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Kultur Sebastian Schug zeigt "Don Juan"
Nachrichten Kultur Sebastian Schug zeigt "Don Juan"
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09:02 10.01.2011
Molières "Don Juan" am Schauspiel Hannover: Aljoscha Stadelmann als Don Juan und Joanna Kitzl als Bauermädchen Charlotte. Quelle: Handout

Am Anfang steht das (umgekehrte) Ende: Unter Rauchschwaden entsteigt Don Juan der Hölle – in die er am Schluss nicht zurückkehren wird. Dann tritt er ein ins Spiel, Don Juan, der skrupellose Verführer, der jeder Frau sofort überdrüssig wird, wenn er sie besessen hat, und der gleich nach der nächsten Eroberung giert, die er genauso schnell wieder vergessen wird. Gespielt wird er von Aljoscha Stadelmann, und der sieht nicht gerade so rank und schlank aus, wie man das Molières Text entnehmen kann, auch wirkt er nach Auftreten und Aufzug leicht prollig. Aber das ist auch eine Art, um Don Juans Verachtung für und seinen Spott über die Mitwelt deutlich zu machen.

Molières „Don Juan“ ist eine Komödie, obwohl in ihr einiges geschieht, was straf- oder zumindest moralisch fragwürdig ist: Totschlag, Entführung, ­Körperverletzung, Betrug  ... Sebastian Schug macht in seiner Inszenierung noch mehr daraus: eine Burleske. Ein Merkmal der Burleske ist es, dass die meisten Protagonisten in ihr Spott zu erdulden haben. „El burlador de Sevilla“ (Der Spötter von Sevilla), so heißt denn auch das Stück von Tirso de Molina, in dem die literarische Figur des Don Juan in die Welt kam und die seitdem immer wieder aufgegriffen worden ist, so eben auch von Molière.

Molières Don Juan aber ist ein anderer als der von Tirso de Molina. Weiß Letzterer, dass er ein Sünder ist, der bestraft werden muss, ist Ersterer ein amoralischer Mann, der weder an Gott noch an den Teufel glaubt und der schon gar keinen Respekt vor anderen Menschen hat. Er ist ein Egomane, der nur an sich selbst glaubt. So spielt ihn Aljoscha Stadelmann auch: als Kraftkerl, an dem alle Warnungen abprallen. Die der verlassenen Donna Elvira sowieso, und wenn Don Juans Diener Sganarelle, den Philippe Goos als verschlagenen Realisten gibt, ihm moralische Vorhaltungen wegen seines Lebenswandels macht, dann fühlt er sich bloß sekundiert und bestätigt.

Ein weiteres Merkmal der Burleske ist die derbe Situationskomik. Mit solcher peppt Schug Molières monolog- und dialogträchtiges Stück kräftig auf. Die Action, über die bei Molière im Nachhinein oder aus der Mauerschau berichtet wird, kommt hier überdreht auf die Bühne: Donna Elviras Entführung aus dem Kloster und ihre Verführung, der Schiffbruch Don Juans und Sganarelles bei einem missglückten Liebesabenteuer sowie der aus dem dritten Akt nach vorne gezogene Degenkampf Don Juans zur Rettung seines Feindes Don Carlos vor Räubern – hier hat wieder Klaus Figge, der schon die Kampfszenen in „Romeo und Julia“ choreografiert hat, Regie geführt. Auch ansonsten: Durch forcierte Bewegung und Sprache bekommt Molières Szenenfolge so etwas wie ein Handlungs­gerüst.

Stadelmann, Goos sowie Joanna Kitzl als Bauernmädchen Charlotte haben von sechs Schauspielern ihre Rollen nur für sich allein – einmal wird aus Don Juan aber auch Sganarelle. Mareike Hein spielt die Donna Elvira und noch zwei kleine Rollen, Alexander Schröder ist sowohl Elviras Stallmeister Gusman als auch Don Juans Gläubiger Dimanche, und Sebastian Hülk, Komtur am Schluss, ist genauso der eifersüchtige Bauer Pierrot wie nach einer grotesken Verwandlung auch das Bauernmädchen Mathurine. Sie alle sitzen meist gemeinsam in Christian Kiehls sparsamem Bühnenbild und verfolgen Don Juans Selbstdarstellungen, bis sie wieder als Opfer mit einbezogen werden.

Bis kurz vor Schluss geht das, abgesehen von Kürzungen, ohne große Eingriffe in den Text ab. Dieser Schluss aber ist ganz anders als gewohnt. Von Don Juans vergifteter Lobpreisung der Heuchelei sind nur ziemlich sinnlos aneinander gereihte Fragmente geblieben. Dieser lange Monolog ist auch fast ein Fremdkörper im Stück, stellt er doch Molières Abrechnung mit jener klerikalen Clique dar, die seinen „Tartuffe“ vom Spielplan verbannt hatte. Und wenn Don Juan diese Fragmente ­daherbrabbelt, steht er allein auf der Bühne; alle anderen Personen, voran der Komtur, haben sich in die erste Reihe des Parketts verfügt. In dieser Schlussszene droht es klamaukig zu werden, was Stadelmann durch Überchargieren (wozu er auch in anderen Rollen in anderen Stücken neigt) noch unterstreicht.

Am Ende liegt Don Juan tot auf der Bühne, doch der Teufel hat ihn trotz seines Beschwörens der Höllenfahrt nicht geholt. Er hat schlichtweg sein Publikum verloren, und auch der Appell an die Zuschauerschaft hilft ihm nicht weiter. Was soll der Spötter noch, wenn er niemanden mehr verspotten kann? Don Juan ist tot, die Protagonisten betreten wieder die Bühne. Sganarelle sagt: „Ich bin traurig.“ Eigentlich müsste er über seinen entgangenen Lohn klagen. Aber nein: „Ich bin traurig.“ Bei allen abstoßenden Zügen seines Charakters, dieser Don Juan strahlte und strahlt auch Faszination aus.

Eindreiviertel Stunden ohne Pause dauert die Aufführung und ist eine runde vergnügliche Sache. Viel Beifall für Schauspieler und Regieteam.

Ekkehard Böhm

Weitere Aufführungen am 13., 20. und 23. Januar. Karten unter der Telefonnummer (05 11) 99 99 11 11.

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