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Kultur Schöpfung nach Terrence Malick in „The Tree of Life“
Nachrichten Kultur Schöpfung nach Terrence Malick in „The Tree of Life“
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16:15 18.06.2011
Von Stefan Stosch
Strenger Vater: Mr. O’Brien (Brad Pitt) erzieht seine Söhne. Quelle: Concorde

Am Anfang steht das Wort in diesem so bildgewaltigen Film, ein Zitat aus dem Buch Hiob. „Wo warst du, da ich die Erde gründete? Sage an, bist du so klug?“ Da möchte man sich ein wenig in seinen Kinosessel ducken. Man ahnt, dass von nun an Bedeutsames verhandelt wird und dass Schuld, Selbstzweifel und Schicksalsschläge ganz oben auf der Agenda stehen. Tatsächlich geht es in den 138 Minuten von „The Tree of Life“ ums Ganze, um die Erschaffung der Erde und darum, dem Dasein einen Sinn abzuringen – oder eben auch nicht.

So ausdrücklich wird im Kino selten über die Rolle des Menschen im großen, weiten Universum philosophiert. Ein Regisseur, der das tut, muss schon extreme Ansprüche an sich und seine Kunst stellen – so wie Terrence Malick, eine Regielegende, wie es wohl keine zweite im aktuellen Kino gibt.

Der 1943 geborene US-Amerikaner hat in Harvard Philosophie studiert. ­Seine Dissertation über Wittgenstein, Hei­degger und Kierkegaard in Oxford brach er wegen Differenzen mit seinem Doktorvater ab. Ganze fünf Filme hat Malick seit 1973 inszeniert, wohlgemerkt: diesen schon mitgerechnet („Badlands“, „In der Glut des Südens“, „Der schmale Grat“, „The New World“). Zwischendurch verschwand er für Jahrzehnte von der Bildfläche.

Inzwischen steigert Malick das Rätselraten um seine Person noch, indem er die Öffentlichkeit konsequent meidet. Sogar als er im Mai in Cannes für „The Tree of Life“ die Goldene Palme erhielt, gab er sich nicht zu erkennen. Vielleicht war er im Kino präsent, als Jurypräsident Robert De Niro die Trophäe übergeben wollte, vielleicht auch nicht. Kaum jemand weiß, wie Malick aussieht – was in der auf Teamarbeit beruhenden Kinokunst unmöglich erscheint. Malick umgibt eine Aura der Allmacht. Und genauso filmt er auch.

In der ersten Dreiviertelstunde dieses Films werden wir Zeuge der Entstehung der Welt. Ursuppe, Dinosaurier aus dem Computer, glühende Lavaströme und explodierende Sterne, majestätisch dahinschwebende Quallen, Hammerhaie und Planeten: Tranceartig zieht die Naturgeschichte vorüber. Auf der Tonspur dröhnen Bach, Mahler, sogar Smetanas viel strapazierte „Moldau“. Man könnte meinen, Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ werde fortgeschrieben – nur viel bombastischer, wenn auch genial gefilmt (Kamera: Emmanuel Lubezki) und geschnitten (fünf Cutter soll der Regisseur verschlissen haben).

Zuvor jedoch – beinahe hätten wir es unter dem Eindruck der Planetenparade vergessen – taucht kurz eine traurige Mutter auf. Sie hält ein Telegramm in der Hand. Ihr 19-jähriger Sohn ist gestorben. Wie und warum, das wird nicht deutlich. Wurde er im Koreakrieg getötet?

Zu der traurigen Mutter kehrt der Film nun zurück. Wir schreiben die fünfziger Jahre in Texas. Zwei Söhne bleiben der Familie O’Brien. Die beiden toben viel im Freien herum, später erwacht auch das sexuelle Verlangen in ihnen. Zart tupft der Regisseur die Bilder einer Kindheit. Gegen den sonstigen Drang zum Erhabenen nehmen sich die Szenen bescheiden und friedlich aus.

Aber da ist auch noch der Vater, ein Mann mit kantigem Kinn und Bürstenhaarschnitt, der gerne Strickjacke trägt. Gespielt wird er von Hollywoodstar Brad Pitt. Mit harter Hand erzieht Vater O’Brien seine Söhne zu harten Männern. Seine Strenge ist noch größer als seine Liebe. So wird „The Tree of Life“ auch zum Drama des gedemütigten Kindes.

Der Mensch müsse sich entscheiden zwischen der Natur und der Gnade, säuselt es einmal aus dem Off – so wie überhaupt viel aus dem Off gesäuselt wird. Demnach vertritt der Vater das darwinistische Prinzip. Er glaubt ans Überleben des Stärkeren, des besser Angepassten. Die zarte Mutter (Jessica Chastain) mit ihrer alabasterweißen Haut vertritt dagegen die Gnade. Einmal hebt sie engelsgleich vom Boden ab und schwebt durch die Luft.

Einem der Söhne, Jack, begegnen wir als Erwachsenem wieder. Jack lebt jetzt irgendwo inmitten einer grandiosen Hochhauskulisse. Er ist ein erfolgreicher Architekt, aber er hadert mit sich. Immer wieder hören wir seine selbstquälerischen Monologe. Könnte es sein, dass alles, was wir in diesem Film sehen, Jacks Erinnerungen entsprungen ist? Laufen in Jack – um im Biologischen zu bleiben – Phylogenese und Ontogenese, stammesgeschichtliche und individuelle Entwicklung, zusammen?

Gespielt wird Jack von niemand Geringerem als Sean Penn. Penn und Pitt, zwei Stars in einem Film. Bei Malick wirken sie wie Spielfiguren in der Hand eines gnadenlosen Kinogottes, der ein perfektes Schöpfungswerk abliefern will. Am Ende versammelt der Regisseur sein komplettes Kinopersonal noch einmal an einem weißen Strand. Jetzt gewinnt das New-Age-Geraune endgültig die Oberhand.

Und doch sollte man sich „The Tree of Life“ unbedingt anschauen. Man muss das rätselhafte Erhabenheitsdrama nicht unbedingt mögen, aber man darf über die künstlerische Kraft staunen, mit der Terrence Malick nach den letzten Dingen fragt.

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