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Nachrichten Kultur Schloss Derneburg wird zum Kunstzentrum
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02:15 14.07.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
Inmitten der Kunstfülle: Besucher des großen Schlossrundgang sehen unter anderem Antony Gormleys Arbeiten „European Field“. Quelle: Ronald Meyer-Arlt
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Hannover

Was für eine schöne Kippfigur: von Nahem sind es schlafende Menschen, von Weitem ist es eine Stadt. Der Eindruck von Weite stellt sich hier ganz automatisch ein. Denn der Raum, in dem die 700 Figuren von Antony Gormleys Arbeit „Sleeping Field“ ausgestellt sind, ist sehr groß. Die kantigen Figuren weiter hinten nimmt der Betrachter nicht als Menschenkörper, sondern als Blöcke wahr: Wie Häuserzeilen, wie Hochhäuser sehen sie aus. Der Mensch wandelt sich zum Haus, das Haus zum Menschen. Interessant.

Zu sehen ist die raumgreifende Installation des vielfach ausgezeichneten britischen Künstlers in einem ganz besonderen Haus: auf Schloss Derneburg. Und zwar in einem der Ateliers des ehemaligen Hausherren. Hier, im früheren Winteratelier des Malers Georg Baselitz, hat Antony Gormley seine Körperarbeit aufgebaut. Baselitz, der Schloss Derneburg 1976 erworben hat, hat das Schloss (und Teile seiner Kunstsammlung) 2006 an Andrew Hall verkauft. Andrew Hall ist durch Börsengeschäfte reich geworden. Sehr reich.

Er investiert auch in Kunst. Eines seiner Investments: Schloss Derneburg bei Holle im Landkreis Hildesheim. Mit viel Geschmack, viel Liebe zum Detail, mit Mut, Sensibilität und großer Kennerschaft hat Andrew Hall zusammen mit seiner Frau Christine das Schloss restauriert - und in einen Kunstpalast verwandelt.

Zehn Jahre hat die Sanierung und die Einrichtung der Ausstellung gedauert, es galt umfangreiche und einander gelegentlich widersprechende Brand- und Denkmalschutzauflagen zu beachten; doch jetzt ist die Kunstausstellung auf Schloss Derneburg fertig eingerichtet und steht für Besucher zur Besichtigung offen.

Zur Galerie
Zehn Jahre lang wurde das Schloss Derneburg renoviert. Nun ist dort die Kunstsammlung von Andrew und Christine Hall zu besichtigen.

Besichtigt werden kann das Kunstmuseum Schloss Derneburg nur im Rahmen von Gruppenführungen. Die große Führung, bei der man fast die gesamte Kunst der Halls auf deren Burg (sowie auch viele Leihgaben) zu sehen bekommt, dauert fünf Stunden; Teilnahmegebühr: 75 Euro; darin enthalten sind auch ein Mittagessen und eine Tea-Time in der Schlossküche, deren Wände Vorbesitzer Baselitz mit einigen Zeichnungen versehen hat.

Momente des Staunens

Die Gruppe (die in der Regel weniger als 15 Personen groß ist) trifft sich im Besucherzentrum unterhalb des Schlosses in Astenbeck. Hier war früher die Schlossschänke, ein Restaurant mit viel Ambitionen und wenig Glück. Die Halls haben das heruntergekommene Fachwerkhaus gekauft, weitgehend entkernt und sehr edel als ausgelagerte Rezeption wieder aufgebaut. Hier soll demnächst vor den Besichtigungen ein Informationsfilm zu Schloss Derneburg gezeigt werden, der die Geschichte der Anlage von 1143 bis heute erklärt.

Bis der Film fertig ist (die Schlossbesitzer, deren Hang zur Perfektion bei der Tour vielfach spürbar ist, haben noch ein paar Änderungswünsche) erzählt die freundliche Gästeführerin von der Zeit, als das Schloss Augustiner- und Zisterzienserkloster, preußische Domäne, Sitz der Grafen zu Münster und Wohnsitz und Atelier von Georg Baselitz war. Und dann geht’s mit dem Auto hoch auf den Berg zur Kunst.

Skulpturen aus Licht

Der Rundgang führt durchs Schloss und einige Nebengebäude; etwa fünf Kilometer legt die Besuchergruppe bei der Kunstführung zurück - aber langweilig oder ermüdend ist die Kunsttour an keiner Stelle. Denn immer wieder gibt es Momente des Staunens und - ja, auch - der Überwältigung. In einem ehemaligen Stall steht man plötzlich vor Antony Gormleys Arbeit „European Field“, bestehend aus 35.000 Terrakottafiguren, die den Betrachter mit dunklen Augen anstarren. Und in einer ehemaligen Scheune findet man sich mitten in Anthony McCalls Lichtkunstwerk „Between You an I“. Der Künstler hat verblüffend scharfkantige Skulpturen aus Licht geschaffen. Im feinen Theaternebel entstehen Lichtdome, durch die sich die Besucher bewegen können. Unwillkürlich schreckt man zurück, kurz bevor man eine Lichtwand berührt.

Aktuell sieben Ausstellungen

Insgesamt sieben Ausstellungen bietet Schloss Derneburg zurzeit an: Einzelausstellungen zu Antony Gormley, Barry LeVa, Malcolm Morley, Hermann Nitsch und Julian Schnabel, eine Gruppenschau mit filmischen Arbeiten aus der Hall-Sammlung, zusammengestellt von Chrissie Iles, Kuratorin am Whitney Museum of American Art in New York, und „Für Barbara“, eine Ausstellung mit Arbeiten von Künstlerinnen, kuratiert von Leo König, im Gedenken an die Galeristin Barbara Weiss, die sich besonders für Kunst von Frauen eingesetzt hat.

Beim großen Rundgang bekommt man alles zu sehen - leider reicht die Zeit oft nicht. Besonders mit den Videoarbeiten in der Chrissie-Iles-Ausstellung „Die Wahrheit der Ungewissheit“ ist es schwierig. Die Gruppenführerin gewährt nur kurze Einblicke. Ein bisschen unheimlich ist es, dass über die Monitore Bilder laufen, während die Gruppe längst wieder anderswohin unterwegs ist. Mehr Besucher gibt es ja nicht - die Videos laufen also meist ins Leere. Aber anders ist es bei der Fülle der Kunst hier wohl nicht zu machen.

Die Halls haben spannende und großartige Kunst gesammelt. Ihre Sammlung präsentiert wichtige Kunstwerke der jüngeren Vergangenheit. Sie erstrahlen hier in heller, überwältigender Pracht. Die meiste Zeit aber stehen sie im Dunklen - und gewinnen dabei an Wert.

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