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Die Freude am Subversiven

Schnipo Schranke im Lux Die Freude am Subversiven

Angesagte deutschsprachige Indie-Pop-Bands lassen sich zurzeit meist auf einen ihrer Songtitel reduzieren. Wanda mit testosteronsattem Schlagerschmäh sind „Bussi Baby“, AnnenMayKantereit mit brachialromantischen Neochansons sind „Barfuß am Klavier“. Und Schnipo Schranke sind eben „Pisse“. Auch beim Konzert im Lux gibt es keine Alternative zu dem schmutzigen Liebeslied für die allerletzte Zugabe. 

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Kontrast-Konzert mit Schnipo Schranke.

Quelle: Insa Cathérine Hagemann

Hannover. Das neue Album ist bereits komplett gespielt und die Fans wollen nochmal alles geben und alles haben.

„Pisse“ ist die Verdichtung des Prinzips Schnipo Schranke: Es geht um Beziehungsdinge, um Sex und Körperlichkeit, Anziehung und Abstoßung. Doch während Wanda sich in eine schmierige Pose werfen und AnnenMayKantereit die Pathosmaschine ankurbeln würden, bleiben Fritzi Ernst und Daniela Reis sehr alltäglich. „Ich bin auch nur ein Mädchen, wenn auch unrasiert. Brauche Liebe, brauche Halt und einen, der mich knallt“, singen sie zu einer fröhlichen Melodie. Sie bringen ganze Romane in Nebensätzen unter.

Die derzeit angesagteste deutschsprachige Indie-Pop-Band? Ganz klar: Schnipo Schranke. In Hannover traten die beiden Musikerinnen im Lux auf.

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Die beiden jungen Frauen haben in den vergangenen Monaten oft beteuert, ihre Texte seien weder Provokation noch feministischen oder politischen Botschaften. Sie würden nun mal so reden, auch privat. Doch vermutlich hätten die beiden Musikerinnen nicht so einen Erfolg, wenn sie die behauptete Beiläufigkeit nicht intelligent brechen würden. So griffig ihre Texte auch sind, so ungreifbar bleibt die Haltung von Schnipo Schranke auf der Bühne. Spaß, Naivität, Kokettieren und Coolness wechseln sich ähnlich schnell ab, wie die Instrumente getauscht werden. Was davon echt ist und was gespielt, bleibt undurchschaubar. Das Konzert lebt von Gegensätzen. Brave Kleidchen kontrastieren mit der Freude am Subversiven.

Wenn das Publikum zu oft überdeutlichen Texten mitsummt, ist das ein wenig, als würden zwei Zehnjährige beim Tantengeburtstag ausprobieren, welche Fäkalausdrücke die größte Wirkung erzielen. Und als könnte die Tante sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, in Erinnerung an all die selbst erlebten Unanständigkeiten. Wenn Daniela Reis von ihrer Liebe zu Gastmusiker Ente Schulz erzählt, einem entspannten Endvierziger mit Schnäuzer und Bauch, aktiviert sie das Kopfkino ihres Publikums. Das begeisterte Johlen aus der kleinen Gruppe Teenager, die vor der Bühne eine mitgebrachte Flasche Sekt kreisen lassen, bestätigt: Die Fans feiern Schnipo Schranke gerade weil sie die Dinge auch bei hässlichen Namen nennen.    

Von Thomas Kaestle

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