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"Faust" an der Staatsoper

Premiere in Berlin "Faust" an der Staatsoper

Die Berliner Staatsoper ist mit Robert Schumanns "Szenen aus Goethes Faust" in die erste Saison am alten Spielort Unter den Linden gestartet. In der Inszenierung des Intendanten Jürgen Flimm wurde zwar auch spektakulär gesungen und fein musiziert - vor allem aber mit vielen Worten wenig gesagt.

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Viel Personal: Szene aus der Berliner "Faust"-Produktion.

Quelle: dpa

Berlin. Die Berliner Staatsoper war immer ein Theater, das nationale Interessen spiegelte: Friedrich der Große wollte mit dem Bau des Hauses im Zentrum der Macht vor 275 Jahren der preußischen Kultur Glanz und Gloria verleihen, später schätzte es Hermann Göring als Lieblingstheater. Nach dem Zweiten Weltkriegs sollte der Musemtempel sozialistische Überlegenheit in künstlerischen Dingen demonstrieren. Dafür nahm die DDR-Führung sogar in Kauf, das zerstörte Gebäude am Originalzustand orientiert wiederaufzubauen. Der Dirigent Erich Kleiber, der hier in den Zwanzigerjahren Generalmusikdirektor war und mit dem das Politbüro sich unbedingt schmücken wollte, hatte das zur Bedingung gemacht. Im September 1955 erstand die Staatsoper als DDR-Version preußischer Prachtarchitektur aus den Kriegsruinen.

Wenn das Theater Unter den Linden nun die dritte große Eröffnung seiner wechselhaften Geschichte feiert und dabei von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als "ein besonderes Haus nicht nur für Berlin, sondern für das ganze Land" gepriesen wird, erstrahlt es als Synthese der beiden wesentlichen vorigen Bauzustände. Das Büro HG Merz, das die Bauarbeiten geplant hat, zielt auf die Rekonstruktion der Rekonstruktion ab: Wichtigste Vorlage war der Zustand von 1955. In der Staatsoper des wiedervereinigten Deutschlands spiegelt sich das Preußische im Stil der untergegangenen DDR: Ein Haus der Geschichte ohne viel Platz für die Gegenwart.

Die ist am ehesten unter der Decke und hinter den Kulissen zu finden. Wie der Wiederaufbau von 1955 keine echte Wiederherstellung des Zustands von 1742 war, ist auch die aktuelle Restaurierung kein reiner Rückbezug auf den Stand der jungen DDR. Die aufwendige Sanierung hat sieben statt der ursprünglich angesetzten drei Jahre gedauert und 400 Millionen Euro gekostet. Dafür verbindet nun ein Tunnel, durch den ganze Kulissen bewegt werden können, die Hauptbühne mit den Werkstätten im benachbarten Intendantenhaus. Vor allem aber wurde die Decke im Saal um fünf Meter nach oben verschoben und eine "akustische Galerie" geschaffen, die den Nachhall im Zuschauerraum von trockenen 1,1 Sekunden auf spürbar angenehmere 1,6 Sekunden verlängert. Die Akustik, so scheint es ja spätestens seit der Eröffnung der Elbphilharmonie, ist eine der wesentlichen ästhetischen Fragen des 21. Jahrhunderts.

In Berlin hat man sie jetzt mit viel Geschick beantwortet: Die "Szenen aus Goethes Faust" von Robert Schumann, die bei der Eröffnungsgala vor einer beeindruckenden Menge Prominenz aus Politik und Kultur gespielt wurden, tönten luftig und licht, aber auch warm und angenehm gemischt. Unter der Leitung von Daniel Barenboim hat sich die Staatskapelle den Bronzeton vergangener Zeiten bewahrt, der gut in den historisierenden Rahmen passt. Gesungen wird dazu spektakulär (Gretchen: Elsa Dreisig!) bis souverän (Mephistopheles: René Pape, Faust: Roman Trekel). Auch der Chor hat starke Momente, obwohl es immer wieder Koordinierungsprobleme gibt.

Doch Wohlklang allein macht noch keinen großen Opernabend aus. Die Kunst könne "Dinge bewirken, die die Möglichkeiten von Politik und Wirtschaft überschreiten", hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu Beginn in ihrem Grußwort orakelt. Die Inszenierung von Jürgen Flimm ist nicht geeignet, das zu deuten. Der Intendant, der noch bis zum kommenden April im Amt ist, hat Schumanns vertonte "Faust"-Passagen überreichlich mit gesprochenen Ausschnitten aus beiden Teilen des Dramas ergänzt und wie bei ihm üblich mit viel Personal bebildert. Die Schauspieler André Jung (Faust), Sven-Eric Bechtolf (Mephistopheles) und Meike Droste (Gretchen) mühen sich da vergebens, den berühmten Text in neues Licht zu setzen. Sie haben auch sonst keinen leichten Stand: Die Kostüme sehen aus wie bei Gustaf Gründgens, und das Bühnenbild von Markus Lüpertz mit seinen typisch fehlproportionierten Skulpturen könnte genauso ein antikes Schäferspiel oder die "Lustige Witwe" illustrieren.

Warum spielt man so einen altbackenen "Faust" zur Eröffnung eines des modernsten Theaters der Welt? Eine Antwort scheint umso rätselhafter, je weiter sich die Handlung im Ungefähren des zweiten Teils der Tragödie verliert. Der von Steinmeier und Grütters formulierte Anspruch an Kunstform und Institution hat sich nicht im Eröffnungsabend jedenfalls nicht eingelöst. Nach dem turbulenten Start schließt die Staatsoper noch einmal für einige Monate. Dann werden die letzten Türen gestrichen und die erste reguläre Premiere vorbereitet: Im Dezember kommt "Hänsel und Gretel" auf die frisch sanierte Staatsbühne. Etwas Großes stellt man sich irgendwie anders vor.

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