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„Irgendwann muss das tote Kind geboren sein“

Schauspielerin Julia Jentsch im Interview „Irgendwann muss das tote Kind geboren sein“

Schauspielerin Julia Jentsch ("Sophie Scholl") ist im Kino im Abtreibungsdrama „24 Wochen“ zu sehen. Im Interview spricht sie über hilfreiche Hebammen und weinende Zuschauer.

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Spielt die Hauptrolle im Abtreibungsdrama 24 Stunden: Julia Jentsch.

Frau Jentsch, wie erging es Ihnen bei der Premiere Ihres Films bei der Berlinale im Februar?
Da war viel Vorfreude, aber ich war auch extrem aufgeregt: Wie wird das Publikum reagieren bei diesem schwierigen, emotional so fordernden Thema Spätabtreibung? Lassen sich die Zuschauer darauf ein? Oder distanzieren sie sich innerlich?

Und wie haben die Leute reagiert?
Einige haben geweint. Der Applaus danach hat gut getan – und war auch wirklich beeindruckend.

Ist dieser Film für Sie ein ganz besonderer?
Natürlich denkt man darüber nach, wie es wäre, ein behindertes Kind zu bekommen. Das war für mich bislang aber glücklicherweise kein belastendes Thema. Erst durch den Film rückte es an mich heran.

Haben Sie sofort Ja gesagt, als Regisseurin Anne Zohra Berrached Ihnen die Rolle angeboten hat?
Nein. Ich fand das Drehbuch mit seinen natürlichen Dialogen zwar großartig und glaubwürdig, aber ich habe gedacht: Dann muss ich mich ja die nächsten Monate mit diesem schwierigen Thema beschäftigen, davor hatte ich mächtigen Respekt. Die erste Begegnung mit Anne hat mir aber Mut gemacht.

Die Ärzte in diesem Film sind echte Ärzte: Wie hat das die Dreharbeiten verändert?
Ich wusste erst gar nicht, wie das funktionieren soll. Wir lernen unseren Text, und die Ärzte dürfen sagen, was sie wollen? Aber es ging erstaunlich gut. Wir mussten uns immer wieder von unserem Text lösen, aber das Gespräch gleichzeitig in eine bestimmte Richtung lenken. Wir mussten ja an einem bestimmten Punkt ankommen.

Wie waren die Mediziner denn als Schauspieler?
Sie haben es geschafft, professionell ihren Job zu machen, obwohl permanent eine Kamera auf sie gerichtet war. Sie haben sich auch nicht um künstliche Empathie bemüht, die sie sich im Alltag gar nicht leisten könnten.

Wie lange hat es gedauert, die Szene zu drehen, in der Sie das tote Baby zur Welt bringen?

Der Take war lang, wir haben ihn zweimal durchlaufen lassen. Die Szene war im Drehbuch genau beschrieben: Die Wehen werden stärker, die Hebamme sagt dieses und jenes, das Kind kommt, die Eltern Markus und Astrid halten es auf dem Bett im Arm ... Stand alles im Skript, aber wie das genau aussehen würde, war letztlich nicht klar.

Und dann?
Dann hat unsere Regisseurin gesagt: Legt mal los. Anne wollte bewusst eine gewisse Offenheit hineinbringen. Und Sie dürfen nicht vergessen: Die Hebamme war ebenso eine echte Hebamme. Sie war fantastisch, ein großes Glück. Dieser Frau würde eine Schwangere sofort vertrauen. Wir haben uns aufs Spiel eingelassen – und wussten, irgendwann muss das tote Kind geboren sein. Am Ende hat die Szene 45 Minuten gedauert.

Also extrem lange.
Mein Film-Ehemann Markus – also Bjarne Mädel – und ich waren hinterher klitschnass. Klar, das war auch körperlich anstrengend. Aber dazu kamen der Druck und die Emotionen. So etwas habe ich nie zuvor erlebt. Geholfen hat mir sicher, dass ich selbst Mutter bin. Ich wusste also, was eine Frau bei der Schwangerschaft durchlebt – auch wenn das in diesem Fall ganz andere Umstände waren.

Wie kamen Sie zu Ihrem tollen Babybauch?
Die Special-Effects-Abteilung hat von meinem Körper einen Abdruck gemacht, dann wurden gleich drei Bäuche angefertigt. Zwei davon waren nur bis Rückenmitte und von vorn oder der Seite filmbar; diese beiden ließen sich auch hinten öffnen. Die Bäuche waren in zwei Größen vorhanden für die unterschiedlichen Schwangerschaftsstadien. Der dritte Bauch war für die Nacktszenen unter der Dusche: Der Bauch war richtig am Körper angeklebt, den konnte ich auch nur einmal verwenden.

Wie haben Sie recherchiert für diese schwierige Rolle?
Ich habe mit Eltern gesprochen, die ähnliches durchgemacht haben, die also auch ein Kind tot zur Welt gebracht haben. Der Wunsch bei mir war ganz stark, mit solchen Leuten in Kontakt zu kommen. Ich war mir sicher, dass die Gespräche mir helfen würden, manches zu verstehen. Zumal meine Filmfigur ja bei ihrer Entscheidung schwankt: Will Astrid das Kind bekommen oder nicht?

Haben Sie denn Eltern gefunden, die über so persönliche Dinge reden wollen?
Es gibt solche Fälle öfter, als man denkt. Manche Eltern habe ich über Bekannte kennengelernt. Ihre Offenheit hat mich gerührt. Ich habe mit Menschen, die ich gar nicht kannte, über deren krasseste Erlebnisse geredet.

Gab es eine frühere Drehbuchversion, in der sich die Eltern für das schwerkranke Kind entscheiden?
Diese Richtung war nie vorgesehen. Aus einem überzeugenden Grund, der im Film genannt wird: 90 Prozent aller Eltern, die in eine solchen Konflikt geraten, entscheiden sich für den Abbruch. Der Film sollte das widerspiegeln.

Wie groß ist der aufklärerische Aspekt bei diesem Kinodrama?
Aufklärerisch würde ich das nicht nennen. „24 Wochen“ bietet die Möglichkeit, sich für ein Thema zu öffnen, mit dem man sich sonst schwertut. Der Film ist in gewisser Weise unparteiisch: Jeder kann seine eigenen Überlegungen verfolgen. Man sieht, welche individuellen Umstände in so eine Frage hineinspielen. Man sollte sich tunlichst hüten, andere für ihre Entscheidung zu verurteilen, egal, wie diese letztlich ausfällt.

Das ist jetzt aber nicht gerade ein Film für einen Popcorn-Abend ...
Bei der Berlinale habe ich eine Hochschwangere erlebt, die nach der Vorstellung förmlich gestrahlt hat: Es würden darin genau die Themen verhandelt, über die sie sich mit ihrem Partner gerade austausche. „24 Wochen“ hatte eine befreiende Wirkung auf diese Frau.

Interview: Stefan Stosch

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