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Im Wartesaal zum großen Glück: Anna (Sarah Franke) am Bahnhof. Quelle: Ribbe
Hannover

Wie sollen wir leben? Wen können wir lieben? Was wird von uns bleiben? Das sind nur einige der großen Fragen, die Leo Tolstoi in „Anna Karenina“ stellt, einem der größten Liebesromane der Weltliteratur. Das sind natürlich auch Fragen, die auf der Bühne verhandelt werden müssen. Regisseur Armin Petras, der sich als Theaterautor Fritz Kater nennt, hat aus Tolstois 975-Seiten-Werk (in der dtv-Dünndruckausgabe) vor sechs Jahren ein Theaterstück gemacht. Regisseur Sascha Hawemann, der diese Bühnenfassung von „Anna Karenina“ jetzt auf der großen Bühne des hannoverschen Schauspielhauses inszeniert hat, braucht knapp dreieinhalb Stunden (mit einer Pause) dafür, den Roman auf der Bühne zu erzählen - er schafft also gut 300 Seiten pro Stunde.

Oder auch nicht. Denn Petras hat den Stoff ja klug gekürzt. Er konzentriert sich auf die drei Paarbeziehungen: auf Lewin, den landwirtschaftlich tätigen, philosophisch interessierten Zweifler, und die junge Kitty, die ihm zuerst, weil sie sich in Rittmeister Wronskij verguckt hat, einen Korb gibt; auf Stepan, den lebenslustigen und mittellosen Bruder von Anna Karenina, und seine Frau Darja; sowie auf Anna Karenina, die ihren Mann und ihren Sohn verlässt, um mit Wronskij zu leben. Damit ist das Wesentliche gesagt. Und damit wäre auch die emotionale Dimension des Romans weitgehend ausgelotet.

Regisseur Hawemann präsentiert uns den Roman gewissermaßen auf dem Silbertablett. Die Bühne (von Alexander Wolf) ist in Weiß gehalten und schräg zum Publikum gekippt. Das gibt in der ersten Szene eine sehr schöne Eislaufbahn und in der zweiten mit viel Kunstnebel einen Bahnsteig, auf dem Anna und Wronskij einander zum ersten Mal begegnen. Sarah Franke und Sebastian Schindegger zaubern hier mit ein bisschen Zigarettenrauch und viel knisternder Erotik eine sehr starke Liebesszene. Überhaupt gelingen dem Ensemble auf der weiten Spielfläche viele wunderbare, hochemotionale Szenen.

Großartig ist die Auseinandersetzung zwischen Anna und ihrem Ehemann (Henning Hartmann). Als sie ihm gesteht, dass sie einen Liebhaber hat (von dem sie schwanger ist) stopfen sich beide eingelegte Gurken in den Mund und würgen sie bei jedem zweiten Satz wieder heraus. So ist es eben: Liebe macht, dass einem schlecht wird. So oder so. Während er den ausgespuckten Gurkenbrei pflichtbewusst wieder wegwischt, lässt sie alles so, wie es ist, und fordert eine Entscheidung. Doch die will er nicht treffen.

Sehr schön ist auch die Szene, in der Lewin (der sehr quirlige Rainer Frank) und Kitty (von geradezu rührender Bodenständigkeit: Lisa Natalie Arnold) einander endlich nahekommen. Lewin, die einzige tatkräftige Person im ganzen Roman, hat sich auf dem Land eingerichtet. Im Handumdrehen zeichnet er seiner Geliebten ein Wohnzimmer aus Kreidestrichen. Wunsch wird hier Wirklichkeit, denn auf den gezeichneten Stühlen scheint man sogar sitzen zu können.

Regisseur Hawemann lässt seine Darsteller oft mit Nebelmaschinen herumfuhrwerken. Meist ist starker Nebeleinsatz auf der Bühne reine Dampfmacherei und nur eine Notlösung: Wenn ein Regisseur keinen Einfall mehr hat, lässt er eben Nebel wabern. Hier aber geht die Vernebelungsstrategie auf. Der Nebel wirkt wie ein eisiger Hauch, er passt zum Diffusen, Uneindeutigen, das den Roman durchzieht.

Manche Regieeinfälle sind gewöhnungsbedürftig, am Ende aber verständlich: Dass Kitty ein aufgeschlagenes Buch nimmt, um damit den Holzboden zu scheuern, und dass Karenin mit Buchseiten über die Beine seiner Frau wischt, mag Bibliophile vielleicht verstören, erzählt aber auch etwas von der Hoffnung eines Dichters, die Welt mit Literatur zu reinigen.

Gar nicht schlecht eigentlich.

Manches in Hawemanns Inszenierung wirkt ganz federleicht dahingetupft. Die farbstarken Kostüme (von Ines Burisch) erzielen auf der weißen Bühne eine starke Wirkung, und die Akkordeon-, Gitarren- und Klarinettenklänge, mit denen der Musiker Xell von der Seitenbühne aus das Spiel begleitet, sind angenehm zurückhaltend und ersterben oft genau im rechten Moment.

Das Meiste hat der Regisseur richtig gemacht (und dafür gibt es zum Schluss auch sehr freundlichen, aber nicht gerade vor Begeisterung überbordenden Applaus). Am Ende aber deutet er an, dass ihm die Liebesgeschichten nicht genug sind. Er versucht, das Spiel in der blutigen Wirklichkeit des (Balkan-)Krieges zu verorten. Allein: Projektionen von Kriegsbildern im Hintergrund reichen da nicht.

Weitere Aufführungen am 4., 7. und 20. November sowie am 3., 6. und 20. Dezember. Karten: (05 11) 99 99 11 11

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