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Viel mehr als "Schimanski"

Zum Tode von Götz George Viel mehr als "Schimanski"

Körperliche Wucht und zarte Einfühlsamkeit: Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich die lange Karriere von Götz George. Der "Tatort" machte ihn berühmt – doch der Schauspieler war viel mehr als Schimanski.

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Der Schauspieler Götz George ist im Alter von 77 Jahren gestorben.

Quelle: Rainer Jensen

Hannover. Schmuddeliger Parka, einen Fluch auf den Lippen und ein Herz für die Underdogs: Das war der rauflustige Ruhrpott-Kommissar Horst Schimanski - und diese Rolle war Götz George quasi auf den muskulösen Leib geschrieben. Der Part machte ihn berühmt in den Achtzigern, so einen " Tatort"-Ermittler hatte es bis dahin nicht gegeben im sonst so konsenssüchtigen deutschen Fernsehen. Die "Bild"-Zeitung zählte damals mit gespielter Entrüstung mit, wie oft Schimanski bei seinen Ermittlungen "Scheiße" rief. Er rief ziemlich oft.

Nach erstem Fremdeln schlug sich das Publikum auf die Seite dieses Kommissars, der stets einen feinen Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit machte. Erst 2013 im verdienten Rentenalter durfte Schimanski seinen berühmten Parka endgültig ausziehen - nach 48 Auftritten in 32 Jahren, ein paar davon auch auf der großen Kinoleinwand.

George war mehr als Schimanski

Aber Götz George war viel mehr als Schimanski. Er zählte zu den großen deutschen Schauspielern. Unabhängig von gerade gängigen Moden prägte er Kino und Fernsehen in Deutschland durch die Jahrzehnte. Seine Rollen nahm er bitter ernst, ob er nun als Bankräuber im Thriller "Die Katze" (1988), als Schickeria-Regisseur Uhu Zigeuner in Helmut Dietls Komödie "Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" (1997) oder als gealterter Massenmörder Josef Mengele (in "Nichts als die Wahrheit", 1999) zu sehen war. In der Hauptrolle des Films "Der Totmacher" eröffnete George 1995 die Filmfestspiele von Venedig – und gewann als bester Schauspieler gegen Jack Nicholson. Die Befragung des Serienmörders Fritz Haarmann, die der Film inszeniert, fand 1924 vor dem Landgericht Hannover statt.

Die Hingabe an den Beruf führte dazu, dass er 1998 auf dem Sofa in Thomas Gottschalks "Wetten, dass ....?"-Show saß und vor Millionenpublikum schmollte: In der Sendung wurde sein gerade aktueller Film "Solo mit Klarinette" gar nicht gewürdigt, es ging nur um den üblichen Promi-Smalltalk. Damals bezichtigte der schwer verstimmte Gast Gottschalk der Unwissenheit und erntete dafür Pfiffe, der TV-Auftritt war ein ein einziges, großes Missverständnis. George zeigte sich wieder einmal als Diva - aber das mit aller Berechtigung eines Künstlers, der wusste, was er konnte.

Er war ein Raubein mit Charme, ein Intellektueller, ein sanfter Künstler, ein aufbrausender Charakter. Götz George war nicht nur einer der vielfältigsten Schauspieler des Landes, sondern ein Mensch mit vielen Facetten. Er wurde 77 Jahre alt.

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Schauspielerei war ihm in die Wiege gelegt

Dass George Schauspieler werden würde, war ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt - und machte es ihm doch umso schwerer, sich freizuspielen: Sein Vater war der Großschauspieler Heinrich George, der sich in NS-Zeiten feiern ließ ("Jud Süß") und nach dem Krieg in sowjetischer Gefangenschaft im "Speziallager Sachsenhausen" starb. Da war der kleine Götz, 1938 in Berlin geboren, gerade acht Jahre alt. Er wuchs auf bei seiner Schauspieler-Mutter Berta Drews und stand schon früh an ihrer Seite auf der Theaterbühne.

Dennoch brauchte Götz George lange, sehr lange sogar, um sich dem übermächtigen Schatten des Vaters entgegenzustellen. Schließlich übernahm er den Part des Vaters gleich mit in dem Dokudrama "George", in dem es um die Verantwortung des Künstlers in der Diktatur ging. In dem ARD-Film wendet sich der Sohn George direkt an seinen Vater Heinrich: "Du hast mich halt immer überholt. Du warst halt immer besser, besessener." Das war im Jahr 2013 und Götz George 75 Jahre alt. Auf Nachfragen zu seiner Familie konnte er aber auch danach noch ausgesprochen unwirsch reagieren. Er war stets der Ansicht, dass seine Werke für sich selbst sprechen sollten.

Stunts erledigte George am liebsten selbst

Schon als Teenager sammelte George erste Filmerfahrungen. Als 15-Jähriger hatte er eine kleine Rolle neben Romy Schneider in der Romanze "Wenn der weiße Flieder wieder blüht". Später ritt er an der Seite Winnetous in den Wilden Westen. In den Karl-May-Filmen spielte er in den Sechzigern den Farmersohn Fred Engel. Seine Stunts erledigte George am liebsten selbst. Körperliche Wucht und zarte Einfühlsamkeit: Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich die lange Karriere dieses Schauspielers, der sogar das Nuscheln zur Kunst erhob.

Seine größte Rolle? Vielleicht die des hannoverschen Serienmörders Fritz Haarmann in "Der Totmacher", die ihm den Darstellerpreis der Filmfestspiele in Venedig einbrachte. Dieses Kammerspiel-Duell zwischen Haarmann und seinem Gutachter in der Göttinger Psychiatrie besteht beinahe nur aus Sätzen, Gesichtern in Großaufnahme, Blickwechseln. Und doch wird die physische Präsenz Georges in jeder Szene spürbar. Die Faszination des Bösen ist das Zentrum in Romuald Karmakars Film von 1995 und begleitete auch George in vielen Rollen.

George wird noch einmal zu sehen sein

Mehr und mehr hat sich George in den vergangenen Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er wollte nicht mehr Teil eines Betriebs sein, in dem seiner Ansicht nach künstlerische Inhalte immer weniger wertgeschätzt werden. Der zunehmende Marketing- und Selbstvermarktungswahn war ihm zuwider. Er zog sich auf sein Anwesen auf der Mittelmeerinsel Sardinien zurück. In dem TV-Drama "Böse Wetter" - bereits abgedreht, aber noch nicht ausgestrahlt - ist er demnächst noch einmal als Harzer Bergbau-Baron zu sehen.

Dies ist dann die letzte Rolle des Ausnahmeschauspielers Götz George: Wie seine Agentin am späten Sonntagabend mitteilte, starb er bereits am 19. Juni nach kurzer Krankheit im Alter von 77 Jahren. "Götz George hat sich eine Verabschiedung im engsten Kreis gewünscht", hieß es in der Mitteilung. Von weiteren Nachfragen solle abgesehen werden. Götz George war das Ergebnis seiner Arbeit schon immer wichtiger als die eigene Person.

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Von Stefan Stosch

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