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00:24 10.10.2014
Siegfried Lenz starb am Dienstag im Alter von 88 Jahren im Kreise der Familie. Quelle: dpa
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Hamburg

Das Wetter am Dienstag war wie so oft von ihm beschrieben. Dünner Regen sprühte durch den grauen Himmel, der pfeifende Wind forderte das Hochziehen des Mantelkragens. An diesem unwirtlichen Tag, wie ihn der nördlichste Polizeiposten Deutschlands in Rugbüll oft erlebt haben könnte, ist dessen Erfinder gestorben: Siegfried Lenz, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller der Nachkriegsliteratur, hat im Alter von 88 Jahren die Kraft verlassen.

Ein Stück Lenz wohnte immer in seinen Figuren, die manchmal konfliktscheu waren, in sich gekehrt, innere Erosion eher still erduldend. Trat er öffentlich auf, schien Lenz die von ihm verursachte Aufmerksamkeit beinahe unangenehm. Als meinte er die Vorstellung nicht erfüllen zu können, die sich andere von ihm machten. Auf Fragen antwortete er präzise, weise, mit Melancholie und sanftem Humor, durchaus gesprächig, aber niemals geschwätzig.

Der Mann, dessen Besonderheit das Unscheinbare war, kam am 17. März 1926 im ostpreußischen Lyck als Sohn eines Zollbeamten zur Welt. Als 17-Jähriger Marinesoldat überlebte er einen Bombenhagel über der Ostsee. Er desertierte, nachdem ein anderer abtrünniger Soldat liquidiert worden war, weil die Nazis „einen Toten brauchten, um uns an ihre Macht zu erinnern“, wie er später sagte. Dem Unterschlupf in Dänemark folgte britische Kriegsgefangenschaft; nach vierjährigem Studium der Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft arbeitete Lenz als Kulturredakteur der „Welt“ in Hamburg.     

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Die Autoren Günter Grass (links) und Siegfried Lenz sind im Gespräch beim SPD-Parteitag in Hamburg am 17.11.1977.

Schon in seinem schriftstellerischen Debüt 1951, „Es waren Habichte in der Luft“, griff er die eigene Erfahrung mit totalitärer Herrschaft auf. Unumwunden gab Lenz zu, begeisterter Hitlerjunge gewesen zu sein, bestritt allerdings den Eintritt als Jugendlicher in die NSDAP, als vor Jahren eine Mitgliedskarte gefunden wurde. Schuld empfand er darin, den Zweiten Weltkrieg überstanden zu haben, während andere in seiner unmittelbaren Nähe starben.

Das Werk, das mit dem Namen Lenz immer zuerst verbunden wird, heißt „Deutschstunde“ (1968). In diesem großen Buch um einen Vater-Sohn-Konflikt und die blinde Erfüllung von Pflicht in der Nazizeit hängt die Schwere wie eine dunkle Rugbüll-Wolke. Ebenso aber ist es ein Genuss, ein Fest, das Buch zu lesen: Wer die Kraft der Sprache liebt, badet in den Bildern von Lenz, seinen Formulierungen, Vergleichen, Ausschmückungen, seiner epischen List. Eine Kunst, die er natürlich nicht nur bei „Deutschstunde“ auf berückende Art anwendete.

Ein politischer Autor

Als Meister der humoristischen Kleinform hatte er sich zuvor in den masurischen Erzählungen „So zärtlich war Suleyken“ gezeigt, die pure Spannung steuerte „Das Feuerschiff“. Das eigene Thema Heimatverlust verarbeitete Lenz in dem auch in Polen gelobten Roman „Heimatmuseum“ (1978). Immer drehte sich sein Schreiben um Verantwortung, Versagen, Schwäche. Sein Erzählton illustriert die Zerbrechlichkeit seiner Figuren und schont sie, die Außenseiter und Verlierer. Für sein Werk bekam er unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck und viele Auszeichnungen mehr.
Im Alter veränderte sich sein Stil. In „Arnes Nachlass“ reduziert er die Sprachgewalt, ohne dass die Wirkung schwindet. Beim Verfassen dieses Romans über einen wunderlichen Jungen, der an verweigerter Zuneigung zerbricht, habe er seelische Schmerzen gehabt, gestand er. Ebenso intensiv näherte er sich in „Schweigeminute“ (2008) dem Wachstum und dem traurigen Ende einer Liebe, verfasst mit großer, kitschfreier Zartheit. Der Ursprung dieser späten Novelle, erneut ein internationaler Erfolg, liegt im Verlust seiner Frau Lilo. Sie starb 2006, 57 Jahre lang war das Paar verheiratet. 2010 heiratete Lenz die Dänin Ulla Reimer.

Der Autor, in einer Reihe mit Günter Grass, Heinrich Böll und Martin Walser stehend, mischte sich wie diese auch unmittelbar politisch ein. Unter anderem begleitete der SPD-Stammwähler Kanzler Willy Brandt 1970 – zusammen mit Grass – zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages nach Warschau, und er unterstützte die Sozialdemokraten in Wahlkämpfen.

Erst vor zwei Monaten erschien das Buch „Schmidt – Lenz“ über die Freundschaft zwischen ihm und Altkanzler Helmut Schmidt. Am Mittwoch, am Tag nach seinem Tod, erscheint eine Auswahl von Lenz’ wichtigsten Essays aus fünf Jahrzehnten als „Gelegenheit zum Staunen“.

In den letzten Jahren lebte Lenz in einer Seniorenresidenz an der Elbchaussee mit Blick auf den geliebten Strom. Zahlreiche Operationen und Bestrahlungen hatten seiner Gesundheit zugesetzt. Am Dienstag früh ist er im Kreis seiner Familie eingeschlafen. Bei einem hanseatischen Wetter, das niemand jemals fühlbarer beschreiben können wird als Siegfried Lenz.     

Mark Daniel

Werke von Siegfried Lenz

Eine Auswahl des umfangreichen Werks des Schriftstellers Siegfried Lenz, der am Dienstag im Alter von 88 Jahren gestorben ist:

„So zärtlich war Suleyken“ (1955): Liebeserklärungen an seine ostpreußische Heimat Masuren nannte Lenz die 20 Geschichten und Skizzen, in denen er raffiniert und witzig Begebenheiten aus dem erfundenen Dorf Suleyken erzählt. Die Holzarbeiter, Fischer, Bauern und Handwerker dort erleben viel Denkwürdiges. 

„Deutschstunde“ (1968): Der erfolgreichste Roman des Autors handelt von einem falsch idealisierten Pflichtbegriff und seinen verheerenden Folgen. Er thematisiert das Verhältnis von Macht und Kunst am Beispiel des Malverbots für den Künstler Jansen - Vorbild war Emil Nolde. Zudem geht es um einen Vater-Sohn-Konflikt. Die Geschichte von Siggi Jepsen, der einen Aufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben muss, gilt international als gelungene literarische Aufarbeitung der jüngeren deutschen Vergangenheit. 

„Heimatmuseum“ (1978): Auch in diesem Roman greift Lenz das Thema Vergangenheitsbewältigung auf. Anhand eines Klinikpatienten, der sein Leben überdenkt, führt er das Problem der deutschen Nachkriegsgesellschaft vor. Der Ich-Erzähler hat sein mühsam errichtetes masurisches Museum angezündet, um das Erbe seiner verlorenen Heimat vor Ideologisierung zu retten. 

„Ein Kriegsende“ (1984): In der Erzählung geht es um den Konflikt von Gehorsam und Verantwortung, Kriegsrecht und Menschlichkeit. Ein deutscher Minensucher verlässt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs einen dänischen Hafen mit dem Auftrag, Verwundete an Bord zu nehmen, und wird unterwegs von der Nachricht der Kapitulation überrascht. Der Kommandant will den Auftrag ausführen, die restliche Besatzung ist dagegen. 

„Schweigeminute“ (2008): In der schmalen Novelle geht es um die Liebe zwischen einem 18-jährigen Gymnasiasten und seiner etwa 30 Jahre alten Englischlehrerin. Die berührende und tragische Geschichte über Glück und Trauer schaffte es auf Platz zwei der „Spiegel“- Bestsellerliste. 

„Landesbühne“ (2009): Die Summe seiner existenzialistischen Lebenssicht konzentriert Lenz in dieser weisen Novelle. Eine Gruppe Strafgefangener bricht aus mit dem Bus der Landesbühne. In einem Ort irgendwo in Schleswig-Holstein spielen die fürs Ensemble gehaltenen Gefangenen selber Theater, feiern, leben auf. Das Buch ist eine Hommage an die Lebenssinn und Lebensfreude schenkende Kraft der Kultur, aber auch ein Bekenntnis zu menschlichen Werte wie Freundschaft. 

„Die Maske“ (2011): In der Titelgeschichte dieses Bandes mit fünf Erzählungen setzt sich Lenz mit Rollenverhalten dem wahren Charakter von Menschen auseinander.

dpa

 

TV-Tipp

Zum Tode von Siegfried Lenz zeigen ARD und ZDF zu bester Sendezeit Verfilmungen des großen Erzählers. Im „Ersten“ läuft am Mittwoch „Das Feuerschiff“, im Zweiten am Donnerstag „Die Flut ist pünktlich“. Beide Dramen beginnen jeweils um 20.15 Uhr. Der für den Mittwochabend geplante ARD-Film „Let's go!“ entfällt, ebenso die für Donnerstag geplante ZDF-Komödie „Überleben an der Scheidungsfront“. 

dpa

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