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Schutzraum ohne Schick

Schutzraum ohne Schick

Beim „Architektur im Dialog“ erzählt der Schriftsteller Feridun Zaimoglu von „Eckenstehern“ vor Vorkriegsklinkerbauten, von „Morgensäufern, die sich Frohsinn angesoffen haben“, von „Bürgerhäusern mit Promenadenblick“ und „Arbeiterbaracken, wo die Kurden und Italiener wohnen“.

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„Ich meide Komfortzonen“: Feridun Zaimoglu im Alten Rathaus.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Gerade noch hat er draußen vorm Alten Rathaus gestanden, freundlich gelächelt, gierig am Zigarettenstummel gesogen. Jetzt sitzt Feridun Zaimoglu drinnen im Festsaal und erzählt davon, wie es ist, draußen zu stehen, wo der Wind durch die Häuserschluchten pfeift. „Architektur im Dialog“ heißt die Veranstaltung. Dabei erzählt der Schriftsteller von „Eckenstehern“ vor Vorkriegsklinkerbauten, von „Morgensäufern, die sich Frohsinn angesoffen haben“, von „Bürgerhäusern mit Promenadenblick“ und „Arbeiterbaracken, wo die Kurden und Italiener wohnen“. Und bietet allenfalls ein wenig Hoffnung für weniger Begüterte: „Noch können wir uns halten, trotz der neu heranwachsenden Häuser für Reiche.“

Ganz klar, Architektur spielt eine Rolle in der noch unveröffentlichten Geschichte „Umgebung“, aus der Zaimoglu liest. Einer Geschichte, die auch autobiografische Züge trägt. Der in der Türkei geborene, doch nach Stationen in München und Bonn schon seit 31 Jahren in Kiel lebende Schriftsteller kommt darin selbst als „Schreiber“ vor. Und schildert Kindheitserfahrungen vom Barackenleben und von der späteren elterlichen Wohnung, in der das größte Zimmer, das Wohnzimmer, „dreikommafünf mal drei Schritte“ misst.

Ein Glücksgriff und ein Denkanstoß ist dieser Auftritt für die Lavesstiftung, deren Vorsitzender Wolfgang Schneider den 50-Jährigen eingeladen hat. Ein Pech ist es allerdings, wenn man Zaimoglu nach der Lesung vorwiegend nach seinen architekturästhetischen Ansprüchen befragt – statt nach jener sozialen Umgebung, die er in seiner Geschichte gerade geschildert hat.

Doch genau so geschieht es im anschließenden Dialogversuch mit Moderator Michael Mönninger. Der interessiert sich deutlich mehr für Architektur als für seinen Gesprächspartner. Ob es wohl wichtig sei, dass „gut gebaut“ werde, fragt er den Schriftsteller. Raum sei schon wichtig, räumt der ein, auch ohne Schick als Schutz vor allen Härten des Wetters oder der Gesellschaft. Ob er etwa Hamburg-Eppendorf oder das Rotherbaumviertel schätze. „Ich meide Komfortzonen“, setzt Zaimoglu dagegen, ja, ihn könne durchaus ein „Komfortekel“ überkommen. Ob er dem Bauen denn nicht einen „Hauch von Schönheit“ abgewinnen könne? „Tja, was ist Schönheit“, kontert Zaimoglu. „Auch Plattenbauten galten mal als Fortschritt.“ Halte nicht auch er, Zaimoglu, Istanbul für „die Mutter“, ach was, den „Traum aller Städte“, will Mönninger noch wissen. Und was davon werde Zaimoglu wohl in seinem dort fürs ZDF geplanten Film festhalten? Tja, sagt Zaimoglu, da werde es eher um Menschen als um Häuser gehen, um die Freunde, die er porträtieren wolle.

Feridun Zaimoglu, ein Architekturverächter? Draußen vorm Alten Rathaus, bei einer Zigarette nach der Veranstaltung, stellt der Schriftsteller im kleinen Kreis klar, dass er architektonisch keineswegs bescheiden ist. „Wie organisiert man soziale Durchmischung“, fragt er da in einer kleinen Raucherrunde, „also eine Architektur, die das Zusammenleben wirklich bereichert?“ Nur für Moderator Mönninger war das keine Frage. Schade.

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