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Schriftsteller Alexander Kluge feiert 80. Geburtstag

Im Konjunktiv denken Schriftsteller Alexander Kluge feiert 80. Geburtstag

Das Mögliche im Realen entdecken: Am Dienstag feiert der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge seinen 80. Geburtstag. Mit seiner Gesellschaft dctp gelang es ihm, sogenannte Kulturfenster in den privaten Sendern zu besetzen.

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Theorie und Praxis: Alexander Kluge.

Quelle: dpa

Hannover. Wer Alexander Kluges berufliche und künstlerische Tätigkeiten auflisten will, braucht Platz. Der 1932 in Halberstadt geborene Arztsohn und promovierte Rechtsanwalt war Berater des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, dem Zentrum der Kritischen Theorie. Er wurde Assistent bei Filmregisseur Fritz Lang, war 1962 einer der Urheber des Oberhausener Manifests und damit einer der Initiatoren des Neuen Deutschen Films, zu dessen wichtigsten Regisseuren er mit 14 abendfüllenden Spielfilmen zählt. Für „Abschied von Gestern“ erhielt er 1966 den Silbernen Löwen in Venedig. Mit „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ (1968), „In Gefahr und Not bringt der Mittelweg den Tod“ (1974) oder „Die Macht der Gefühle“ (1983) schuf er vieldiskutierte Filme, deren Titel bis heute gerne variiert und persifliert werden.

Kluge trat als Filmdozent und -theoretiker ebenso in Erscheinung wie als Filmproduzent und TV-Unternehmer. Mit seiner Gesellschaft dctp gelang es ihm, sogenannte Kulturfenster in den privaten Sendern zu besetzen. Neben anderen Formaten entwickelte er mit seinen anspruchsvollen, zum Teil fiktiven Interviews, die auch vor exotischen Themen nicht zurückschrecken, eine für das Medium ungewöhnlich intensive Gesprächsform.

Wie man das alles in gerade mal 80 Lebensjahren schafft, ist erstaunlich. Um so mehr, wenn man sich etwas genauer die literarische und essayistische Produktion Kluges ansieht, die neben theoretischer und erzählerischer Phantasie ein immens breites Wissen aufweist.

Mit dem hannoverschen Soziologen Oskar Negt hat er umfängliche Studien wie „Geschichte und Eigensinn“ (1981) oder „Maßverhältnisse des Politischen“ (1992) vorgelegt. Das 1972 veröffentlichte, gemeinsam verfasste Buch „Öffentlichkeit und Erfahrung“ gehörte zu den Referenzbüchern der Studentenbewegung.

Negt hat in einem Aufsatz von „Text und Kritik“ ein zentrales Motiv dieser ungeheuren Produktivität benannt. Es gehe in seinen Texten durchgängig um die „Friedensfähigkeit eines menschlichen Gemeinwesens“. Das erklärt, nur auf den ersten Blick ein Paradox, Kluges Faszination für das Thema Gewalt und Krieg – man müsse ihn kennen, um ihn zu verhindern.

Einer seiner frühen Texte, der später immer mal wieder bearbeitet wurde, ist „Schlachtbeschreibung“, in der die militärische Katastrophe von Stalingrad als „organisatorischer Aufbau eines Unglücks“ rekonstruiert wird. Dabei hat er jene Technik der Montage entwickelt, die seine Filme wie seine Texte auszeichnet: Diese Collagen setzen historische und aktuelle Quellen, fiktive und dokumentarische Texte, Anekdoten und amtliche Schreiben zueinander in Beziehung.

So kann er ein facettenreiches Bild der Wirklichkeit entwickeln. Wir leben, so sieht er es, in verschiedenen Zeiten und Welten. Für ihn ist die Vergangenheit stets anwesend, oft kaum sichtbar, aber selbst anscheinend abgelegte Ideologien, unerledigte Probleme und unerfüllte Wünsche können unter der Oberfläche rumoren, in bestimmten Situationen durch die Decke stoßen und Einfluss nehmen auf den Verlauf der Ereignisse. Es gilt die Quellen aufzuspüren, aus denen sich Strömungen und Unterströmungen der Geschichte speisen.

Prognosen über den geschichtlichen Prozess abzugeben hält er nicht für möglich. Kluge hat immer die Bedeutung des Zufalls in der Geschichte im Blick, zumal er selbst sein Leben einem Zufall verdankt. Am 8. April 1945 schlug bei der Bombardierung von Halberstadt gerade mal zehn Meter von ihm entfernt eine Bombe ein – ein Ereignis, das genauso wie die Scheidung seiner Eltern in jenem Jahr vielfältige Spuren in seinem Werk hinterlassen hat.

Auf politischer Ebene kann ein unbedeutend erscheinender Zufall das politische Koordinatensystem verrücken, relativ kleine Anlässe genügen, um eine Jahrhundertkatastrophe zu entfachen; man denke an das Attentat von Sarajewo 1914.

Mit seiner Methode will er für solche „Tretminen“ sensibilisieren. Nur mithilfe historischer Erfahrungen könne man nach Auswegen suchen. Erfahrung ist deshalb für ihn ein zentraler Begriff. Die Perspektive von unten, die Sicht des Einzelnen auf das, was sein Leben beeinflusst und worauf er reagieren muss, hat ihn besonders interessiert, weshalb er mehrere Bände mit realen und fiktiven Lebensläufen vorgelegt hat – der fünfte und abschließende Band ist gerade erschienen.

Mit seinem Sinn für das Praktische, das der gewiefte Jurist als Medienpolitiker wie Medienkaufmann immer wieder bewiesen hat, und seiner eigenwilligen Denk- und Darstellungsmethode ist Kluge in unserer intellektuellen Szene ein Solitär. Dabei hat er wie kaum ein anderer die Notwendigkeit gemeinsamer politischer wie intellektueller Anstrengungen hervorgehoben. Er ist überzeugt, dass Gedanken beim Reden entstehen, wenn denn jeder bereit ist, die „Ich-Schranke“ fallen zu lassen. Gedanken lassen Ideen entstehen, auf die ein Gesprächspartner allein nicht gekommen wäre.

Bei diesem Realisten kann man lernen, wie man Enttäuschungen verarbeitet, ohne dem Zynismus zu erliegen. Er sucht immer nach Auswegen, nach Kräften und Fähigkeiten, die uns das Überleben sichern, nach menschlichen Eigenschaften wie dem Eigensinn etwa. Über den verfügt er selbst in hohem Maße.

Alexander Kluge: „Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe. 402 Geschichten.“ Suhrkamp. 564 Seiten, 34,95 Euro. – „Text und Kritik 85/86 Alexander Kluge (Neufassung)“. 155 Seiten, 26 Euro.

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