Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Schriftsteller üben bei Seminar in Wolfenbüttel das Vorlesen

Dann lies mal schön! Schriftsteller üben bei Seminar in Wolfenbüttel das Vorlesen

Wer gut schreibt, kann noch lange nicht gut vortragen. Das sollte er aber, denn der Buchmarkt verlangt es. Wie klingt es, wenn Schriftsteller lesen üben? Ein Seminarbesuch in Wolfenbüttel.

Voriger Artikel
Roland Kaiser startet Comeback-Tour
Nächster Artikel
Museum „Grenzhus“ wird neu gestaltet

Setz! Dich! Durch! Autoren üben die deutliche Aussprache – im freien Gegeneinander.

Quelle: Thorsten Fuchs

Wolfenbüttel. Agnes Hammers schlimmste Lesung wurde vom Fernsehen übertragen. Auf 3sat. Live. Das Fernsehen hatte zuvor noch nie eine Lesung von ihr übertragen. Aber ausgerechnet diesmal war es dabei. Sie atmete schwer. Ihre Hände zitterten. Dann fand sie die Textstelle nicht. „Oh, Scheiße!“, entfuhr es ihr. Ausgerechnet jetzt. „Als ich von der Bühne kam, hatte mir meine Nichte schon eine SMS geschrieben“, erzählt sie. „Da stand dann nur: ,Scheiße‘ sagt man nicht.“ Das war so ein Moment, in dem Agnes Hammer einsah, dass sie an ihrer Auftrittstechnik vielleicht doch noch ein wenig feilen könnte.

Die 41-jährige Jugendbuchautorin zählt mit dieser Erkenntnis zu einer Minderheit der Schriftstellerszene. Zu den wenigen, die wissen, dass es mit Buch-auf-Buch-zu-Abgang nicht getan ist. Die wissen, dass es besser geht. Am Wochenende gehörte sie zu einem Dutzend Autoren, die bei der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel ein Lese- und Auftrittstraining für Schriftsteller absolvierten. Die Akademie bietet das Seminar regelmäßig an. Man kann also sagen: An ihr liegt’s nicht.

Denn Autoren müssen heute nicht nur schreiben. Sie müssen auch lesen. Vorlesen. Und die wenigsten können es. Jedenfalls nicht von allein. Das Seminar ist die Reaktion auf einen veränderten literarischen Markt. Das Publikum will nicht nur Geschichten. Es will auch eine Person. Den echten Menschen hinter dem Buch, bei dem es sich (oder manchmal auch den Autor) fragen kann, was von all dem selbst erlebt ist. Die Verlage wollen dieses Bedürfnis befriedigen. „Die Autoren werden von den Verlagen zu Lesungen regelrecht gedrängt“, sagt Dozent Thomas Lang von der Bundesakademie. Umgekehrt sind Lesungen für viele Autoren überlebenswichtig: Das Honorar für Lesungen übersteigt oft den Lohn für das Buch selbst. Es reicht nicht, einen brillanten Text zu schreiben. Man muss ihn auch vortragen können. Umso schlimmer, dass es so oft scheitert.

Ein sonniger Sonnabend in Wolfenbüttel, Touristen schlendern in kurzen Hosen durch Fachwerkgassen, und in der alten Mühle mühen sich Jugendbuch-, Thriller- und Sachbuchautoren mit einer Million Arten, einen Zehnzeilentext von Thomas Bernhard vorzutragen. Keiner ist dabei, der wegen der Auftritte Autor geworden wäre. „Gebt’s zu, ihr seid geil auf die Bühne“, ruft Lang ihnen in einem Motivationsversuch zu. Die Reaktion: müdes Lächeln. Rampensäue? Fehlanzeige. Sie wollen an den Schreibtisch, nicht in die Scheinwerfer.

Da ist zum Beispiel Thomas Kowalzik aus Bern. Das erste Buch des 41-Jährigen erscheint im April bei Lübbe. Es geht um einen geklonten Jesus, Arbeitstitel „Das letzte Sakrament“, Dan-Brown-Stil. Die Handlung hat er geträumt. Dann hat er ein Jahr freigenommen, eine Weltreise gemacht und das Buch geschrieben. Bisher arbeitet er bei einer Pharmafirma. Wenn es nun mit dem Autorendasein klappte? „Wäre schön.“ Dazu müsste er lesen. Als Musiker kennt er die Bühne. „Aber da bin ich geschützt hinter dem Keyboard.“ Er klingt, als wäre ihm der Platz dort ganz recht.

Elli H. Radinger war Anwältin. Dann beschloss sie, ihr Leben zu ändern, ließ sich scheiden und begann, Wölfe zu erforschen. Manchmal zieht sie wochenlang durch den Yellowstone Nationalpark. Allein. In ihrem Buch, „Wolfsküsse“ (Rütten&Loening), geht es um ihren Lebensweg. „Es ist sehr privat.“ Das Interesse ist groß, das Fernsehen fragt an. Andererseits ist ihr Schauspielerei fremd. Dafür will sie sich wappnen. Agnes Hammer wiederum hat schon als Achtjährige begonnen, Geschichten zu verfassen. Schreiben ist ihr ein Grundbedürfnis. Sie hat Stipendien erhalten, sie ist Stadtschreiberin in Gotha, das Goethe Institut bucht sie für Lesungen. Sie ist: erfolgreich. Und sie drängt sich ungern in den Vordergrund. „Manche Auftritte sind Stress für mich.“

Schreiben und vorlesen, das sind sehr gegensätzliche Talente. Viele Autoren sind bei Lesungen Schauspieler wider Willen. Die Folge sind viele verkorkste Abende. Harry Rowohlt hat einmal zusammengefasst, was ihn an Lesungen stört: „Dass eine Doppelnamentussi 40 Minuten lang Gedichte liest, die sich nicht reimen, und dazu Mineralwasser trinkt, das nicht sprudelt, und dann ist Diskussion.“

Und wie geht es nun richtig? Ein Ausschnitt aus Langs Tipps klingt so: Zeige, dass du etwas Wichtiges mitzuteilen hast. Zeige, dass du dich für deine Geschichte interessierst. Stell dich hinter deinen Text, aber nimm dich nicht wichtiger als ihn. Beim Gang zum Podium Blickkontakt mit dem Publikum aufnehmen – wirkt cool. Der Hauptfeind: die Monotonie. Also auf keinen Fall 45 Minuten am Stück durchgängig lesen. Sondern ein Gespräch zum Einstieg, kurze Einschnitte, Texte und Stimmlagen mischen. „Eine gute Lesung ist wie ein gutes Menü“, sagt Lang. Eine Komposition aus Kleinerem und Größerem, mit Auftakt und Schlussakkord. Eine Inszenierung. Und, bitte, keine Illusionen: „Eine Lesung ist Hochleistungssport.“

Lesungen sind eine eigene Kunstform – und zwar die wahrscheinlich am stärksten vernachlässigte. Die gute Nachricht: Eine Lesung ist auch Handwerk. Man kann es lernen. Am Ende spielt Agnes Hammer mit den Geschwindigkeiten, verzögert und beschleunigt, gibt den Figuren unterschiedliche Stimmen. Das Ganze hat allerdings auch einen Preis. „Ich kann jetzt nie wieder ohne große Vorbereitung einfach auf die Bühne“, sagt eine Teilnehmerin am Ende leicht enttäuscht. Womit ja dann schon eine Menge gewonnen wäre.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Marius Müller-Westernhagen in der Tui-Arena

Marius Müller-Westernhagen spielt vor 10.000 Menschen in der ausverkauften Tui-Arena.